Schiedsrichter auf einem Platz

Allein gelassen? Schiedsrichter bei Amateurfußballspiel, Berlin 2016 Foto: Sebastian Wells

Amateurfußball in der Krise

Spiel um die Zukunft

Auf Fußballplätzen geht es immer gewalttätiger zu, die Bereitschaft zum Ehrenamt nimmt ab. Was setzen Vereine und Verbände dagegen?

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26.1.2020, 11:30 UHR

Das Spiel entgleitet dem Schiedsrichter zunehmend, obwohl es entspannt begonnen hat. Der BSV Al-Dersimspor liegt in Führung gegen den Frohnauer SC, es ist eine übliche Fußballpartie in der Berlin-Liga. Doch kurz nach der Pause kassiert die Mannschaft von Al-Dersimspor erst den Anschlusstreffer und dann einen Platzverweis; Schiedsrichter Stefan Paffrath benachteilige sie systematisch, ist plötzlich der Vorwurf. Auch Rassismus steht im Raum; Al-Dersimspor ist ein migrantisch geprägter Verein und fühlt sich, wie Mitglieder gegenüber der taz erklären, häufig als Opfer zu harter Schiedsrichterentscheidungen.

Dass Migrantenvereine im Fairplay-Ranking der Liga weit unten stehen, macht die Situation komplexer. Ein Pulverfass, das schließlich explodiert: Das Spiel von Al-Dersimspor gegen den Frohnauer SC gerät außer Kontrolle, vier Platzverweise verteilt Paffrath insgesamt. Auch er wird kritisiert, weil er bei aufgeheizter Lage noch Nachspielzeit gibt. Auf dem Rückweg in die Kabine schlägt ein Spieler von Al-Dersimspor den Schiedsrichter ins Gesicht, der Mann ist außer sich, Vereinsmitarbeiter halten ihn von weiteren Angriffen ab.

Diese Szene aus dem Herbst 2019 ist eine Eskalation zu viel im Amateurfußball: Am 25. und 26. Oktober 2019 streiken die Berliner SchiedsrichterInnen, zum ersten Mal überhaupt. Die rund 1.500 Spiele unterhalb der Oberliga, die an diesem Wochenende angesetzt waren, finden nicht statt. „Die Gewalt auf Berlins Plätzen ist in dieser Saison gegenüber der Vorsaison gestiegen“, begründet der Schiedsrichterbeirat die Entscheidung. „Alarmierende Zahlen“ von Gewalt und Diskriminierung gebe es.

Jörg Wehling, der Chef des BFV-Schiedsrichterausschusses, spricht da von 109 Vorfällen von Gewalt und Diskriminierung in der gegenwärtigen Saison, davon 53 gegen SchiedsrichterInnen. Vor allem die unteren Ligen im Männerbereich seien betroffen, bundesweit sorgten dort zuletzt Hetzjagden oder Schläge gegen Schiedsrichter für Aufmerksamkeit. Der Rest sind Vorfälle von verbaler und körperlicher Gewalt etwa unter SpielerInnen. Auf dem Verbandstag im November treiben den Amateurfußball neben diesem Thema noch andere Dinge um. Die Vereine befinden sich seit Jahren in einem grundsätzlichen Umbruch, einer Krise vielleicht.

26 Euro Spesen

Unter anderem, weil das Ehrenamt schrumpft: Das Fußballmagazin Zeitspiel recherchierte jüngst einen bundesweiten Rückgang der EhrenamtlerInnen in Sportvereinen um 20 Prozent seit 2014. Neben TrainerInnen, JugendleiterInnen, Vereinsvorsitzenden arbeiten auch die SchiedsrichterInnen in den lokalen Berliner Ligen ehrenamtlich, sie erhalten lediglich Spesen (beispielsweise 26 Euro für ein Kreisligaspiel) und Fahrtkostenpauschale; derzeit kommen auf etwa 1.500 Spiele pro Wochenende nur rund 1.100 Schiris. Die Probleme sind also verknüpft. Zahlreiche Klubs müssen sich professionalisieren, der Verwaltungsaufwand steigt, aber es fehlen ihnen die Gelder und Konzepte dafür. Lange Zeit genoss der Vereinsfußball eine Monopolstellung.

Wegen des großen Investmentbooms an der Spitze, aber auch wegen Veränderungen der gesellschaftlichen Struktur: Der Kiezverein war Treffpunkt und gerade für Männer auch Mittelpunkt des Wochenendes, die Gesellschaft war statischer, viele BürgerInnen wohnten ihr Leben lang im selben Kiez, und das Netflix-Konzept „Was du willst, wo du willst, wann du willst“ war noch nicht erfunden. Im letzten Jahrzehnt aber hat sich die Freizeit massiv diversifiziert; Fitnessstudios und Sport-Flat­rates passen flexibler in die überfüllten Terminkalender, Monetarisierung und Individualisierung steigen.

Seit 2009 ging die Anzahl der gemeldeten Fußballteams bundesweit um etwa 24.000 zurück, die Zahl der Vereine sank um etwa 1.000. Dafür stiegen die Mitgliederzahlen, es konzen­trie­ren sich also mehr Mitglieder auf weniger Klubs.

Was würde die Gesellschaft verlieren, wenn das System Verein verloren ginge? Es ist unsinnig, den Verein, wie der Fußball das gern selbst tut, zu idealisieren. Die Strukturen in Sportvereinen sind meist starr, die Gremien und Vorstände alt, weiß und männlich, und oft schon Jahrzehnte im Amt; statt Demokratie herrscht an der Basis eher Mäzenatentum. Der Fußballbetrieb selbst ist eine der letzten beinahe totalen Männerbastionen der Gesellschaft, und Verbandstage sind piefig.

Aber die Arbeit, die viele dieser Vereine zunehmend leisten, für Integration, für Inklusion – laut Deutschem Fußball-Bund (DFB) gibt es 1,7 Millionen Ehrenamtliche im Amateurfußball – ist kaum ersetzbar. Nach Informationen des Portals fussball.de hatten 2019 beachtliche 17 Prozent aller Fußballvereine spe­ziel­le Angebote für Geflüchtete. Auch wenn es ermüdend oft gesagt wird: An kaum einem Ort kommen Kinder verschiedener Schichten und Hintergründe noch so gut und relativ bezahlbar zusammen wie im Fußballverein; der Berliner Vereinsbeitrag liegt im Schnitt bei 15 Euro im Monat.

Der Schwund des Ehrenamts ist nicht zuletzt Warnzeichen eines größeren demokratischen Schwunds, etwa in der Politik, wo sich immer weniger ehrenamtliche BürgermeisterInnen finden. Wie also stellt sich der Amateurfußball auf die Zukunft ein? Ist es, gerade wegen der höheren Anforderungen, Zeit für eine Professionalisierung? Und ist der als schwerfällig kritisierte Verband in der Lage, sich um Innovation zu kümmern?

„Eines der wichtigsten Themen in diesem Jahr wird für uns die Gewalt auf den Plätzen, gegen Schiedsrichter, aber auch unter Spielern“, sagt Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußball-Verbands (BFV), der taz. „Es kann nicht sein, dass Schiedsrichter auf dem Platz Angst haben müssen.“ Allerdings scheint der Verband ein Interesse zu haben, beim Gewaltthema geringe Zahlen zu präsentieren.

Von gestern? Handschlag zwischen Schiri und Spielern vor dem Spiel Foto: Sebastian Wells

Die BFV-Pressestelle schreibt auf Anfrage: „Es gibt zumindest in Berlin immer ein bis drei massivere Vorfälle, bei denen auch Schiedsrichter als Opfer vorkommen. Diese gab es schon immer.“ Der Verband zählt hier als massive Vorfälle nur Schläge oder Angriffe, nicht aber Drohungen und Beleidigungen. Die sind als Vorfälle offenbar bloß Berufsrisiko der SchiedsrichterInnen. Auch einen Zuwachs sieht der BFV nicht, es würden schlicht mehr Zwischenfälle notiert. „Viele Schiedsrichter haben diese Möglichkeit auf dem Spielformular vorher selten benutzt, heute wird diese Funktion dagegen vermehrt genutzt und ist zählbar“, so Sprecherin Vera Krings. „Die Zahlen haben sich nicht erhöht, nur die Sensibilität ist gestiegen.“

Keine soliden Zahlen

Das Letztere scheint durchaus plausibel, denn ein Kernproblem im Amateurfußball trifft auch hier zu: Eine solide Zahlengrundlage gibt es nicht. Einerseits klagen nicht nur Unparteiische, sondern auch Vereinsvorsitzende über steigende Aggressionen auf dem Platz, von Eltern, SpielerInnen, TrainerInnen. „In der vergangenen Saison gab es 40 Spielabbrüche in den Berliner Ligen. Zur Halbzeit dieser Saison sind es schon 34“, sagte jüngst der eingangs erwähnte Schiedsrichter Stefan Paffrath. Selbst der Verband sah sich zu Kampagnen gegen verbal aggressive Eltern genötigt, ein vergleichsweise neues Massenphänomen.

Andererseits erhebt der DFB Statistiken aus den Spielformularen erst seit etwa fünf Jahren, Langzeitstudien zum Thema fehlen fast völlig; und wo es sie gibt, deuten sie eher ein kons­tantes Level von Gewalt an. Gefühlte und gezählte Gewalt könnten auch im Fußball auseinandergehen. Weil aber immerhin über das Grundproblem weitgehende Einigkeit herrscht und sich hier leicht Aktivität signalisieren lässt, bewegt sich beim Thema Gewalt zurzeit am meisten.

Im November beschlossen die TeilnehmerInnen des Arbeitsverbandstags, das Strafmaß bei Gewalt zu erhöhen, in schweren Fällen sollen GewalttäterInnen konsequenter als bislang ganz vom Berliner Fußball ausgeschlossen werden. Eine juristische Prüfung dieser Maßnahmen dauert noch an. Außerdem sollen „aufstiegs­berech­tig­te Herrenmannschaften“ mindestens eine Ansprechperson für SchiedsrichterInnen benennen und mehr Regelschulungen für TrainerInnen und Teams stattfinden.

Auch wegen der öffentlichen Aufmerksamkeit für die SchiedsrichterInnen hat der Verband schnell reagiert. Schwerer tut er sich mit dem Thema Ehrenamt. Kritiker des Verbands wie Bernd Fiedler fordern eine weitgehende Professionalisierung des Vereinswesens. Das Ehrenamt sei in der heutigen Zeit nicht mehr haltbar. BFV-Präsident Bernd Schultz sagt dagegen: „Ich glaube, dass das Ehrenamt noch dem Zeitgeist entspricht. Wir beziehen junge Leute jetzt frühzeitig ein, zeichnen sie früh aus. Es wird eine wichtige Säule des Sports bleiben.“

Es ist unsinnig, den Verein, wie der Fußball das gern selbst tut, zu idealisieren

Es gebe mittlerweile sehr viele Onlineverfahren und Lehrgänge als eLearning; beispielsweise müssen Bögen dann nicht mehr analog ins BFV-Büro geschickt werden, und Neulinge können sich mit eLearning zu Hause auf Schiedsrichterkurse vorbereiten, statt ganze Wochenenden unterwegs zu sein. „Wir müssen die Ehrenamtler stärken, zum Beispiel durch die Anerkennung ehrenamtlicher Tätigkeit bei der Rentenberechnung. Wir müssen Bürokratie abbauen.“

Schultz erwartet in Zukunft eine Mischform: Professionalisierung bei größeren Amateurklubs, Ehrenamt bei kleineren Vereinen. Aber reicht es, mehr Onlineformulare zu erstellen, wenn unter den Ehrenamtlichen bald eine ganze Generation 60-jähriger Herren aufhört und die Vereine wenig Ersatz finden?

Die Zahlen des BFV zu diesem Thema sind einigermaßen bizarr. „In diesem Bereich können wir leider keine konkreten Zahlen erheben, da ehrenamtlich Tätige nicht meldepflichtig sind. Im Berliner Fußball sind es derzeit rund 6.000 Ehrenamtliche. Von einem Rückgang kann man nicht sprechen“, so lautet wörtlich die Antwort der Pressestelle. Wie will der Berliner Verband ohne Zahlenerhebung auf solche Angaben kommen?

Ohne Ehrenamt nicht möglich: Jugendfußballturnier in Berlin, 2016 Foto: Sebastian Wells

Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass der Verband schlicht rät. 3.500 Mannschaften gebe es, wobei man davon ausgeht, dass jede davon mindestens eine ehrenamtliche BetreuerIn und/oder TrainerIn habe, dazu kämen JugendleiterInnen und Vorsitzende. Freilich lässt diese Rechnung außen vor, dass Menschen oft Trainer und Jugendleiter oder Vorstand in Personalunion sind; und gerade im Kinderbereich betreuen TrainerInnen häufig mehrere Teams. Da die Zahl der Teams nicht sinke, sinke auch die Zahl der Ehrenamtlichen nicht, so ist die naive Kalkulation. Die ehrlichere Antwort wäre: Der BFV weiß schlicht nicht, wie viele EhrenamtlerInnen im Berliner Fußball tätig sind.

Wer Innovationen sucht, muss konstanter darüber sprechen als bisher. Langsam entwickelt sich das: Neue Regionalkonferenzen mit jeweils drei Berliner Bezirken sollen drei- bis viermal im Jahr einen besseren Austausch gewähren. Eine neue AG Zukunft soll sich 2020 um eben diese Zukunft kümmern, auch um eine mögliche Amtszeitbegrenzung des Präsidenten und eine Frauenquote fürs BFV-Präsidium. Allerdings auf Druck der üblichen Verdächtigen der Basis, nicht auf Ini­tia­tive des BFV.

Auf den Vorwurf einiger Kritiker, dem Verband fehle es an Innovation, entgegnet Schultz, man sei einer der innovativsten Verbände, und nennt etwa das flexible Spielrecht für trans Personen. Seit November dürfen Personen mit der Geschlechtszuordnung „divers“ im Berliner Verband frei wählen, ob sie in Männer- oder Frauenteams spielen.

Gesellschaftspolitisch ist der Berliner Verband tatsächlich vergleichsweise progressiv; er setzt sich auch seit Jahren etwa gegen Homophobie ein. Allerdings gilt das nicht für alle Gebiete: In seinem Präsidium ist die einzige Frau neben 13 Männern natürlich für Frauenfußball zuständig. Der Berliner Frauenfußball stagniert: Die Zahl der Frauenteams sank von 103 in der Saison 2016/17 auf aktuell 94; bedenkt man die Entwicklung seit 2011, waren die Zahlen damals ähnlich wie heute, erlebten dann einen kurzen Aufschwung zwischen 2014 und 2018 und fielen seitdem wieder.

Im November wurde ein Antrag auf eine Frauenquote von 30 Prozent im BFV-Präsidium gestellt, doch der Präsident ist dagegen. „Ich bin dann für eine Quote, wenn wir feststellen, dass Männer die Wahl von Frauen verhindern. Das ist aber nicht so“, so Bernd Schultz. „Wir haben einfach nicht genug Kandidatinnen.“ In den Vereinen seien nur 10 Prozent der Mitglieder weiblich. Dass gerade eine Quote Motivation sein kann, Frauen zu fördern und zur Kandidatur zu ermutigen, sieht man beim Verband offenbar anders. „Wir brauchen eine Gesamtförderung von Frauen im Fußball. Das Problem lösen wir nicht über eine Quote.“ Und die Trainerinnenlehrgänge rein für Frauen, die der BFV anbiete, seien gar nicht so nachgefragt, berichtet Schultz.

Der BFV weiß schlicht nicht, wie viele EhrenamtlerInnen im Berliner Fußball tätig sind.

Nadine Fröhnel, beim Verband für Frauen und Mädchen zuständig, erklärt das mit einem gesellschaftlichen Problem. „Wir haben generell zu wenig Frauen, weil die meisten mit Kindern beschäftigt sind und gar keine Zeit haben, sich im Ehrenamt zu engagieren. Sie sind daran auch gar nicht interessiert.“ Bei den Trainerinnenlehrgängen habe man die nötigen 22 Frauen überhaupt nicht zusammenbekommen, etwa zehn Anmeldungen seien es gewesen. Ein anderer Teil wiederum wolle gar keine eigenen Lehrgänge, sondern mit den Männern lernen.

Wie niedrig offenbar die Hoffnungen sind, zeigt sich daran, dass Fröhnel mit dem aktuellen Anteil von 10 Prozent Frauen zufrieden ist: „Das ist schon gut, es sollte nur nicht runtergehen.“ Eine Quote im Präsidium möchte auch sie nicht haben. „Wenn eine Frau direkt ins Präsidium aufsteigt, ohne etwas davon zu verstehen, wird damit eher etwas kaputtgemacht.“ Lieber solle man von unten aufbauen: „Die Vereine müssten eigentlich eine Frauenquote haben. Und die Ausschüsse des BFV. Wenn von unten etwas nachwächst, werden wir auch mehr Frauen im Präsidium haben.“

In anderen Bereichen sorgt man sich aus ureigenstem Interesse um Diversität; nach Schultz’ Wunsch soll künftig festgeschrieben werden, dass mindestens ein Vertreter in den Gremien „jung“ sein solle: „Das nenne ich aber nicht Quote.“ Freilich ist es nichts anderes als eine Quote. Jugendquote, aber keine Frauenquote? Die jungen Leute, glaubt Schultz, seien eben ausreichend da. „Andere Verbände haben damit positive Erfahrungen gemacht.“ Auf der Suche nach der Zukunft werden auch solche Fragen relevant.

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