Album „The Diary“ von J Dilla

Der Flow-Fetischist

Als Produzent wird J Dilla auch nach seinem Tod verehrt. Mit „The Diary“ erscheint nun ein Werk, auf dem er selbst rappt.

Porträt des Detroiter Musikproduzenten und Rappers James "J Dilla" Yancey

Soulsampler mit musikalischem Erbe: James „J Dilla“ Yancey Foto: PayJay

In den späten neunziger Jahren hatte der Detroiter J Dilla sich als Produzent einen Namen gemacht. Nach frühem Szeneruhm mit seiner Crew Slum Village produzierte Dilla im New Yorker Electric-Lady-Studio einige der besten Neo-Soul-Alben, etwa für D’Angelo oder Erykah Badu. Seine Drums hinkten jazzig, niemand schnitt Samples so spektakulär wie er. Zum Star taugte er nicht. Dilla war ein schüchterner Nerd, der sein Leben im Studio verbrachte.

Trotzdem nahm ihn die Plattenfirma MCA für ein Album unter Vertrag. Dilla hatte die Idee, auf diesem Album nur zu rappen – über die Beats seiner Lieblingsproduzenten wie Pete Rock, Hi-Tek oder Madlib. Monatelang arbeitete er in seinem Detroiter Kellerstudio, das viele nur „das Raumschiff“ nannten. Nach Fertigstellung wechselte die A&R-Managerin Wendy Goldstein, die ihn unter Vertrag genommen hatte, zur Konkurrenz. Ihre Projekte legte MCA auf Eis.

Dilla hatte ohnehin andere Sorgen: Bei ihm war eine erbliche Blutkrankheit diagnostiziert worden, immer häufiger musste er zur Dialyse. Dann wurde sein Kellerstudio überflutet. Er zog nach Los Angeles, in eine Wohngemeinschaft mit dem Rapper Common. Seine neue Heimat wurde das HipHop-Label Stones Throw. Zu dem damaligen Labelmanager Eothen Alapatt entwickelte er eine enge Beziehung. Zehn Jahre nach Dillas Tod ist Alapatt nun verantwortlich für die Veröffentlichung von „The Diary“.

Als Dilla am 10. Februar 2006 starb, soll er auf dem Sterbebett den letzten Wunsch geäußert haben, dass „The Diary“ veröffentlicht wird. Aber er hinterließ einen Berg unbezahlter Krankenhausrechnungen und ein Testament, das seinen Buchhalter Artie Erck als Nachlassverwalter vorsah. Alapatt wurde „Creative Director“ der Stiftung, die Dillas musikalisches Erbe auswerten sollte. Es entbrannte aber ein Streit, da Erck laut Alapatt nur seinen eigenen Gewinn im Sinn hatte. Sie zogen vor Gericht.

J Dilla: „The Diary“ (PayJay/MassAppeal/Groove Attack)

Ein mehr als passabler Rapper

Alapatt gewann den Prozess, Erck musste seinen Posten räumen. Inzwischen waren leider zwei lieblose posthume Dilla-Alben veröffentlicht worden und die unfertigen Demos von „The Diary“ tauchten im Internet auf. „Aus spirituellen Gründen“ wollte Alapatt das Album so veröffentlichen, wie Dilla es vorgesehen hatte. Mit Hilfe von Dillas Lieblings-Toningenieur Dave Cooley und einigen alten Wegbegleitern als Berater rekonstruierte Alapatt eine Version, die nach eigener Einschätzung „zu 85, 90 Prozent“ das Werk sei, das Dilla 2002 ursprünglich bei MCA veröffentlichen wollte.

„The Diary“ markiert einen Übergang zwischen Dillas Neo-Soul-Zeit und seiner elektronischen Phase, die sich auf dem Album bereits mit dem Gary-Numan-Sample in „Trucks“ andeutet. Dillas Spezialität war das sogenannte Soulsampling, scheinbar schlampig gecuttete, aber extrem stimmige Ausschnitte aus alten Soulsongs. Was wenige wissen: Dilla war auch ein mehr als passabler Rapper, kein tiefsinniger Lyriker, sondern ein Flow-Fetischist, der seine Silben elegant zwischen die synkopierten Drums setzte.

Auf „The Diary“ ist er der sympathischer Angeber, es geht um Frauen und Partys, um Diamanten und Felgen, aber auch um biografische Themen und Polizeiwillkür. Dieses Album ist ein wichtiges Artefakt, nicht nur für Dilla-Nerds und HipHop-Historiker. Auch wenn manches ein wenig aus der Mode scheint, etwa die eine Hookline, die an R. Kellys Großraumdisco-Klassiker „Fiesta“ angelehnt ist, so ist Dillas Erbe auch zehn Jahre nach seinem Tod im Mainstream spürbar: In den Songs und Alben von Pharrell Williams und Kanye West, von Kendrick Lamar und Kaytranada. „The Diary“ ist ein wichtiger Baustein in der Aufarbeitung seines Schaffens.

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