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Armee-Gewalt im WestjordanlandEine Dreiviertelstunde lang liegt Jad Jadallah im Sterben

Im Westjordanland wird ein 14-Jähriger von israelischen Sol­da­t:in­nen erschossen. Videos sollen zeigen, wie die Streikräfte den Teenager verbluten ließen.

Es ist ein kühler, feuchter Nachmittag am 16. November 2025 im Flüchtlingslager al-Far’a im Westjordanland, zwölf Kilometer südlich von Dschenin. In einer seiner engen Gassen liegt der 14-jährige Jad Jadallah im Staub und wälzt sich vor Schmerz hin und her. Er hebt ein Bein in die Luft, um die Aufmerksamkeit der israelischen Sol­da­t:in­nen zu wecken, die einen knappen Meter entfernt von ihm stehen. Er wirft ihnen seine Kopfbedeckung zu, immer wieder. Immer wieder treten die Streitkräfte die Mütze zurück. Er ruft um Hilfe. Sie lassen ihn auf der Straße liegen. Eine Dreiviertelstunde lang. Mindestens.

Ein Soldat nähert sich endlich Jadallah – um ihn mit seinem Smartphone zu filmen, wie er da liegt und blutet. Einige Zeit davor stand Jadallah noch, er war mit seinen zwei Kumpeln in dieser Gasse und schaute neugierig, wie israelische Streitkräfte das Flüchtlingslager betraten. Was er zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Eine Gruppe Sol­da­t:in­nen ist hinter ihnen positioniert. Seine Freunde sehen sie und rennen weg. Jadallah rennt auch, als letzter. Ein Soldat bringt sein Gewehr in Anschlag und zielt auf ihn. Der Teenager fällt zu Boden.

Diese Szene wird von einer Überwachungskamera festgehalten. Wenn die Uhrzeit der Kamera stimmt, geschieht sie kurz vor 16 Uhr. Laut Augenzeugenberichten, die Medien wie die israelische Zeitung Ha'aretz und der britische Sender BBC gesammelt haben, bekommt das Kind erst um 17.28 Uhr erste Hilfe. Etwa anderthalb Stunden später. Weitere Augenzeugen schätzen den Moment des Schusses auf etwa 16.45 Uhr, das wären 45 Minuten.

Das israelische Militär sagt auf Nachfrage, es sei geschossen worden, weil das Kind einen Ziegel geworfen habe. Bloß, auf dem Video sind keine Ziegel zu sehen. In einem späteren Video, von Nachbarn aufgenommen, sieht man einen Soldaten, wie er sich dem Körper des Kindes nähert und ein Objekt neben ihn wirft. Die Familie sagt: Das sei ein Versuch, das Kind unrechtmäßig zu beschuldigen. Die israelischen Streitkräfte sagen, sie hätten von dem Vorfall keine Kenntnis.

230 getötete Jugendliche seit dem 7. Oktober 2023

Jadallah wird diesen Nachmittag nicht überleben. Er stirbt, nachdem er von israelischen Sanitätern weggebracht wird. Nach Angaben des palästinensischen Roten Halbmonds gegenüber der BBC wurden bis dahin zwei Krankenwagen von den Sol­da­t:in­nen daran gehindert, das Kind zu erreichen und zu behandeln. Rettungskräfte bestätigen, sie hätten Jadallah in Sicht gehabt – konnten aber 35 Minuten lang nur zuschauen, wie er blutete.

Das israelische Militär sagt hingegen, das Kind hätte erste medizinische Hilfe erhalten, ließ jedoch offen, um welche Maßnahme es sich dabei handelte und wann sie stattgefunden habe. Ein Video, fünf Sekunden lang, zeigt eine Streitkraft mit blauen Handschuhen, die neben dem Kind kniet und dessen Körper berührt.

Jadallah ist nicht der erste Minderjährige, der im Westjordanland seit dem 7. Oktober 2023 bei israelischen Einsätzen getötet wurde. Laut dem Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen (OCHA) liegt deren Zahl bei mindestens 230. Oft beschuldigt das israelische Militär sie, Steine geworfen zu haben. Etwa in Kafr Malik im Juni, in Beit Furik letzte Woche, in al-Mughajir im Januar, in Kalkila im Dezember. Beweise dafür bleiben oft aus, öffentliche Untersuchungen finden sehr selten statt. (taz)

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