Animationsfilm „Arco“: Irgendwo überm Regenbogen
Gute Animationsfilme kommen nur aus Japan oder Amerika? Ein großer Irrtum: Ugo Bienvenus Kinodebüt „Arco“ zeigt, was Europa zeichnerisch zu bieten hat.
Es ist die wohl berühmteste Szene aus dem „Zauberer von Oz“: Dorothy fragt sich sehnsüchtig, wie die Welt auf der anderen Seite des Regenbogens aussehen mag. Hoch über den Wolken, wo Träume vielleicht wahr werden und Sorgen zerschmelzen.
Aus eben jenem Wolkenreich in der fernen Zukunft kommt der titelgebende Protagonist in Ugo Bienvenus Spielfilmdebüt „Arco“. Und ebenso wie Dorothy in Kansas kümmert er sich um die Farmtiere der Familie und ist fasziniert von der Ferne. Doch im Gegensatz zu ihr hat er ein buntes Cape, lebt in einer autarken Luxuskuppel und kann durch die Zeit reisen. Der Zehnjährige will die Dinos sehen, also stiehlt er sich heimlich mit einem bunten Flugmantel davon. Doch der Fluchtversuch misslingt.
Arco hat das große Unglück, auf der irdischen Regenbogenseite zu landen. Statt Dorothy trifft er auf die gleichaltrige Iris im Jahr 2075 – ein Mädchen mit Haushaltsroboter, das ihre geschäftigen Eltern meist nur als Hologramme sieht und sich nichts so sehr wünscht wie etwas Veränderung in ihrem Leben. Arco braucht Iris’ Hilfe, um zurück in die Zukunft zu finden. Und so entwickelt sich aus der ungleichen Konstellation schnell eine innige Verbundenheit.
Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, dass der Franzose Bienvenu schon eine lange Karriere hinter sich hat. Sein Stil wirkt so sicher und expressiv, als würde man bereits ein Hauptwerk eines großen Regisseurs bestaunen und nicht etwa das eines Kinoneulings. Mit viel Liebe zum Detail sind die unterschiedlichen Szenen ausstaffiert, von den Ästen auf dem Waldboden über Iris’ gemalte Feuerkäfer bis hin zu den knallbunten Pop-Art-Supermärkten der Neuzeit. Trotz der ernsten Themen, die im Trickfilm verhandelt werden, schwingt so immer eine angenehme Verspieltheit mit.
Überall die Klimakrise
Statt ein großes Epos mit langwieriger Hintergrundgeschichte zu erzählen, konzentriert sich „Arco“ auf ein kleines Ensemble an Charakteren, das neben dem Titelhelden, Iris und dem Haushaltsroboter Mikki noch aus einem schrulligen Trio an Alien-Enthusiasten und Iris’ selbstlosem und in sie verknallten Schulfreund Clifford besteht. Von Arcos Bruchlandung bis zu seiner Rückkehr nach Hause bestreitet die Truppe einen wilden anderthalbstündigen Ritt ohne echte Verschnaufpausen. Überladen fühlt sich die Geschichte jedoch nie an.
Das Bild, das Bienvenu dabei von der nahen Zukunft zeichnet, ist wenig schmeichelhaft. Die Klimakrise ist im Film nämlich omnipräsent. Zu Beginn wütet nachts ein verheerender Sturm. Während draußen die Strommasten abreißen, sitzen die Einwohner:innen unter hermetisch abgeriegelten Kuppeln in ihren Gärten und schauen sich unbeschwert nostalgische Minihologramme an, die beschwingt tanzen. Am nächsten Tag werden die Schäden von Arbeitsrobotern beseitigt, während der Alltag für den Großteil der Bevölkerung nahtlos weitergeht.
Im Laufe der Handlung bricht ein gigantischer Waldbrand aus, der die Stadt in den Lockdown treibt. Auch hier sind es unzählige Androiden, die von der Polizei über die Feuerwehr bis hin zu den Lehrkräften und Haushaltshilfen alles übernehmen. Bienvenu zeigt uns eine farbenfrohe Apokalypse, in der die Erwachsenen die Verantwortung abgegeben haben – nicht nur für die Umwelt, sondern auch für ihre eigenen Kinder. Selbst als ihr Haus von einem Flammenmeer umzingelt wird, fehlt von Iris’ Eltern jede Spur. So ist es Hausroboter Mikki, der sein eigenes Leben für das seiner Besitzer aufs Spiel setzt.
„Arco“. Regie: Ugo Bienvenu. Frankreich/USA 2025, 88 Min.
Nur nach Hause
Dass Arco diese für ihn schon lange überwundene Welt nicht gefällt, macht er nur allzu deutlich. Als einer der Alienfanatiker ihn fragt, warum er ausgerechnet in diese „schlechteste aller Zeiten für die Menschheit“ gereist sei, antwortet er lax: „Das war ein Versehen.“ Eigentlich wolle er nur nach Hause zurück.
Doch auch ihm fällt der Abschied schwer. Denn selbst seine Utopie, in der die Überlebenden nach der großen Sintflut auf hohen Stahlbäumen leben, lässt etwas vermissen. Menschen, die an seine Träume glauben und ihm mit all ihrer Kraft helfen, sie umzusetzen, zum Beispiel. Menschen, wie sie oft nur durch schwierige Zeiten hervorgebracht werden. Menschen wie Iris, die auf der anderen Regenbogenseite leben.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Arco“
Ihr Gras dort ist sicherlich nicht grüner als das im symbiotischen Hightech-Paradies der Zukunft. Aber statt in Eskapismus zu verfallen, ist ihre Begegnung mit der Welt von morgen für sie ein Anstoß, ihre eigene nicht abzuschreiben. Das stimmt hoffnungsvoll – und bereitet schon jetzt Vorfreude auf Bienvenus nächstes Wunderwerk
„Arco“. Regie: Ugo Bienvenu. Frankreich/USA 2025, 88 Min.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert