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Ana-Mendieta-Retrospektive in LondonWie eine Pharaonin auf dem Rücken

Ana Mendieta verhandelte in ihrer feministischen Kunst das Verhältnis von Körper und Ort. Die Londoner Tate zeigt nun ihr beeindruckendes Werk und setzt bewusst Leerstellen.

Auf der rauen Betonwand flimmert Wasser, dessen Oberfläche der Wind in Bewegung setzt. In dem Video, das an die Wand der Tate Modern projiziert wird, bilden zwei Linien aus Sand die Silhouette eines Körpers. Hindurch läuft das Meer der Insel Key Biscanye, das Florida und Kuba wenige hundert Kilometer voneinander trennt. Der achtminütige Film „Ochún“ der kubanischen Künstlerin Ana Mendieta ist Teil der großen Retrospektive in der Londoner Tate.

Gleich zu Beginn führt das Video in ein zentrales Motiv der Künstlerin ein: ihre Flucht als junges Mädchen aus Kuba ins Exil nach Amerika und der stetige Wunsch, sich mit ihrer Herkunft zu verbinden. Gleichzeitig verweist die sich im Wasser auflösende Figur auf Prozesse spiritueller Transzendenz und Transformation. Diese Themen tauchen in ihrer Genre übergreifenden Kunst immer wieder auf.

Das Video stammt aus ihrer weltbekannten Serie „Silueta“, die Mendieta 1973 startete und zu der heute rund 200 Werke zählen. Dabei arbeitete sie zu Beginn mit ihrem Körper, später nur noch mit dessen Silhouette und Materialien wie Sand, Wasser, Blumen, Federn, Baumzweige, Moos oder Feuer. In einer ihrer bekanntesten Fotografien „Imágen de Yágul“, die den Anfang dieser Serie markiert, liegt die Künstlerin wie eine Pharaonin auf dem Rücken, umrandet von Steinen und fast vollständig bedeckt von weißen Blumen. In dem Video „Alma, Silueta en Fuego“ brennt eine Silhouette aus.

Die Ausstellung

„Ana Mendieta“. Tate Modern, London, bis 27. Januar 2027

Mendieta bezeichnete ihre Arbeiten als „Earth Body Art“, bei denen die Verbindung von Körper und Erde im Zentrum steht. Sie grenzte sich dabei bewusst von Künst­le­r*in­nen der Land Art wie Walter de Maria oder Nancy Holt ab, die vorhandene Landschaften als Material verwendeten und sie teils in gigantischem Ausmaß nachhaltig veränderten. Der Mensch ist in Mendietas Werk nicht der Mittelpunkt und Herr­sche­r*in über die Erde, so wie in westlichen Kulturen, sondern Teil davon. So sieht man in dem Video „Grass Breathing“ einen Rasen, der sich bewegt, als würde er atmen. Erst auf den zweiten Blick versteht man, dass Mendieta selbst unter dem grünen Rasen liegt und den Boden mit ihren Atemmuskeln aktiviert.

Gottheiten aus Kalkstein, die es nur noch auf Film gibt

Herkunft und Identität sind bei Mendieta, die 1948 in Havanna geboren wurde, ein wiederkehrendes Thema. Als die Künstlerin 1981 erstmals nach Kuba zurückkehrte, entstand ihre Werkserie „Esculturas Rupestres“ in Havanna. Die Künstlerin meißelte Taíno-Göttinnen, Gottheiten der indigenen Völker der Westindischen Inseln, in die Kalksteinhöhlen des Jaruco-Parks. Doch durch die natürliche Erosion und die sich verändernde Nutzung des Gebiets sind die ephemeren Arbeiten heute nur noch auf Film und Fotografien dokumentiert.

So poetisch und mystisch viele ihrer Arbeiten sind, so radikal und unmissverständlich thematisieren andere Gewalt gegen Frauen. In dem Super-8-Film „Moffitt Building Piece“ dokumentiert sie, wie Fuß­gän­ge­r*in­nen an einer Haustür vorbeilaufen, aus der scheinbar Blut fließt, das sie zuvor dort verteilte. Gleichgültig laufen die Pas­san­t*in­nen am vermeintlichen Tatort vorbei. Die Arbeit ist eine Reaktion auf einen Femizid an ihrer Universität, es geht um Gewalt gegen Frauen hinter verschlossenen Türen. Mendieta selbst verstand sich als Teil einer zweiten Welle des Feminismus in den USA, setzte sich kritisch von der vorherrschenden weißen, bürgerlichen Frauenbewegung ab und nahm auch – wie etwa Audre Lorde – die Zusammenhänge von Rassismus und Sexismus in den Blick.

Über die Arbeiten der Künstlerin wird in den Wandtexten der Ausstellung vieles gesagt. Ihre Biografie jedoch erzählt die Tate nur unvollständig. Es fehlen Informationen zu ihrer Rezeptionsgeschichte, zu den Hintergründen ihres Exils und vor allem zu ihrem tragischen Tod mit nur 36 Jahren. Mendieta war am 8. September 1985 aus dem 34. Stock eines New Yorker Wohnhauses gestürzt, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem bekannten Bildhauer Carl Andre, gelebt hatte. Ihr Tod wurde lange zu einer Sensation gemacht und dominiert auch heute noch die Berichterstattung über sie. Die Entscheidung, Teile von Mendietas Leben einfach auszuklammern, wird sowohl von den Ku­ra­to­r*in­nen als auch vom Estate Ana Mendieta getragen, das ihren Nachlass verwaltet.

Raquel Cecilia Mendieta, Mendietas Nichte und Hauptverantwortliche des Estates, erklärte in einem Interview mit der New York Times, dass sie das Narrativ über die Künstlerin vom Tod wieder auf ihr Werk lenken wolle. Das spiegelt sich nun in der Londoner Ausstellung wider. Das ist klug, denn ihr Tod darf keinesfalls ihre Rezeptionsgeschichte dominieren. Die Retrospektive ist somit eine längst ausstehende Wiederkehr von Mendietas Kunst auf der internationalen Bühne.

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