piwik no script img

Argentinische MilitärdiktaturDer Kampf der Narrative

Zum 50. Jahrestag der Militärdiktatur ist Argentinien gespalten. Die einen fordern eine lückenlose Aufklärung, die Milei-Regierung sieht das anders.

Jürgen Vogt

Aus Buenos Aires

Jürgen Vogt

Hunderttausende Menschen in ganz Argentinien gedachten am Dienstag des 50. Jahrestages des Militärputsches und der Opfer der Diktatur. Mit Fotos von Verschwundenen in den Händen gingen sie auf die Straßen und Plätze und forderten Aufklärung über deren Verbleib. Die größte Demonstration fand auf der Plaza de Mayo vor dem Präsidentenpalast im Zentrum von Buenos Aires statt. Überall prangte der Schriftzug „Nunca Más – Nie wieder“. Besonders auffällig war die große Anzahl junger Menschen unter den Teilnehmenden.

Am 24. März 1976 hatte sich das Militär an die Macht geputscht. Es folgte eine als Prozess der nationalen Reorganisation bezeichnete Herrschaft, unter der politische Geg­ne­r*in­nen gnadenlos verfolgt wurden und eine radikal neoliberale Wirtschaftspolitik eingeführt wurde.

Einem offiziellen Bericht zufolge wurden während der bis 1983 andauernden Diktatur mehr als 10.000 Menschen entführt und ermordet. Menschenrechtsorganisationen beziffern die Zahl der Opfer auf 30.000. Viele von ihnen sind noch immer verschwunden. Die Leichen dieser Opfer wurden vom Militär an geheimen Orten verscharrt oder bei den sogenannten Todesflügen ins Meer geworfen.

Die Regierung des libertären Präsidenten Javier Milei beschränkte sich auf die Veröffentlichung eines Videos, mit dem sie erneut ihre Haltung der „vollständigen Erinnerung“ bekräftigt. Das 74-minütige Video beginnt mit einer harschen Kritik an den Vorgängerregierungen, die öffentliche Gelder missbraucht hätten, um eine einseitige Erzählung der Geschehnisse durchzusetzen und dabei „Tausende Opfer staatlicher, paramilitärischer und terroristischer Guerillaaktionen ignoriert, marginalisiert und zum Schweigen gebracht“ hätten.

Theorie der zwei Dämonen

Im Anschluss schildern in dem Video zwei verschieden Betroffene ihre Geschichte. Zunächst Miriam Fernández, das 127. Enkelkind, das von den Großmüttern der Plaza de Mayo gefunden wurde. Die Großmütter der Plaza de Mayo suchen seit Jahrzehnten nach den während der Militärdiktatur geraubten Babys von Verschwundenen.

Danach spricht Arturo Larrabure, Sohn von Argentino Larrabure, einem Offizier, der 1974 von der Revolutionären Volksarmee (ERP) entführt und mehr als 370 Tage später tot aufgefunden wurde. Offensichtlich versucht die Regierung, die „Theorie der zwei Dämonen“ wiederzubeleben, mit der Aktionen von linken Guerillagruppen mit dem Staatsterrorismus der Militärdiktatur gleichgesetzt werden. Am Ende rufen sowohl Larrabure als auch Fernández zur Versöhnung auf.

„Es sind 30.000! Es war und ist Völkermord. Wir vergessen nicht, wir vergeben nicht und wir versöhnen uns nicht!“, heißt es dagegen in der Erklärung, die am Dienstag vor Zehntausenden auf der überfüllten Plaza de Mayo verlesen wurde. „Wir sind auf diesem Platz, mit den 30.000 (Verschwundenen) als unserem Banner, um Milei zu sagen: ‚Die Erinnerung ist unser Werkzeug.‘ ‚Que digan dónde están‘“, skandierten die Anwesenden. Die Militärs sollen sagen, wo die Verschwundenen sind.

Forderung nach Öffnung aller Archive

Gefordert wurde auch die vollständige Öffnung aller staatlichen Archive aus den Jahren 1974 bis 1983, um die Ermittlungen gegen die Verantwortlichen dieser Verbrechen voranzubringen. Nach den jüngsten Angaben der Staatsanwaltschaft für Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde seit Aufhebung der Amnestiegesetze im Jahr 2005 gegen insgesamt 3.873 Personen ermittelt, von denen inzwischen 1.750 verstorben sind.

1.202 Personen wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. 539 Personen befinden sich derzeit in Haft, davon 454 unter Hausarrest. Landesweit finden derzeit 13 öffentliche Gerichtsverfahren statt. Weitere 60 Fälle wurden zur Hauptverhandlung zugelassen, während sich 280 Fälle im Ermittlungsverfahren befinden.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare