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Drei Jahre nach dem Massaker„Alle sind vom 7. Oktober betroffen“

Drei Israelis und drei Pa­läs­ti­nense­r:in­nen erzählen, was der 7. Oktober für sie bedeutet – und wie sie auf die Zukunft blicken.

„Ich erkenne an, wie tief traumatisch das für jüdische Israelis war“

Ali*, palästinensischer Israeli, Mitte 30

Seit dem 7. Oktober hat sich die Stimmung in meinem Alltag radikal verändert. Als palästinensischer Staatsbürger Israels bin ich es gewohnt, mit den Folgen des Konflikts zu leben. Wir sind die Ersten, die Veränderungen in der Gesellschaft zu spüren bekommen. In den letzten zwei Jahrzehnten gab es mehrere Kriege in Gaza. Jedes Mal wurden die meisten in der israelischen Gesellschaft stark nationalistisch. Doch was auf den 7. Oktober folgte, hat ein beispielloses, erschreckendes Niveau erreicht.

Vor allem in den ersten Monaten konnte die leichteste Kritik Festnahme, Demütigung oder Schlimmerem zur Folge haben. Das hat zu Selbstzensur geführt. Ich habe in den letzten drei Jahren nichts online gepostet. Ich zögere sogar, bevor ich Videos von palästinensischen Kindern in den Trümmern von Gaza like.

Der 7. Oktober war ein schrecklicher Tag, von extremer Grausamkeit und Gräueltaten bestimmt. Ich erkenne an, wie tief traumatisch das für jüdische Israelis war, was für existenzielle Ängste er ausgelöst hat. Doch das gängige Narrativ behandelt die Geschichte, als ob sie am 7. Oktober begann und endete. Das Trauma wird genutzt, um all die Gräueltaten und Kriegsverbrechen zu rechtfertigen, die daraufhin folgten. Als ob die Israelis allein die Opfer wären. Es gibt kaum Platz für Empathie gegenüber den Zehntausenden palästinensischen Zivilisten, die in Gaza getötet wurden. Meine Perspektive ist anders, weil ich an der Schnittstelle von zwei Welten lebe.

Ich habe immer an Frieden geglaubt. Trotz aller Herausforderungen habe ich immer an dieser Hoffnung festgehalten. Heute aber habe ich Angst, dass sich die Lage nur noch verschlimmert. Der Gazastreifen wird nicht mehr so sein wie früher. Der Weg zu einer Zweistaatenlösung ist versperrt. Und für Palästinenser in Israel werden Diskriminierung und die Aushöhlung der Freiheiten zunehmen. Dies zu sehen, hat etwas Grundlegendes in mir gebrochen. Ich kann keine Zukunft mehr für mich hier sehen und verspüre den Drang, das Land für immer zu verlassen. Serena Bilanceri

„Keine islamistische Regierung darf in Gaza an der Macht sein“

Laila* aus Deir al-Balah in Gaza arbeitet für eine internationale Organisation

Ich bin nach dem 7. Oktober wie alle hier in Gaza Zeugin einer humanitären Katastrophe geworden. Um Duschen zu können und einen einzigen Eimer Wasser zu bekommen, mussten wir uns auf eine siebenstündige Tortur einstellen. Den Handyakku aufzuladen wurde zu einem Luxus. Und ich habe Verhaltensweisen in der Gesellschaft Gazas beobachtet, die ein außerhalb Gazas lebender Araber vielleicht leugnen würde.

Aber ich habe es ja gesehen. Ich habe gesehen, wie sich die zügellöse Gier der Reichen während des Krieges ausbreitete, gefördert von der Hamas. Ich habe gesehen, wie sich die Regierung – oder besser das, was von ihr übrig geblieben war – in bewaffnete Banden verwandelte, denen niemand Paroli bieten konnte. Es gab zahllose Hinrichtungen von Bürgern, denen Spionage vorgeworfen wurde.

Moral ist einfach verschwunden; Gier wurde zur treibenden Kraft. Eine bloße Widerrede oder ein Facebook-Beitrag konnte dazu führen, dass man sich um 3 Uhr morgens von hundert Bewaffneten umzingelt sah, die den Befehl hatten, einen zu verprügeln, festzuhalten und schließlich Lösegeld zu fordern.

Auch in internationalen Institutionen wurde Korruption zur Lebensweise. Wir wurden Zeugen von Amtsmissbrauch: Während hochrangige Beamte nach Kairo flohen, nutzten diejenigen, die blieben, die Gelegenheit, um zu stehlen, was sie nur konnten. Also lasst uns klar sein: Keine Regierung mit islamistischem Charakter darf in Gaza an der Macht sein, genauso wenig in Positionen im Sicherheitsbereich.

Wirtschaftlicher Aufschwung für beide Seiten

Dabei wäre so viel machbar: Wir könnten elektronischen Zahlungsverkehr einführen, zusammen mit einem strengen Finanzaufsichtssystem. Während des Krieges wurden die Bürger zur leichten Beute für Wechselstuben. Wir müssen mit dem Wiederaufbau der Schulen beginnen, die Kinder und Jugendlichen brauchen dringend eine Perspektive. Wir müssen die Möglichkeit einrichten, reisen zu können. Allerdings nicht über den Weg, den israelische Regierungsmitglieder vorschlagen: Über eine von Israel kontrollierte Emigrationsbehörde. Der Grenzübergang Rafah muss wieder normal geöffnet werden, um Auslandsreisen zu Studien- oder Arbeitszwecken zu ermöglichen.

Und noch etwas: Israelische Waren sollten in Gaza zugelassen werden. Es könnte die wirtschaftliche Rezession in Israel und das europäische Einfuhrverbot für Siedlungsprodukte aus dem Westjordanland erleichtern und beiden Seiten einen wirtschaftlichen Aufschwung verschaffen.

International müssen die Stimmen, die einen weiteren 7. Oktober fordern – also diejenigen, die in Europa und der Türkei von der Hamas profitieren – zum Schweigen gebracht werden. Hisham al-Masri

„Die Palästinenser müssen aus Gaza vertrieben werden“

Tal Koppel, 42, Jerusalem. Religiös-nationalistischer Siedler, Podcaster und rechtsextremer Aktivist für ein Großisrael

Die letzten drei Jahre waren ein blutiges Erwachen. Die meisten israelischen Eliten träumten von Normalisierung. Man könne mit den Arabern und dem Islam eine gemeinsame Basis finden. Ich habe schon vorher eher rechts gestanden. Ich bin traurig, weil ich es nicht geschafft habe, die Leute früher aufzuwecken.

Jetzt sind viele Israelis aufgewacht, doch meiner Meinung nach haben wir nicht genug reagiert. Die einzig humane Lösung ist Trennung. Die Palästinenser müssen aus Gaza an andere Orte vertrieben werden. Ich habe ein historisches Recht auf dieses Land, sie haben das ihre durch ihren genozidalen Angriff verloren. Sie müssen irgendwo auf der Welt einen anderen Ort finden, und wir können hier in Frieden leben.

Wir müssen einsehen, dass die arabische Welt kulturell auf einem anderen Verständnis und Gebrauch von Gewalt aufgebaut ist. Sie haben das mit der Brutalität am 7. Oktober bewiesen.

Legt euch nicht mit den Juden an

Meine jüdische Ethik hingegen sagt: Wenn jemand mich töten will, töte ich ihn. Ich warte nicht, bis er mich schlägt. Das ist ein natürlicher Instinkt, sich zu verteidigen, man hasst seinen Feind, das halte ich für ziemlich vernünftig. Am 7. Oktober haben sie uns so viel Schaden zugefügt, jetzt werden sie dafür leiden, um ihre Lektion zu lernen. Sie müssen verstehen, es lohnt sich nicht, sich mit den Juden anzulegen.

Wie soll sich das auflösen? Meine Grundannahme ist: Jede Ressource, über die sie als Kollektiv verfügen, wird gegen mich eingesetzt, um mich zu töten. Eine Autonomie, wie sie ein souveräner Staat hat, würde bedeuten, ein Risiko einzugehen. Das ist nicht zumutbar. Was ist also der Weg?

Die Lösung ist die volle israelische Kontrolle über hundert Prozent des Gebiets. Ich will Ruhe, ich will Sicherheit, um meine Kinder großzuziehen, ohne Angst, dass Araber aus Ostjerusalem oder aus Gaza kommen und sie töten. Für morgen würde mir das genügen. Felix Wellisch

„In meinem Kopf hatte die Befreiung des Landes begonnen“

Mustafa Sh., 48, Hamas-Anhänger und Taxifahrer in Gaza, seit September 2025 vertrieben

Von den ersten Stunden an sah ich den 7. Oktober als ein erstes Erwachen nach einer langen Lethargie, ein Erwachen, das kommen musste, um die palästinensische Sache wieder auf den Tisch der Nationen zu bringen, nachdem sie fast in Vergessenheit geraten war – zumal die Wege zur Normalisierung bereits geebnet waren und so viel erreicht hatten. Dann wurde es wie ein Vogel, der lautlos gegen eine Wand prallte. Seine Flügel brachen und er fiel, aber er starb nicht.

An jenem Tag sagte ich: „Kommt zum Dschihad“, und in meinem Kopf hatte die Befreiung des Landes begonnen. Es war und ist immer noch eine wunderbare, unmögliche Idee. Dann vergingen Jahre, nicht Tage, und ich sah, dass wir nichts als Tausende von Seelen aus ihren Körpern befreit hatten. Am Ende forderten wir sogar das, was wir bereits hatten. Also frage ich mich jeden Tag: „Warum haben wir den Teufel geweckt? Mussten wir sterben, damit Palästina leben kann?“

In den Verhandlungen wurde stets die Zweistaatenlösung befürwortet, doch wir entschieden uns für den Widerstand, weil wir wussten, dass es eine Lüge war – ein Mittel, um Zeit zu gewinnen, damit das „Projekt des Jahrhunderts“ vollständig vollendet werden konnte. So besiegelte der Vorwand des 7. Oktober die ganze Angelegenheit. Die Supermächte der Welt stehen mit ihrer ganzen Macht hinter diesem Teufel, während derjenige, der ihn geweckt hat – wir –, von der Welt ein Schulterklopfen und eine Lieferung von Leichentüchern erhält, damit wir nicht unter freiem Himmel begraben werden.

Nachdem ich zwei meiner Söhne beerdigt habe und der dritte noch unter den Trümmern liegt, sehe ich keine realistische Lösung, die all diesen Verlusten gerecht wird, außer dass die Palästinenser einfach nur Palästinenser sind, die als Einzige ihr eigenes Land ohne Vormundschaft regieren. Vielleicht ist das Festhalten am Widerstand der Weg, um die Besatzung zu beenden, die Flüchtlinge nach Hause zu holen, die Gefangenen zu befreien und Palästina zu einem unabhängigen Staat mit Jerusalem als Hauptstadt zu erklären.

Ja, es ist ein schwerer Weg, aber trotz all dieses Schmerzes finde ich keinen anderen. Ohne ihn werden weder die Gleichung noch die Gerechtigkeit vollständig sein. Sawsan al-Ajouri

„Ohne einen palästinensischen Staat sehe ich keine Lösung“

Aysha*, 42 Jahre alt, Ramallah, Westjordanland

Alles in unserem Leben hat sich seit dem 7. Oktober verändert. Vor allem für die Menschen, die um die größeren Städte leben: Ramallah, Jerusalem. Es gibt mehr Straßensperren. Wir können nicht mehr so leicht arbeiten gehen, wir können nicht mehr so leicht wie früher zur Schule gehen. An manchen Tagen können wir nirgendwohin.

Mein Sohn kann nicht mehr so wie vor dem 7. Oktober jeden Tag zur Schule. Manchmal kommt er zu spät, an manchen Tagen sind die Checkpoints zu und wir können gar nicht durch. Das ist ein Problem für die Kinder. Ich lebe in Ramallah, aber die Schule meines Sohnes befindet sich in Ostjerusalem. Wir kommen ursprünglich aus Ostjerusalem und haben einen besonderen Ausweis.

Die Lage im Westjordanland wird von Tag zu Tag schlimmer. Wir müssen jeden Tag checken, ob es Siedler auf den Straßen gibt, bevor wir aus dem Haus gehen

Aysha* aus Ramallah

Alle sind vom 7. Oktober betroffen, auf verschiedene Art und Weise. Manche mehr als andere. Die meisten Ga­za­ne­r*in­nen sind direkt betroffen. Sie hatten sehr viele Tote. Und die Lage im Westjordanland wird von Tag zu Tag schlimmer. Wir müssen jeden Tag checken, ob es Siedler auf den Straßen gibt, bevor wir aus dem Haus gehen.

Ich sehe leider keine Lösung in der unmittelbaren Zukunft. Früher war ich mir nicht sicher, ob ich eine Zweistaatenlösung befürworten würde, mir schien dies keine realistische Möglichkeit zu sein. Auch weil vieles aus den Oslo-Abkommen nicht umgesetzt wurde. Seit dem 7. Oktober ist alles nur noch viel schlimmer geworden. Umso klarer ist mir jetzt, dass eine Zweistaatenlösung die einzige mögliche Lösung ist. Ohne einen palästinensischen Staat sehe ich keine Lösung zu diesem Konflikt.“ Serena Bilanceri

„Eine Partei für zwei Völker in einem Land“

Yonatan Zeigen, 38, Sohn der Friedens- und Frauenrechtsaktivistin Vivian Silver, die am 7. Oktober in Kibbuz Be’eri von militanten Palästinensern ermordet wurde.

Nach der letzten Nachricht meiner Mutter am Morgen des 7. Oktober erinnere ich mich an die Ungewissheit, die Panik, die Sehnsucht nach Informationen. Ich saß auf meiner Veranda und ein Freund von Vivian sagte zu mir: Du musst anfangen zu arbeiten. Das ist die Zeit zu Handeln.

Seitdem bin ich im Missionsmodus: Zuerst mit dem Versuch, sie zurückzuholen. Als wir erfuhren, dass sie getötet worden war, wurde die Beerdigung und die Trauerfeier meine Mission. Seitdem ist meine Aufgabe, die Besatzung und den Konflikt zu beenden.

Ich bin dem Parents Circle beigetreten, einem israelisch-palästinensischen Zusammenschluss trauernder Familien, die Angehörige verloren haben. Ich habe mit Politikern, Diplomaten und vor Parlamenten im Ausland gesprochen. Wir haben den Vivian Silver Impact Award gegründet, der jährlich eine Palästinenserin und eine Jüdin für ihren Einsatz für Frieden zwischen Israelis und Palästinensern auszeichnet.

Eine kollektive Psychose

Heute befinden wir uns in einer Art kollektiver Psychose. Vor den Wahlen Ende Oktober sehe ich politisch drei Möglichkeiten:

Die erste ist die Realität der Vernichtung. Die Siedlerbewegung und die extreme Rechte haben den 7. Oktober genutzt, um ein Großisrael ohne Palästinenser durchzusetzen, mit physischer Gewalt und Expansion. In Gaza und im Westjordanland, aber auch in Syrien und im Libanon.

Daneben steht die sogenannte Mitte. Sie fantasiert sich zurück zum 6. Oktober, zurück zum Konfliktmanagement, als wäre nichts geschehen. Sie glauben, wir könnten mit der Besatzung weitermachen wie die letzten 60 Jahre, nur zivilisierter und mit ordentlichen Verfahren. Das Problem: Wer zum 6. Oktober zurückkehrt, landet am Ende wieder am 7. Oktober. Die frühere Realität war nicht tragfähig.

Ich will einen dritten Weg und eine völlig andere politische und gesellschaftliche Realität schaffen, die auf Gleichheit beruht: Zwischen Israelis und Palästinensern sowie zwischen Juden und Palästinensern innerhalb der israelischen Gesellschaft.

In den letzten Monaten haben wir dafür mit „Makom le Kulanu“ (deutsch: „Ein Platz für uns alle“) eine politische Partei gegründet, die sich an alle in Israel richtet, vor allem aber bei jungen palästinensischen Israelis Unterstützung gefunden hat. Drei Monate lang haben wir Wahlkampf gemacht. Am Ende treten wir diesmal nicht selbst an, um anderen Parteien nicht die Simmen wegzunehmen, sondern wir konzentrieren uns darauf, so viele Menschen wie möglich zum Wählen zu bewegen.

Unser Vorhaben ist ein Projekt für die Langstrecke. Eine Partei für zwei Völker in einem Land. Ich halte das für den einzigen gangbaren Weg und den einzigen, der Sicherheit und Wohlergehen für alle bringt: Israelis und Palästinenser, Juden und Araber. Felix Wellisch

* Namen auf Wunsch der Interviewten von der Redaktion geändert

Mitarbeit: Judith Poppe

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