Atheismus-Aktivist über Anfeindungen: „Man glaubt einfach daran“

Als er sich von seinem Glauben abwendete, brachte sein Vater ihn zur Polizei im kurdischen Teil des Irak. Heute lebt Amed Sherwan als Aktivist in Deutschland.

Amed Sherwan

Amed Sherwan, Atheismus-Aktivist Foto: Andreas Oetker-Kast

taz am wochenende: Übers Telefon sehe ich es leider nicht – tragen Sie heute wieder ein T-Shirt mit Slogan, Herr Sherwan?

Amed Sherwan: Nein, eines ohne Aufschrift.

Das heißt, es ist nicht Ihr Alltag, sich so sichtbar zu machen wie auf dem CSD in Berlin, wo Sie ein T-Shirt mit dem Slogan „Allah is gay“ getragen haben?

Nein, nicht unbedingt. Es ist ziemlich gefährlich, meist bin ich draußen ohne irgendeine Botschaft auf dem T-Shirt. Das allererste T-Shirt mit Slogan hatte ich 2016, darauf stand „Thank Allah I Am an Atheist“.

Dabei sind Sie in einer religiösen muslimischen Familie aufgewachsen und waren ein gläubiges Kind.

Ich wurde in eine muslimische Familie hineingeboren und habe einfach daran geglaubt, ohne es zu hinterfragen oder zu verstehen, was da im Koran steht. Es sind Sachen, die zu Hause, in der Schule, in der Moschee gesagt werden, und man glaubt einfach daran.

Wie kam es dazu, dass Sie all das als Jugendlicher in Frage gestellt haben?

Das kam durch einen Facebook-Eintrag, auf den ich zufällig gestoßen bin. Danach habe ich mehrere hundert Seiten Bücher gelesen, viele davon als PDF-Dateien, denn die gab es nicht in den Läden bei uns zu kaufen. Und bei den Büchern, die schon übersetzt waren ins Arabische, stand groß darauf, dass sie illegal seien. Es kam mir erst einmal wie Gotteslästerung vor, es war eine ganz andere Welt, über die ich mit niemandem reden konnte.

Was stand in diesen Texten?

Es waren Analysen des Koran und es ging zum Beispiel darum, dass dort zum Krieg gegen die Ungläubigen aufgerufen wird oder um die Rolle der Frau. Es waren auch Texte darüber, wie die Kurden mit Zwang zum Islam bekehrt worden waren.

Und wie sind Sie als frommer Teenager überhaupt auf die entsprechenden Seiten gekommen?

Das ist eine superlustige Geschichte: Ich hatte einen Link zu einer Facebookseite bekommen, den ich weiterverbreiten sollte – mit der Bitte, sie als gotteslästerlich bei Facebook zu melden, um sie sperren zu lassen.

Aber Ihnen hat sie etwas gesagt?

Ja. Ich hatte das Gefühl, dass in meiner Community etwas falsch läuft. Dass ich meiner Kusine nicht die Hand gebe, nicht einmal als Kind. Dass es in meiner Familie so streng war, was die Trennung von Frauen und Männern angeht. Diese Texte und Posts haben mir bestätigt, dass es andere Orte auf der Erde gibt, wo Männer und Frauen gleichberechtigt sind, wo Leute sich kritisch äußern können, ohne sich in Gefahr zu bringen.

Aber erst einmal haben Sie geschwiegen.

Ich habe ziemlich genau ein Jahr lang ein Doppelleben gelebt. Nach außen hin war ich weiter religiös und habe die Moschee besucht, aber auf Facebook war ich mit einem Fakeprofil unterwegs. Nach meinem 15. Geburtstag habe ich meinem Vater dann gesagt, dass ich nicht mehr glaube, aber dass ich seine Religion respektierte.

Wie hat er reagiert?

Er hat mich geschlagen. Und einige Tage später, als ich unter meinem Klarnamen auf Facebook geschrieben habe, wurden Nachbarn und Bekannte meines Vaters darauf aufmerksam und haben ihn angesprochen. Da hat mich mein Vater bei der Polizei angezeigt.

Das ist jetzt sieben Jahre her. Haben Sie wieder ein Verhältnis zu ihm gefunden?

Nie wirklich. Es ist nicht wieder wie vorher, als wir ganz normalen Kontakt als Vater und Sohn hatten. Ich habe damals zwar damit gerechnet, dass Leute sich provoziert fühlen und dass ich Nachrichten mit Morddrohungen bekomme, so wie alle anderen. Ich bin aber nicht davon ausgegangen, dass mein eigener Vater mich der Polizei ausliefert.

Amed Sherwan vor einer Fotowand trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Gott ist die größte Verschwörungstheorie"

Amed Sherwan Foto: Andreas Oetker-Kast

Gab es jemanden in der Familie, der sich auf Ihre Seite gestellt hat?

Niemand hat wirklich meine Seite vertreten. Aber mein Onkel hat trotzdem die Kaution bezahlt und mich aus dem Gefängnis geholt, weil er erfahren hat, dass ich dort gefoltert worden war, und er Mitleid mit mir hatte. Meine Eltern haben mich im Gefängnis besucht, ich habe meinen Vater gebeten, er soll es bitte jemandem da draußen erzählen, es gibt so viele Menschenrechts- und Kinderrechtsorganisationen. Das hat er nicht getan. Er sagte, er hätte nicht damit gerechnet, dass ich gefoltert werde, er hätte mir nur ein bisschen Angst machen wollen.

Danach hat man gegen Sie als 15-Jährigen einen Prozess eröffnet. Wie sind Sie damit zurechtgekommen?

Ich habe versucht, es in die Presse zu bringen. Einige haben darüber berichtet, über Facebook habe ich einen Kontakt zu einem Anwalt in Erbil bekommen, der auf solche Fälle spezialisiert ist. Er hat den Fall halboffiziell vertreten, denn für eine reguläre Vertretung hätte mein Vater unterschreiben müssen, was er nicht wollte. Obwohl ich wegen Gotteslästerung angezeigt wurde, lautete die Anklage nachher auf Widerstand gegen die Staatsgewalt bei meiner Festnahme.

Es ging nicht darum, dass Sie den Koran auf dem Dach Ihres Elternhauses verbrannt hatten?

wurde als 15jähriger in Irakisch-Kurdistan wegen Gotteslästerung verhaftet. Dann floh er nach Deutschland. Als Blogger und Aktivist kämpft er für Meinungs- und Glaubensfreiheit sowie für LGBTI-Rechte. 2020 erschien sein Buch „Kafir. Allah sei Dank bin ich Atheist“ (Edition Nautilus)

Nein, das haben meine Eltern bis heute nicht erfahren; ich habe das ganz heimlich für mich gemacht. Ich musste einfach für mich allein feststellen, ob es einen Gott gibt, der mich dafür bestraft. Es war ein unglaublicher Befreiungsschlag, als nichts passierte, ein Schlusspunkt.

Aber Sie haben es mit Ihrem Buch öffentlich gemacht. Haben Sie nicht Angst, dass man Sie dafür zur Rechenschaft zieht?

Ich bin nicht mehr im Irak, ich weiß nicht, ob meine Eltern das Buch jemals lesen werden. Ich habe für meine Freiheit viel auf mich genommen und werde mich nicht mehr verstecken.

Und früher, im Irak?

Über die Koranverbrennung hätte ich damals nie sprechen können. Aber ich habe öffentlich gesagt, dass ich nicht mehr glaube. Ich war sehr jung und wusste nicht, wie krass die Reaktionen darauf sein können. Ich kannte solche Fälle aus anderen Ländern, aber ich hätte nie gedacht, dass das in Irakisch-Kurdistan auch so passieren kann. Ich bekomme auch noch hier in Deutschland Morddrohungen und Beleidigungen. Aber anders als in Kurdistan werden sie hier von der Polizei geprüft, und sie unternehmen etwas dagegen.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Hatten Sie eine Idee vom Leben in Deutschland, als Sie hierher geflohen sind?

Nicht wirklich, das kam alles sehr hektisch nach der Gerichtsverhandlung. Deutschland war einfach das Land, wohin die meisten geflüchtet sind.

In Deutschland ist Ihr Umfeld sehr bunt: In Ihrer gerade erschienenen Biografie sind Sie umgeben von arabischen Kleinkriminellen über schwule Computerfachleute hin zu biodeutschen Linken. Wie hat sich das zusammengefunden?

In meinen ersten Jahren in Deutschland bin ich sehr einsam gewesen und hatte keine stabilen Kontakte. In Flensburg habe ich dann in einem Geflüchtetenprojekt als Dolmetscher geholfen, darüber habe ich tolle und sehr unterschiedliche Leute kennengelernt.

Dabei sind Sie in Deutschland erst einmal an rechte Kreise geraten.

Über meine Kritik am Islam bin ich erst in einer Szene gelandet, die meine schlimmen Erfahrungen für Propaganda gegen Geflüchtete allgemein nutzen wollte. Ich wurde dadurch auch selbst immer radikaler und habe richtig Angst gehabt vor einer Islamisierung des Landes. Bis ich allmählich erkannt habe, dass sie mit ihren Haltungen genauso schlimm sind wie die Leute, vor denen ich geflüchtet bin.

Wie kam es, dass Sie sich hier wieder für das Recht auf Atheismus engagieren?

Nachdem ich das Ganze im Irak durchgemacht hatte, hatte ich nicht vor, mich wieder mit der Thematik zu beschäftigen. Die ersten zwei Jahre habe ich auch nicht darüber gesprochen oder gepostet. Bis es zu dem Artikel in einem Flensburger Magazin kam, wo ich über Atheismus als Fluchtgrund erzählt habe und wie glücklich ich bin, in einem Land zu leben, in dem Meinungsfreiheit gilt. Deswegen wurde ich von einem Redaktionskollegen bedroht. Er hat mir gesagt: „Ich werde dir den Kopf abschneiden und mit nach Jemen nehmen, auch wenn es das Letzte sein sollte, was ich in Deutschland tue.“ Dadurch habe ich gesehen, wie wichtig es ist, über solche Themen zu reden und dass so etwas sehr häufig passiert.

Sie engagieren sich auch noch für die schwul-lesbische Community. Wie kam das?

Nachdem ich den Islam verlassen hatte, habe ich immer noch gedacht, dass Schwule krank sind. Mit diesen Vorstellungen bin ich aufgewachsen. In Flensburg habe ich direkten Kontakt zu LGBTI-Menschen gefunden, durch eine lesbisch-schwule Disco, die ich mit Freunden besucht habe. Ich habe gemerkt, dass es gerade in der muslimischen Community vielen Leuten aufgrund ihrer Sexualität sehr schlecht geht. Sie erleben ein ganz anderes Leid als ich als Ex-Muslim.

Nachdem Sie das T-Shirt „Allah is gay“ getragen haben, ist auch Ihr Umfeld angefeindet worden. Wie gehen Sie damit um?

Das ist am allerschlimmsten für mich. Ich selbst kann einigermaßen damit klarkommen, ich habe mit Morddrohungen zu tun, seit ich 15 bin. Aber es ist ganz schlimm, wenn Leute, die mir etwas bedeuten, das erleben.

Ist Ihr Alltag durch die Drohungen eingeschränkt?

Ich hatte eine Weile tatsächlich Angst um mein Leben, nachdem ich mit einem Plakat mit zwei sich küssenden Männern auf einer Palästinenser-Demo in Flensburg aufgetaucht bin. Es gibt ein Video davon, wie Leute mich ­direkt auf der Demo körperlich angreifen und das Plakat zerstören. Danach habe ich massiv Drohungen bekommen, ich wurde von denselben Leuten im letzten Jahr auf offener Straße verprügelt. Bis heute werde ich auf der Straße beleidigt und bespuckt. Ich melde das, aber die meisten Anzeigen werden eingestellt.

Passiert gar nichts?

Es werden Gefährderansprachen mit den Leuten geführt, die bekommen Besuch von der Polizei, aber von denselben Leuten werde ich wieder bedroht. Es ist ihnen total egal.

Was lässt Sie weitermachen?

Toll ist, dass ich Nachrichten von Menschen aus Saudi-Arabien, Pakistan, Afghanistan und dem Sudan bekomme, also superkrassen repressiven Ländern, wo Atheismus und Homosexualität unter Todesstrafe stehen. Auch Leute aus Deutschland schreiben mir, dass sie sich nicht trauen, offen mit ihren Haltungen oder ihrer Sexualität umzugehen, aber dass ich ihnen mit meinen Aktionen Hoffnung gebe.

Von Ihrem Engagement können Sie wahrscheinlich nicht leben.

Ich habe gerade einen Job als Tellerwäscher, als Aktivist verdiene ich kein Geld.

Wie planen Sie Ihre Aktionen?

Die Aktionen, die ich mache, sind meist sehr spontan, so dass ich ein paar Stunden vorher etwas auf ein T-Shirt oder Plakat drucke, weil etwas passiert, wo ich reagieren will. Die Leute müssen aushalten, dass man Witze über Religion macht oder nicht einer Meinung ist mit ihnen. Und manchmal muss man Grenzen überschreiten, um etwas zu verändern.

Und Sie müssen aushalten, dass Sie zwischen den Stühlen sitzen, zwischen Islamisten und Rechten.

Das ist sehr anstrengend. Die Zeit war viel leichter, als ich gesagt habe: Alle Muslime sind scheiße. Jetzt, wo ich es differenziert sehe und es nicht den Rechten überlasse, macht es das schwer. Aber inzwischen tauchen keine Rechten mehr auf meiner Seite auf, weil ich mich mittlerweile auch gegen Rassismus engagiere. Ich habe jetzt oft genug wiederholt, dass ich sie genauso scheiße finde wie die Islamisten.

Vermissen Sie manchmal die Sicherheit Ihres Glaubens als Kind?

Ich kann diese Position nicht mehr einnehmen, an Hölle und die ganze Strafen zu glauben. Religion überhaupt ist nichts für mich. Aber viele, die ich kenne, die Schlimmes erlebt haben, sind gläubig und es tut ihnen gut, an Gott und ein Leben nach dem Tod zu glauben. Das ist für mich völlig in Ordnung.

Wie ist heute Ihr Kontakt zu Ihrer Familie in Irakisch-Kurdistan?

Wir telefonieren ab und zu. Meist streiten wir und müssen das Telefonat dann beenden. Wir führen immer wieder das gleiche Gespräch.

Nämlich?

Warum muss ich provozieren? Warum muss ich mich jetzt auch noch für die LGBTI-Community einsetzen?

Woher weiß Ihre Familie das?

Im Internet ist alles offen. Ich habe sie auf meiner Seite schon längst blockiert, aber irgendwie kriegen sie alles mit. Einmal habe ich ein Nacktfoto von mir gepostet, daraufhin kam meine Mutter ins Krankenhaus. Sie haben das Gefühl, als Eltern versagt zu haben. Es ist so, als hätten deutsche Eltern einen Sohn, der sich als Nazi bekennt.

Ihr Kampf ist vermutlich einer, der ein ganzes Leben dauert.

Wahrscheinlich ja. Ich hoffe darauf, dass die nächste oder übernächste Generation in einer freien Welt aufwächst, wo sie selbst entscheidet, was sie glaubt und wie sie leben will.

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