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Regelbrüche und AutonomieBei Rot gehen

Weniger Vorschriften wirken reizvoll. Aber wer Moral nur nach Folgen bemisst, gerät schnell auf gefährliches Terrain.

Wer wäre nicht gerne der Rebell, der sich über alles hinwegsetzt? Foto: Stefan Ziese/Zoonar.com/imago

I ch habe einen Freund, der ist ein bisschen anders als ich. Zum Beispiel geht er nicht bei Rot über die Ampel. Nie. Auch nicht nachts. Das provoziert mich manchmal richtig doll. Ich streite mich dann mit ihm und sage, es sei doch völlig egal: „Hier ist ja weit und breit keiner!“ Es würde safe nichts Schlimmes passieren.

Für meinen Kumpel geht es aber ums Prinzip. Was wäre, wenn das alle machen würden?! Echt spießig von ihm, wie ich finde.

Hartmut Rosa würde mir da wohl zustimmen. In seinem letzten Buch, „Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums“, argumentiert er, wir neigten heute als Gesellschaft dazu, immer mehr Regeln aufzustellen, um die komplexe Realität besser abbilden zu können. In vielen Fällen, etwa bei der Bewertung eines Asylantrags, sei das aber manchmal fast unmöglich – zu unterschiedlich sind die Menschen und ihre Geschichten. Rosa plädiert dafür, Regeln hin und wieder großzügig auszulegen – oder auch mal zu brechen.

Der Soziologe hat damit vermutlich einen Nerv getroffen. Gerade heute, wenn KI uns vermeintlich das Denken abnimmt, scheint der Wunsch nach Autonomie naheliegend. Statt selbst zu entscheiden, wählen wir nur noch aus einem Pool bereitgestellter Optionen. Wer wäre da nicht gerne der Rebell, der sich über alles hinwegsetzt?

Was ist die Alternative? Wie entscheide ich ohne Regeln, was richtig ist? Die klassische Antwort auf eine verstaubt anmutende Pflichtethik ist der flexiblere Konsequenzialismus: Nicht die Handlung selbst ist wichtig dafür, wie ich sie moralisch bewerte – sondern was aus ihr folgt. Ein reizvolles Konzept für alle wie mich, die Probleme mit Vorschriften haben.

Welches Ziel?

Doch wenn der gute Zweck die Mittel heiligt, stellen sich neue Fragen: Welches Ziel ist das wichtigere? Eine alte Dame retten oder zehn Hundewelpen? Wie weit schaue ich in die Zukunft? Schaffe ich nicht eigentlich das größte Glück, wenn ich jetzt in die Krebsforschung investiere, um irgendwann Milliarden von Menschen zu heilen? Wäre es dann nicht angemessen, dafür jetzt möglichst viel Geld zu verdienen?

Solche Sichtweisen führten jüngst zu eher schrägen Auswüchsen, wie etwa dem im Silicon Valley beliebten Longtermism. Die auf positive Effekte in der (sehr!) fernen Zukunft gerichtete Ideologie führt bisweilen zu absurden moralischen Urteilen.

Menschenleben in Industrienationen sind dann wegen ihres Innovationspotenzials schnell mehr wert als jene in Entwicklungsländern. Oder es ist moralisch geboten, mithilfe des eigenen Tech-Imperiums neuen Lebensraum auf dem Mars zu erschließen. Verantwortung für Elend in der heutigen Welt – Fehlanzeige.

Da wünscht man sich doch die guten alten Regeln zurück. Geiz ist Sünde; Hochmut auch. Was du nicht willst, das man dir tu … Hartmut Rosas Position ist auch ein kleines bisschen für zufriedene Professoren: Man muss Zeit und Kapazitäten haben, um vor jeder Entscheidung über ihre Folgen nachzudenken. Ein Bewertungsrahmen macht das Zusammenleben leichter.

Am Ende bleibt die Frage, wer die Optionen anbietet. Auch Rosa plädiert natürlich nicht dafür, Regeln abzuschaffen – auch, weil mächtige Männer den Spielraum, den sie sich so dringend wünschen, gnadenlos ausnutzen würden. Attraktiv bleibt der Regelbruch trotzdem. Manchmal, wenn ich nachts um zwölf über die Straße laufe, freue ich mich über meine Autonomie.

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Fabian Schroer
Auslandsredakteur
Zuständig für Süd- und Westeuropa im Auslandsressort. Schreibt hauptsächlich über Migration, Medien und soziale Gerechtigkeit. Auch über Freiheit in der Kolumne "Freidrehen".
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