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Album von Melvins und Napalm DeathQuieken klingt im Kollektiv noch teuflischer

Napalm Death und die Melvins sind für „Savage Imperial Death March“ zur Supergroup der Hölle fusioniert. Die Mesalliance von Grindcore mit Doom-Sludge klingt griffig bis in die letzte Faser.

Ultraschnell und sehr kurzangebunden mit Growlgesang: Napalm Death

Das Internet hat sich heute ins Jahr 2016 gewünscht, zurück in jenes Jahr, als Trump zum ersten Mal zum US-Präsidenten gewählt wurde und das Vereinigte Königreich für den Brexit genannten Austritt aus der EU votierte. Zudem starb damals David Bowie. Also, warum diese teils fragwürdige Nostalgie?

Nostalgie gilt allgemein als wehmütige und idealisierte Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Zeit, sie kann Anker für gegenwärtiges Unwohlsein sein. Ist Retro in der gegenwärtigen Krisenzeit ein Hoffnungsschimmer?

Nun ja, es gibt unzählige Oldie-Radiosender, die sich beim Airplay auf beliebte Jahrzehnte spezialisiert haben. Musikstücke aus vergangenen Zeiten werden zu Klassikern gejazzt, ehemals schlecht gemachte Musik wird durch den Vintagefilter auf einmal zu etwas Ikonischem, das kann sogar der Output britischer Boybands der 1990er sein. Beim Hinterhertrauern nach rückwärtsgewandtem Material tritt man zudem diverse Comebacks vom Zaun. Oft von Metal- und Rockbands, deren Breitbeinigkeit heute eher auf chronische Rückenprobleme zurückzuführen ist.

Album- Kollaboration

The Melvins with Napalm Death: „Savage Imperial Death March“ (Ipecac/Rough Trade)

Die US-Grunge-Stoner The Melvins und die britischen Grindcoreler Napalm Death hielten noch nie viel davon, sich schnellebigen Moden anzudienen. Beide Combos spielen seit 40 Jahren stur ihren Stiefel runter. Von Revival keine Spur. Statt sich stilbewusst selbst zu klonen und dabei den inzwischen ergrauten Fans die letzten Rentenboni aus den Geldbörsen zu leiern und gefällige und uninspirierte Alben zu veröffentlichen, haben sich die zwei Ikonen der Lautstärke zusammengetan und nun auf einem gemeinsamen Album für raues, düsteres Kollektiv-Quieken gesorgt.

Pioniere der Metalnische

Während die britischen Napalm Death für rohen Grindcore standen, sind die Melvins aus dem pazifischen Nordwesten der USA Sludge-Doom-Metal-Dronerocker. Manch ei­ne:r behauptet, dass sie die Urgroßväter des Grunge sind, das müsste jedoch noch mit Neil Young abgesprochen werden. Der Genrezuschreibung zum Trotz kann beiden Bands Pionierarbeit attestiert werden. Sie sind in all den Jahren ihres Bestehens nischig geblieben, nie in den Mainstream gerutscht – und trotzdem bekannt genug, dass sie anders-genreartigen Anhängenden ein Begriff sind.

Vielleicht auch nur wegen den wilden Lockenmähnen, die sowohl von Melvins-Sänger Roger „Buzz“ Osborne als auch von Napalm Deather Shane Embury getragen werden. Vielleicht auch wegen der schöpferisch-einfallsreichen Plattencover-Illustrationen beider Bands. Vor allem die Melvins haben mit der charakteristischen Gestaltung und der Typographie durch Künstlerin und Partnerin von „Buzz“, Mackie Osborne, unverkennbare Artworks geschaffen.

Für das gemeinsame Album „Savage Imperial Death March“ wurde erneut auf ihre zeichnerischen Fähigkeiten zurückgegriffen, und sie vereint grafisch das Können von Melvins-Sänger und -Gitarrist Osborne und -Schlagzeuger Dale Crover sowie von Sänger Barney Greenway, Bassist Embury sowie Gitarrist John Cooke von Napalm Death.

Zähflüssig mit Drones und Doom: The Melvins Foto: Chris Casella

Wie aber klingt Musik von zwei Bands, die jeweils für eine Einzigartigkeit in ihrem Schaffen stehen? Die Melvins mit den unkonventionellen Rhythmen, Rückkoppelungen und den zähflüssig, schweren Riffs. Napalm Death hingegen mit ihren ultrakurzen Mikrosongs, schnellen Tempi und Growl-Gesängen.

Und wie ist das Miteinander, wenn sich ein Linker wie Greenway und ein klassischer – fast rechtslibertärer – Liberaler wie Osborne, zusammentun? Schaffen sie es gar, die polarisierte Gesellschaft in ihrem Soundamalgam zu einen?

Ohne großes Tamtam

Nun, beide Bands versichern sich gegenseitig, dass die jeweils andere ohnehin Heldenstatus genieße. Träume seien durch die Fusion wahr geworden, es handle sich um eine gewachsene Partnerschaft. Getourt sind sie bereits zwei Mal zusammen, 2025 wurde eine abgespeckte und limitierte Fassung des Albums ohne großes Tamtam am Merchstand verditscht. Und wie in ideal funktionierenden Partnerschaften begegnet man sich auf Augenhöhe, greift die Attribute des anderen bereitwillig auf und ergänzt sich mit Yin-Yang-philosophischen Kräften.

So sind acht Songs entstanden, die chaotisch, aber ausbalanciert zerfasern. Eine adlige Ausgeburt einer Supergroup aus der Hölle. Die Buzz'schen Riffs im Wechsel mit metallischen Geschredder, das Schlagzeug ruckartig und immer nahe am Abgrund des Taktgefühls.

Sie sind Antichristen, die miteinander Pferde stehlen: Der Auftakt „Tossing Coins Into the Fountain of F***“ ist deutlich vom Sound der Napalm Death geprägt, was nun mal am gutturalen Gegrunze von Greenway liegt – zudem sind die Soli und auch das explosive Metal-Spiel fern von dem, was die Melvins veröffentlichen würden.

Genuschel mit Exorzismus-Beschwörung

Das legt sich. Im darauffolgenden „Some Kind of Antichrist“ übernimmt Buzz den Gesang, der zwar noch von Greenway unterstützt wird – aber weniger Raum einnimmt. Nun übernehmen die Doom-Riffs der Amis die Hauptrolle, werden aber vom wummernden Bass der Briten abgefangen. Doch die letzten sechs Minuten des Tracks (Ja, er dauert mehr als neun Minuten) verlieren sich im Ambient-Genuschel-Gruschel, dass man nicht weiß, ob der Teufel eher beschwört oder doch ausgetrieben werden soll.

So bleibt es auch beim „Awful Handwriting“ verwirrend, trap-beatige Elektroanleihen, die weder der einen noch der anderen Band zuzuordnen sind. Es könnte erfrischend sein, denn sie covern nicht sich selbst, sondern schaffen ein drittes Element. Das Neue ist nur leider nicht gut, sondern schrecklich.

Die Merkmale beider Bands sind so charakteristisch, dass sie sehr schnell zuzuordnen sind, „Death Hour“ ist die Vereinigung beider Bands in Perfektion. Beim letzten Track ist es ihnen gelungen, ihren jeweiligen Sound den nötigen Raum zu geben, sich musikalisch zu entfalten und etwas Gemeinsames zu schaffen. Trotzdem bleibt die Frage, für wen diese Kooperation sein könnte. Denkbar, dass Melvins-Fans den Gesangsbeitrag von Greenway als störend empfinden und dass Napalm-Death-Ultras den untechnischen Sound der Melvins als bremsend empfinden. Und um gänzlich Unwissende abzuholen, bringt das Album nicht die himmlischen Seiten beider Bands hervor.

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