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Aufarbeitung in SyrienKinderfolterer vor Gericht

Atef Najib muss sich in Syrien wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Allen anderen ranghohen Funktionären gelang die Flucht.

Atef Najib, einziger ranghoher Vertreter des Assad-Regimes, der sich nun persönlich vor Gericht verantworten muss Foto: Izz Aldien Alqasem/Anadolu Agency /imago
Julia Neumann

Aus Beirut

Julia Neumann

In blau-beige gestreifter Häftlingskleidung und schwarzen Turnschuhen sitzt Atef Najib in Handschellen hinter Gittern im Gerichtssaal. Atef Najib ist ein Cousin von Baschar al-Assad und war ein ranghoher Funktionär in dessen Regime. Es ist ein historisches Gerichtsverfahren in Syrien: das erste Verfahren gegen Funktionäre des Regimes unter Ex-Machthaber Assad. Nach dessen Sturz im Dezember 2024 hatte die Übergangsregierung die Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen angekündigt.

Der Saal ist voller Menschen: Der Generalstaatsanwalt der Republik, Vertreter der Kommission für Übergangsjustiz, arabische Delegationen, Menschenrechtsverteidiger und Angehörige der Opfer verfolgen das Verfahren.

Vergesst eure Kinder. Wenn Ihr Kinder wollt, macht mehr Kinder. Wenn Ihr nicht wisst, wie, bringt uns eure Frauen und wir machen sie für euch

Atef Najib, mutmaßlicher syrischer Kriegsverbrecher

Atef Najib, 1960 in der Küstenstadt Jableh geboren, machte seinen Abschluss an der syrischen Militärakademie. Er stand seinem Cousin Bassel al-Assad nahe. Sie sollen ähnliche Persönlichkeiten und eine gemeinsame Liebe zu luxuriösen Sportwagen gehabt haben. Bassel, designierter Nachfolger von Hafiz al-Assad, starb 1994 bei einem Autounfall.

Najib leitete ab 2011 die Politische Sicherheitsbehörde in Daraa – kurz vor Ausbruch der Massenproteste. Dort baute er sich mit Todesdrohungen und Korruption ein Finanzimperium auf. Er soll Geschäftsleute und deren Familien erpresst und eingeschüchtert haben, den Warenverkehr sowie die Wasserressourcen kontrolliert haben. „Ich bin Gott in Daraa“, soll er gesagt – und sich als unantastbarer Herrscher über Südsyrien gefühlt haben.

Kinder in den Folterknast

Daraa hat eine symbolische Bedeutung als „Wiege der Revolution“ in Syrien. Damals hatten Kinder mit Graffiti auf eine Schulwand eine Parole gegen das Regime gesprüht, die sich auf den gelernten Augenarzt Baschar al-Assad bezog: „Deine Zeit ist gekommen, Doktor.“

Najibs Behörde verhaftete die Kinder. Obwohl bekannte Persönlichkeiten der Stadt die Freilassung forderten, weigerte sich Najib. Er reagierte mit Beleidigungen, Drohungen und Übergriffen. Bei einem Treffen mit Angehörigen soll er gesagt haben: „Vergesst eure Kinder. Wenn Ihr Kinder wollt, macht mehr Kinder. Wenn Ihr nicht wisst, wie, bringt uns eure Frauen und wir machen sie für euch.“

Atef Najib ließ die Kinder im Gefängnis foltern. Die USA und die EU setzten ihn im April beziehungsweise Mai 2011 auf ihre Sanktionslisten. Als ehemaliger Leiter der Sicherheitsbehörde hat er nun auch die Übergriffe gegen die protestierenden Ein­woh­ne­r*in­nen vor Gericht zu verantworten.

Assad setzte damals zwar einen Untersuchungsausschuss in Daraa ein, entließ seinen Cousin jedoch nicht – sondern versetzte ihn in die Abteilung für Politische Sicherheit in Idlib. Das Untersuchungskomitee erließ am 13. Juni 2011 einen Beschluss, der ihm die Ausreise untersagte. Diese als unzureichend empfundenen Maßnahmen gegen seinen Verwandten steigerten den Unmut der Bevölkerung in Daraa.

Der Einzige, den sie erwischten

Assad schickte Panzer, die Armee reagierte mit scharfer Munition gegen die Protestierenden. Die Proteste weiteten sich zur Volksbewegung aus. Das Regime schlug diese im ganzen Land brutal nieder, es folgten 14 Jahre eines Kriegs, in dem Assad und sein Regime brutale Massaker wie Giftgasangriffe gegen die eigene Bevölkerung verübten.

Baschar al-Assad selbst ist nach Russland geflohen. Er und sein Bruder Maher sowie andere ranghohe frühere Regierungsmitglieder wurden in Abwesenheit angeklagt. Atef Najib wurde im Januar 2025 in Latakia festgenommen. Er ist der einzige der Beschuldigten, der am Sonntag persönlich dem Gericht vorgeführt wurde. Julia Neumann, Beirut

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