Alternativen zur Fußball-WM in Katar: Ratgeber für Boykotteure

Mit der Auslosung nimmt die Fußball-WM in Katar Gestalt an. Die taz stellt zehn Ideen als Alternative vor.

Eine noch sehr unfertige Stadionbaustelle in Katar

Hier wurde das Gewissen vieler Fußballfans untergraben: das al-Bayt-Stadion im Norden von Katar Foto: imago

Es ist zum Davonlaufen. Nichts und niemand mehr wird die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer, die im November in Katar beginnen wird, aufhalten. „Die größte Show der Erde“ hat Gianni Infantino, der Präsident des internationalen Fußballverbands, vor der Auslosung der Gruppen schon jetzt versprochen. Viele Fußball-Fans waren schon vor der skandalumrankten Vergabe des Turniers in das Emirat angewidert von der Versammlung der Korruptionäre mit dem Namen Fifa.

Die Entscheidung für Katar hat ihnen den Rest gegeben. Die immer neuen Nachrichten von weiteren Todesfällen auf den Baustellen für Stadien oder die WM-Infrastruktur vergällen selbst eingefleischten Fußballfans die Lust auf das Turnier. Von Boykott ist die Rede. Wenn schon kein qualifiziertes Land absagt, dann wollen sie einen privaten WM-Streik durchführen. Motto: Sollen die nur spielen, ich schau mir das nicht an.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Leicht wird es nicht. Man wird sich in den kalten Herbst- und Winterwochen dem WM-Geschehen nur schwer entziehen können. Als vor gut einer Woche feststand, dass sich Italien wieder nicht für die WM qualifiziert hat, schäumten Medien, auch die sozialen, über vor Häme, Mitleid, Entsetzen und Analysen. So mancher, der sich vorgenommen hatte, die WM zu boykottieren, diskutierte da vielleicht mit. Im November, wenn die WM losgeht, wird der Fußball wieder seine unheimliche Macht über Fans und Interessierte entfalten. Es wird schwer, sich dem zu entziehen. Ein persönlicher WM-Boykott bedarf intensiver Vorbereitung. Was tun, wenn die Welt in News von der Fußball-WM versinkt? Das Wegschauen kann harte Arbeit sein. Es kann aber auch Spaß machen. Und vom Sport braucht sich dabei niemand zu verabschieden.

Die Leibesübungen-Redaktion der taz hat sich ein paar Gedanken dazu gemacht und einen kleinen Ratgeber für Boykotteure zusammengestellt. Hier sind die 10 Top-Alternativen zur Fußball-WM 2022.

1. Schon mal Pok-Ta-Pok gespielt?

Wenn die Weltgeschichte sich nur ein klein bisschen anders entwickelt hätte, wäre unser beliebtestes Ballspiel vielleicht eines, das aus dem Pok-Ta-Pok käme: mit der Hüfte, dem Ellenbogen, dem Kopf oder den Knien – irgendwie muss der Ball in der Luft gehalten werden. Es gehört zu den mesoamerikanischen Ballspielen und war gerade im heutigen Mexiko sehr populär. Pok-Ta-Pok wäre vielleicht Weltsport, wenn die Konquistadoren nicht gekommen wären. Also die Leute, die später auch den Fußball nach Katar bringen wollten.

2. Wie wär’s mit Folk Football?

Etwas mehr als 2.000 Orte gibt es in Deutschland, die als Dörfer gelten können. Das bietet die Chance für etwa tausend großartige Derbys, die die ursprüngliche Schönheit des Fußballs heraufbeschwören. Warum also nicht einfach mal die Trottel aus dem Nachbardorf verkloppen? Für den Spaß gibt es auch den schönen Namen „Mob-Football“, und der trifft es schon ganz gut – wenn nicht gerade die aus dem Nachbardorf getroffen werden. In jedem Dorf gab es eine Art Tor, manchmal ist es auch der Balkon der jeweils anderen Kirche. Da sollte der Ball hin – mit jedem denkbaren Mittel. Schon 1314 sollte es erstmals verboten werden, aber gespielt wurde es bis ins 19. Jahrhundert. Erst als Rugby auf der einen und Fußball auf der anderen Seite populär wurden, verschwand Folk Football. Im 21. Jahrhundert sollte es so richtig groß rauskommen.

3. Ganz einfach: Homekicking!

Fußball ist nach Habermas bekanntlich eine Duplizierung der Arbeitswelt, aber wem sagen wir das! Und wenn zu Covid-Zeiten weite Teile des Broterwerbs zu Hause stattfinden müssen, warum sollte sich dann nicht zum Homeoffice das Homekicking gesellen? Wichtig ist, den Lederball sehr prall aufzupumpen, sonst gibt es keine zählbaren Ergebnisse. Homekicking ist kein Fußball für die Galerie. Nein, hier werden Blumentöppe geholt – und zwar direkt vom Fensterbrett. Wer sich den Fernseher als Tor ausguckt, schafft sich ein ideales Trainingsumfeld, um kräftig geschossene Elfer zu üben. Wer mit der Kugel die Mattscheibe zerschießt, der hat auch im richtigen Leben, auf dem Fußballplatz, beste Chancen zu zeigen, was er draufhat.

4. Ganz großes Tennis

Dem Fußball ist seine ungebremste Schönheit abhanden gekommen. Ästhetische Highlights wie das Zurschaustellen nackter, im unteren Bereich nach vorn gewölbter Oberkörper, gerne mit seitwärts nach oben gestreckten Armen, an deren einem Ende ein Plastikbecher ist, aus dem das Bier zurück auf den Kopf schwappt – so was gibts doch im scheißmodernen Kommerzfußball nicht mehr! Folglich muss der echte Fan dahin gehen, wo der Sport noch volkstümlich ist, wo es rau, aber herzlich zugeht und die Stadionwurst noch bezahlbar ist: ins Tennisstadion. Der Davis-Cup findet dieses Jahr Ende November statt.

5. Ab nach Kontiolahti!

Fußball mag der Deutschen liebster Sport sein, ihr liebster Wintersport ist ohne Frage Biathlon. Keine Woche nach dem WM-Eröffnungsspiel findet der Saisonauftakt im Weltcup im finnischen Kontiolahti statt. Ob das eine Reise wert ist? Wer sich nicht wirklich für Biathlon interessiert, kann ja die Landschaft erkunden. Den Höytiäinen zum Beispiel, einen der 20 größten Seen Finnlands. Und sportlich? Für die Deutschen beginnt mit dem Weltcup in Kontiolahto die Saison, deren Höhepunkt die Heim-WM in Oberhof sein wird. Was kann es Schöneres für einen eingefleischten Schlandianer geben? Wer Biathlon lieber im Fernsehen verfolgt, kann vom 23. November bis zum Tag des WM-Endpiels fast jeden Tag Biathlon schauen. Von Kontiolahti ziehen die Skijäger nach Hochfilzen und Annecy.

6. Sport lesen

64 Spiele, die mindestens 90 Minuten dauern, werden bei der Fußball-WM gespielt. Das sind 5.760 Minuten. Das sollte selbst für den dicksten Wälzer reichen. Ganz viel Zeit also, um endlich „Unendlicher Spaß“, den Großroman mit ganz viel Tennis von David Foster Wallace zu lesen. Wer lieber die kleine Form bevorzugt, der kann ja noch mal nachlesen, warum er die WM eigentlich boykottieren möchte. „Boykottiert Katar 2022!“, heißt das Standardwerk des kritischen Fußballfans, das Bernd-M. Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling zusammengebastelt haben. Und dann gibt es ja noch die ganzen Sportbiografien, die man als Fan so über die Jahre zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, zu deren Lektüre man aber nie gekommen ist. Zwei Werke von wunderbarer Arschlochigkeit seien hier empfohlen: Lothar Matthäus’ „Ganz oder gar nicht“ und „Ich hab’s allen gezeigt“ von Stefan Effenberg.

7. Die guten, alten Spiele schauen

Das waren noch Zeiten! Franz, Günther und Gerd. Fritz, Uwe und Toni. Rudi und Auge. Der Fußball lebt auch von der Erinnerung an alte Zeiten. Für die WM-Zeit empfiehlt es sich, rechtzeitig eine Linksammlung zu den großen Spielen der Fußballgeschichte zusammenzustellen. Wie hat eigentlich Pele bei der WM 1970 in Mexiko gespielt? Die Blüte des Tikitaka kann man sich auch noch mal reinziehen. Und wer dem Länderspielfußball nichts abgewinnen kann, der besuche den Fanshop seines Herzensvereins. Da findet sich gewiss eine mehr oder weniger umfangreiche DVD-Sammlung mit den Top-Spielen der Klub-Historie. „Die besten Spiele der Löwen“ heißt so eine Sammlung. Da kann man sich noch mal ansehen, wie der TSV 1860 in der Saison 2015/2016 gegen Paderborn vor über 50.000 Zuschauern den Klassenerhalt sichergestellt hat. Was will man mehr?

8. Männerreviere erobern

So eine Männer-Weltmeisterschaft in Katar ist geradezu dafür geschaffen, dem Frauenfußball mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das hat man sich ganz sicher beim DFB gedacht, als man festlegte, dass die Frauen-Bundesliga parallel ihren Spielbetrieb bis zum 11. Dezember fortsetzt. Die Zweite Liga darf sogar bis zum Finaltag am 18. Dezember mit der Männer-WM konkurrieren. Und gewiss wird man die Klubs noch dazu verpflichten, in der Zeit die brachliegenden großen Männerspielstätten zu nutzen. Es wäre aber gut, wenn die Frauen des 1. FC Nürnberg dann nicht gerade gegen Gütersloh spielen müssten. Bei aller Wertschätzung ein wenig elektrisierender wäre ein anderes Duell. Gegen die Fußballerinnen vom bis dahin aufgestiegenen Hamburger SV könnten dann schon 50.000 Fußballfans zusammenkommen. Der Anstoß müsste natürlich parallel zum Männer-WM-Finale ausgeführt werden, am 4. Advent um 20 Uhr. Diesen Termin sollte man sich also tatsächlich vormerken.

9. Spektakel in der Fifa-Stadt

Wer liebt den Fußball nicht für seine Dynamik und Ästhetik und seine Weltstars wie Messi und Ronaldo? Mehr Dynamik, Ästhetik und Weltstarauftritte an einem Tag gibt es allerdings beim Swiss Cup am 27. November in Zürich zu sehen, nicht weit weg von der Fifa-Zentrale. Die besten Turnerinnen und Turner der Welt, Welt­meis­te­r:in­nen und Olym­pia­sie­ge­r:in­nen versammeln sich dort traditionell um diese Zeit. Je eine Frau und ein Mann aus einem Land bilden ein Team. Ein Spektakel, bei dem sich, anders als bei den WM-Vorrundenpartien in Katar, taktische Zurückhaltung verbietet.

10. Fußball selbst backen

Gegen den Klamauk in Katar ist nicht jeder gefeit. Der Kampf gegen weltliche Verführungen in der Adventszeit ist gerade für Fußballfans nicht einfach. Aber es gibt bewährte Zwischenlösungen. Weihnachtlieder werden schon seit einigen Jahren in vollen Bundesliga-Arenen mit kirchlichem Beistand gesungen. Und warum nicht auch die Weihnachtsgebäckbestände mit Fußballkeksen auffüllen: 50 g Butter, ½ Pck. Vanillezucker, 75 g Mehl, 30 g Zucker, 2 Eier, 1 Prise Salz, Puderzucker, Zitronensaft und Milch. Den Rest kann jeder nachgoogeln. Schöner Nebeneffekt: So einfach kann man sich seinen Fußball selbst backen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de