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AfD und wehrhafte DemokratieWas tun, wenn es brennt?

Schützt Zivilgesellschaft vor Rechtsextremismus? Oder gar die deutsche Exportindustrie? Bei einer Tagung in Hofgeismar gibt es darauf sehr viele Antworten.

Der Politologe Wolfgang Merkel findet, ein AfD-Verbot sei „Raubbau am Prinzip der Volkssouveränität“. Das sehen nicht alle so Foto: Jeremy Knowles/Eventpress/imago
Stefan Reinecke

Aus Hofgeismar

Stefan Reinecke

In Deutschland wird die Frage, wie die AfD von der Macht ferngehalten werden kann, oft mit moralischem Hochdruck bearbeitet. Der Aspekt der Interessen und wie offen die Wirtschaftsbosse und der Mittelstand für rechte Regierungen sind, gerät dabei etwas in den Hintergrund.

Glaubt man Knut Bergmann, der für das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) arbeitet, dann ist die deutsche Wirtschaft weitgehend immun gegen die Sirenengesänge der AfD. Der Dexit, den Weidel & Co wollen, wäre für die Exportindustrie verheerend und würde 2,5 Millionen Jobs kosten. Die Steuerpolitik der AfD würde den Staat ruinieren, die unbezahlbaren AfD-Rentenversprechen kämen noch dazu.

Insofern ist es erst mal nicht verwunderlich, dass laut einer von Bergmann mitverfassten Studie vom August 2024 nur 5 Prozent der Arbeitgeber hierzulande mit der AfD sympathisieren. Die AfD an der Macht hätte schließlich nicht nur unschöne Auswirkungen auf die Profite deutscher Unternehmen. Rechtsextremismus schadet der Wirtschaft insgesamt, die eben global verflochten ist und zu Hause Fachkräfte braucht.

An diesem Bild malte bei der Tagung „Strategien gegen rechts – Widersprüche wehrhafter Demokratie“ im hessischen Hofgeismar auch der Wirtschaftswissenschaftler Tommy Krieger. Laut Studien seien nach den rechten Pegida-Demos deutlich weniger Studierende aus dem Ausland nach Dresden gekommen und ausländische Fachkräfte hätten lieber einen Bogen um Sachsen gemacht.

Diese Mikrostudien haben den gleichen Spin wie eine großformatige Untersuchung des ifo Instituts, das nahelegt, dass populistische Regime in den vergangenen hundert Jahren weit weniger Wachstum produzierten als rechtsstaatliche Demokratien.

Zeit für Abregung? Eher nicht

Ist also angesichts des Gesetzes vom allgemeinen Fall der Wachstumsrate unter populistischen Regierungen Abregung angesagt? Weil die Demokratie ja mit der Wirtschaft über einen schlagkräftigen Verbündeten verfügt?

Das war bei der Tagung, veranstaltet von der Uni Kassel und dem Wissenschaftszentrum Berlin, dann doch umstritten. Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler und Organisator der Tagung, verwies darauf, dass deutsche Unternehmen, ohne mit der Wimper zu zucken, Deals mit Diktaturen machen. Der radikale Abbau von Regulierungen, den die AfD will, sei nicht nur für libertäre Staatsfeinde à la Peter Thiel hochattraktiv, sondern auch für die verbändeorientierte deutsche Wirtschaft. Zudem habe das Handwerk in der Provinz Affinitäten zur AfD.

Auch die geschäftsschädliche EU-Feindschaft der AfD – die faktische Brandmauer zwischen Rechten und Bossen – ist womöglich nicht aus Stein, sondern eher aus Pappe. Nicht nur in Italien haben Rechtsextreme, kaum war die Macht greifbar, als Erstes die Gegnerschaft zur EU abgeräumt. Ähnliches ist bei der AfD zumindest denkbar.

Außerdem kann man für Europa in den letzten Jahren bezweifeln, dass rechte Regierungen zielsicher in die Flaute gesteuert haben. Polen florierte auch unter der PiS. Auch die Schweiz, wo Rechtspopulisten seit Langem mitregieren, leidet nicht unter übermäßiger Wirtschaftsschwäche. Zudem: Nicht zu unterschätzen ist die Sogkraft des Opportunismus, wenn Rechte erst mal das Sagen haben. Die Tech-Bros, die in den USA in Lichtgeschwindigkeit vom Anti- in das Pro-Trump Lager wechselten, sind nur ein spektakuläres Beispiel.

Kurzum: Ob die deutsche Wirtschaft bei ihrer offiziellen Distanz zur AfD bleiben wird, ist offen. Dass der britische Unternehmerverband Nigel Farage eingeladen hat, französische Wirtschaftsführer Kontakte zu Marine Le Pen knüpfen, spricht gegen ein allzu selbstgewisses „Nicht bei uns“.

Misstrauen zwischen Zivilgesellschaft und Wirtschaft

Konsens war Knut Bergmanns Beobachtung, dass zwischen zivilgesellschaftlichen Pro-Demokratie-Akteuren und Wirtschaftsvertretern zu oft wechselseitiges Misstrauen herrscht. Die antifaschistische Wirtschaftspolitik, die die Ökonomin Isabella Weber skizziert hat, spielte in Hofgeismar leider keine Rolle.

Dafür schritt man in der hübschen Evangelischen Akademie ambitioniert eine Tour d'Horizon ab und debattierte neben Wirtschaft auch Zivilgesellschaft und Staat. Die Zivilgesellschaft sei, so Matthias Quent, Soziologe aus Jena, „vielleicht die wichtigste Säule wehrhafter Demokratie“. Denn dort könne sich ein „demokratischer Emotions- und Selbstwirksamkeitsraum“ entfalten, den die schwarz-rote Regierung allerdings gerade zusammenkürzt. Quent – „Ich bin hier der Quoten-Ostdeutsche“ – hält das gerade für den Osten, wo es weniger stabile zivilgesellschaftliche Strukturen gibt, für fatal. Also: Last Exit Zivilgesellschaft?

Der Begriff schillert. Mal meint er normativ aufgeladene Demokratieertüchtigung, mal die kühle Bezeichnung des Raums jenseits von Staat und Wirtschaft. Ob Zivilgesellschaft ein Akteur ist oder eine neutrale Arena, in der sich auch Rechte bewegen dürfen, blieb umstritten. Der Politikwissenschaftler Edgar Grande plädierte dafür, Zivilgesellschaft als Arena zu verstehen, die offen für Streit und Debatten mit Rechtspopulisten sein muss.

Der Begriff „wehrhafte Demokratie“ hat einen Beigeschmack von autoritärem und staatlichem Eingriff. Ein AfD-Verbot, so der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel auf den Spuren des 1973 gestorbenen Staatsrechtlers Hans Kelsen, sei „Raubbau am Prinzip der Volkssouveränität“. Parteiverbote, sagte Merkel, seien ein undemokratisches Mittel, um demokratische Ziele zu erreichen. Merkels Schadensbilanz der Parteiverbote fiel so imposant aus, dass sich kaum Widerspruch regte. Will sagen: Die Verbotsdebatte ist tot. Ein Verbot ist demokratietheoretisch zu kostspielig und steht faktisch nicht mehr auf der Tagesordnung.

Gefährliche Illusionen

Was tun? Man streitet über die Brandmauer, also die in Deutschland von Linkspartei bis CSU weitgehend praktizierte Isolierung der AfD. Soll man die AfD notgedrungen als politischen Mitspieler akzeptieren, in einer Minderheitsregierung fallweise mit ihr zusammenarbeiten und sie in Bundesländern womöglich an Regierungen beteiligen?

Diese Strategie beruht auf der Hoffnung, dass sich die Rechtsextremen, wie Giorgia Meloni in Italien, an der Macht eher mäßigen und überhaupt die zivilisierenden Effekte des Parlamentarismus früher oder später ihre segensreiche Wirkung entfalten. Ein weiteres Argument für die Integration der Rechtsextremen ist die Hoffnung, dass sie in den weichen Sesseln der Macht an Attraktion verlieren und sich selbst entzaubern, weil sie die selbst hochgeschraubten Erwartung, dass nun alles ganz anders würde, enttäuschen.

Das sind naive, gefährliche Illusionen auf sandigem Grund – so das Ergebnis einer Studie von Annina Hermes und Heike Klüver, die äußerst großformatig mehr als 1.200 Kabinette in 57 Demokratien im Zeitraum von 1976 bis 2023 untersucht haben.

Es gibt, wenn Rechtsextreme mitregieren, grosso modo weder Entzauberung noch Mäßigung

Ergebnis einer Studie von Annina Hermes und Heike Klüver

Das Ergebnis: Es gibt, wenn Rechtsextreme mitregieren, grosso modo weder Entzauberung noch Mäßigung. Im Gegenteil, rechtsradikale Parteien hätten nach Regierungsbeteiligungen bei Wahlen besser abgeschnitten und rund 6 Prozent mehr bekommen. Auch von einer politischen Bewegung in die Mitte könne keine Rede sein, jedenfalls wenn man die Parteiprogramme anschaut. Deutlicher formuliert: Wenn Rechtsextreme regieren, nutzt ihnen das.

Also Brandmauer für immer?

Ernst Hillebrand, der lange für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in Polen und Ungarn gearbeitet hat, glaubt dann auch, dass die Beschwörung der Brandmauer nichts nutzt. „Die Brandmauerlogik hat nie funktioniert und wird auch in Deutschland ihr Ziel verfehlen.“ Ab einer gewissen Größe funktioniere Isolation nicht mehr. Der Rechtspopulismus werde in Europa langfristig bleiben, weil er ein authentischer Ausdruck einer globalisierungsskeptischen Klientel sei.

Die Linke müsse das akzeptieren, sich von Verbots- und Brandmauerträumen verabschieden, nur dann könne sie die Rechtspopulisten politisch bekämpfen, so Hillebrand. Von Warschau und Budapest aus betrachtet sieht man die Möglichkeitsräume politischer Isolierung von Rechten etwas anders als in Berlin-Mitte.

Die Frage ist, wer recht hat. Im schlimmsten Fall liegen sowohl jene richtig, die vor den Normalisierungseffekten von Rechtsradikalen auf der Regierungsbank warnen, als auch jene, die die nachhaltige Wirkung der Brandmauer bezweifeln. Es kann sein, dass weder machtpolitische Quarantäne noch Integration ins System die AfD grundlegend schwächen.

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Für den Fall, dass die AfD irgendwann (mit)regiert, wäre es nötig, eine Strategie in der Schublade zu haben. Das gilt nicht nur, aber vor allem für die CDU, die eine Annäherung an die AfD zerreißen könnte. Händeringen und moralische Verdammungen werden nicht reichen.

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5 Kommentare

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  • Wenn ich mir die wirtschaftliche Entwicklung in den letzten 10 Jahren in Polen und Ungarn anschaue, die beide von rechten Populisten regiert wurden, glaube ich nicht mehr das die Wirtschaft einen Bogen um solche Regierungen macht. Und in Italien ist die Wirtschaft auch nicht zusammengebrochen trotz Meloni.

  • Die Hoffung von manchen, dass sich die AFD bei einer etwaigen Regierungsbeteiligung früher od später selbst entzaubert, lässt mich an folgendes Szenario denken:



    Um die Funktion eines Rauchmelders zu testen, entfachen sie bei sich zu Hause ein Feuer. Im besten Fall funktionierts, er piepst, man hörts und das Feuer kann gelöscht werden. Im ungünstigen Fall funktioniert es nicht, und die Bude brennt ab.



    Kein normal denkende Mensch würde sich auf solch ein Experiment einlassen, die Gefahr wäre viel zu gross.



    Und solch ein ähnliches Szenario soll dazu dienen, die Unfähigkeit der AFD zum Regieren aufzuzeigen? Was ist, wenn es dann schon zu spät ist.



    Die Beführworter eines solchen 'Experiments' wollen die gravierenden Folgen nicht sehen, die sich daraus ergeben könnten. Nicht unbedingt im normalen Alltag eines unpolitischen deutschen Zeitgenossen. Aber für Geflüchtete, Menschen mit Migrationsgeschichte, demokratische Projekte, Erinnerungskultur, Bildung, die gesamte demokratischen Errungenschaften der letzten 80 Jahre. Deshalb gilt es, sich nicht auf so ein Experiment einzulassen, sondern sich verbünden, über Parteigrenzen demokratischer Parteien und Organisationen hinweg.

  • "Für den Fall, dass die AfD irgendwann (mit)regiert, wäre es nötig, eine Strategie in der Schublade zu haben."



    Dann wäre es doch langsam wirklich mal an der Zeit darüber zu sprechen die wie genau so eine Strategie aussehen sollte.



    Einfach abwarten, dass sich die Rechtsextremen schon wieder abwählen lassen? Das kann eben auch Jahrzehnte dauern und welche Entwicklungen bis dahin möglich sind will man sich auf Basis historischer Erfahrungen lieber nicht allzu genau ausmalen.



    Welche Strategie also sonst? Exil? Bürgerkrieg?

  • Ich weiß nicht ob ich mich mit dieser These zu weit aus dem Fenster lehne.



    Aber mal angenommen ( und ich unterstelle hier niemanden, das er das deutsche Volk belog, sondern nur für das deutsche Volk strategisch handelte.)



    Die Union hatte bewusst diese "Afd Route" eingeschlagen. Angefangen mit den Stimmen der AfD bei den ersten Verschärfungen des Migrations Gesetzes: "Im Januar 2025 verhalf die AfD im Deutschen Bundestag einem Fünf-Punkte-Plan der CDU/CSU-Fraktion zur Mehrheit bei den ersten Änderungen im Migrationsgesetz."



    Seitdem brach es nicht ab mit Botschaften, die man eher von der AfD erwartet hätte.



    Die Liste ist lang.



    Eine Liste, die nicht wie vorgab, die AfD zu halbieren, sondern eine Liste, die den Weg geebnet hat, um mit ihr zusammenzuarbeiten.



    In den Startlöchern sollen jetzt laut Gesprächen Söder oder Spahn sitzen, die den neuen Kanzler stellen sollen.



    Der blinde Kurs des "Merz-Neoliberalismus", der die soziale Situation ins komplette Chaos stürzt, wird also fortgeführt. Wie man mit den offiziell gewählten Faschisten im Reisegepäck jetzt umgehen will, bleibt völlig offen. Zynisch sei noch zu bemerken: Gute Fahrt.

  • "eine großformatige Untersuchung des ifo Instituts, das nahelegt, dass populistische Regime in den vergangenen hundert Jahren weit weniger Wachstum produzierten als rechtsstaatliche Demokratien."



    Demokratien waren der Motor der Nachkriegszeit - Westeuropa und die USA haben die Welt in eine neue Ära geführt, ja.



    Aber China beweist eindrucksvoll die letzten 20 Jahre, dass es sehr gut auch mit einer Diktatur zu Weltmacht und Technologievorreiter reicht.



    /



    "Der Dexit, den Weidel & Co wollen, wäre für die Exportindustrie verheerend und würde 2,5 Millionen Jobs kosten. Die Steuerpolitik der AfD würde den Staat ruinieren, die unbezahlbaren AfD-Rentenversprechen kämen noch dazu."



    Ähnliches hat man auch England im Falle des Brexit vorhergesagt oder den USA wenn Trump übernimmt oder Russland im Zuge der Sanktionen durch die EU -



    ...und alles ist NICHT eingetreten🤷



    Ich glaube die Wirtschaft und Unternehmen sind wesentlich weniger demokratieabhängig als es progressive Menschen hoffen - das zeigt, wie es ja auch der Artikel benennt, Italien oder die Geschäftemacherei deutscher Firmen mit Diktaturen, siehe auch Deutschland Iran für viele Jahrzehnte...



    Wirtschaft braucht keine Demokratie