Anstehende Einheitsfeier in Bremen : Einheitsbrei und für jeden ist etwas dabei
Die Bremer CDU schürt Angst vor linken Anschlägen zum 3. Oktober. Die gibt's wirklich, doch alle Seiten nutzen den Tag für ein bisschen Aufmerksamkeit.
Foto: Friso Gentsch/dpa
S eit Mai schon fährt eine schwarz-rot-goldene Straßenbahn durch Bremen. „Freut euch aufs Bürgerfest“, verheißt der Slogan darauf, wie so ein Erzengel. Der Zwei-Städte-Staat hat aktuell die Präsidentschaft im Bundesrat und das heißt: Bremen veranstaltet dieses Jahr die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit.
Und diese Einheitsfeier soll groß werden, irgendwie größer als je zuvor in den 36 Jahren seit Verwirklichung der Deutschen Einheit. 400.000 Besucher*innen, vielleicht noch mehr, werden erwartet. Vom 2. bis zum 4. Oktober soll es „Szenarien in der Stadt geben, die Bremen so nie wieder erleben wird“, zitiert der Weser Kurier den zuständigen Mitarbeiter der Senatskanzlei. Da „vibriert die Stadt“, hat Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) gesagt, das war auch schon im Mai.
Aufregend alles! Ein Blick auf das bisher bekannte Programm senkt den Blutdruck dann doch wieder auf Normalwerte. Also: Die Fantastischen Vier kommen jedenfalls, das ist schon mal was. Das restliche Bühnenprogramm wird laut Webseite „wahrscheinlich im September“ präsentiert, steht also vermutlich bestimmt gewiss bis zum 3. Oktober. Irgendwie soll das für Spannung sorgen.
Dann gibt es noch die „Meile der Verfassungsorgane“, hm ja nun, und die „Meile der Bundesländer“ (mit „Leckereien aus allen Ecken der Bundesrepublik“ – Saumagen oder Aal in Gelee oder so). Und natürlich, wie jedes Jahr, die Blaulichtmeile – „mehr als Tatütata“, behauptet die Ankündigung auf der Webseite.
Mehr als Stadtmusikanten?
Bremen selbst stellt sich auch vor beim Fest, mit zehn Aspekten. Das ist wahrscheinlich ganz gut, denn einer ganzen Reihe Ministerpräsident*innen, die vorab auf Instagram befragt wurden, fielen dann zu Bremen ja doch nur „die Stadtmusikanten“ ein. Oder waren sie schlicht zu höflich, um auf die Frage nach „typisch Bremen“ stattdessen „Problemkind“, „Schuldenloch“ und „Bildungsniete“ zu antworten?
Es gibt auch noch ein Riesenrad, und eine große Rakete (keine echte natürlich) und laut einem Sprecher auch einen „Rave im Tunnel“; das klingt zwar irgendwie ungut nach Duisburger Loveparade, aber es ist mal was Anderes für Bremen. Und dann erst das Rahmenprogramm: Theater, Konzerte, Debatten „und vieles mehr“ verspricht die Webseite. Ein paar Vorträge und Filme zur DDR und ihrem Erbe sind dabei, immerhin. Und sonst wird halt noch vermanscht, was alles gerade eh stattfindet an diesen Tagen: Romeo und Julia, eine Kunstausstellung, eine Mitmachstation in der Stadtbibliothek.
Jeder Mückenstich wird geadelt zum Rahmenprogramm. Eine Win-Win-Situation: Das größte Bürgerfest ever kann sein doch etwas mager wirkendes Programm erweitern. Und für die Veranstalter wirft die Einheitsfeier noch ein bisschen zusätzliche Aufmerksamkeit ab.
So etwas Ähnliches haben sich offenbar auch ein paar militante Radikale gedacht: Irgendwie schwelte schon länger was; im August haben Autonome Gruppen auf den Plattformen tumulte.org und Indymedia eine Kampagne ausgerufen. Den Tag der Deutschen Einheit in Bremen zum Desaster zu machen, so das Motto.
Lust auf Krawalle
Nun werden offenbar in loser Folge Anschläge in Bremen mit dem 3. Oktober in Verbindung gebracht, zu dreien gibt es schon entsprechende Bekennerschreiben. Die Attacke auf ein KI-Start-up aus der Bremer Überseestadt, mit Farbe und Buttersäure, hat wegen der Überwachung in der Bremer Straßenbahn mit Künstlicher Intelligenz einen lokalen und halbwegs aktuellen Anlass, aber die Autonomen Gruppen framen ihn auch als Vorgeschmack auf die Proteste gegen die „Deutschland-Feier“.
Schon eine Woche zuvor gab's einen brennenden Tesla auf dem Stadtwerder, Ende August folgte noch ein Angriff auf die Mietwagenfirma Enterprise, der eine Beteiligung an Abschiebungen der Einwanderungsbehörde ICE in den USA vorgeworfen wird. Elon Musk, ICE, alles far, far away in America, aber eine minimale inhaltliche Überleitung reicht auch den Linksradikalen, um alles zusammen zu rühren, im Bekennerschreiben mit dem Hashtag 3. Oktober ein bisschen gegen „Deutschlands Gegenwart und Zukunft“ zu raunzen, und einen „Schwarzen Herbst in Bremen und darüber hinaus“ anzumahnen.
Für die Ausrichtung der Einheitsfeier am 3. Oktober sind reihum alle Bundesländer je einmal alle 16 Jahre zuständig. Meist sorgt das für große Gleichgültigkeit. In Bremen aber ereignet sich bei der Gelegenheit zuverlässig Unvorhergesehenes.
1994: Zum 5. Jahrestag des Mauerfalls hatte der Senat 1994 auf einen Staatsakt ohne Publikumsverkehr in den Messehallen sowie Würstchenbuden auf dem Marktplatz gesetzt. Sämtliche Demos gegen die Einheitsfeier waren im Vorfeld untersagt und allen zivilgesellschaftlichen Bündnissen, die protestieren wollten, eine Streichung aller Zuwendungen in Aussicht gestellt worden. Es kam zu massiven Krawallen, die von der Polizei mit massiver Gewalt und insgesamt 329 Gewahrsamnahmen beantwortet wurden. Das Bad des Bundespräsidenten Roman Herzog in der Menge fiel wegen Eierregens aus. Er brach seinen Bremen-Besuch vorzeitig ab.
2010: Zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung hatten diverse Medien in mehreren besorgten Artikeln ein schlagzeilenträchtiges Szenario wie 16 Jahre zuvor ausgiebig befürchtet. Nach einer verbalradikalen Demo am Vorabend verlaufen die Feierlichkeiten friedlich: Damit hatte die martialisch aufmarschierte Polizei offenkundig nicht gerechnet. Völlig unerwartet hält der neue Bundespräsident Christian Wulff eine wegweisende Rede: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland, erklärt er darin mit pfiffigem Verweis auf Johann Wolfgang von Goethe. Sein Nachfolger wird das aber doof finden.
Dass Bremer Einheitsfeierlichkeiten für Unruhe sorgen, hat Tradition. Irgendwie geht hier zu diesem Anlass ein bisschen mehr als anderswo, in Hamburg etwa hat die Szene 2023 nur eine Gegendemo angemeldet („Deutschland du mieses Stück Scheiße“ wurde als Demomotto damals verboten).
Am Ende stellt sich der Eindruck ein, dass alle ein bisschen von dem ritualisierten Krawall profitieren: Die Autonomen Gruppen kriegen etwas zusätzliche Aufmerksamkeit auf ihre Aktionen; die Opposition darf mit Fug und Recht ihr Lieblingsthema Innere Sicherheit bearbeiten und mehr Rechte für den Verfassungsschutz fordern. Und der Senat? Naja – so gibt es wenigstens ein bisschen Aufregung vorab für das Großereignis. Oder wie die Stadt es auf der Homepage zum Tag der Deutschen Einheit schreibt: „Es ist für jede und jeden etwas dabei.“
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