AfD-Kranz bei NS-Gedenken: Nie wieder heißt auch: nicht jetzt
Beim Gedenken an das Attentat auf Hitler wollen Tobias Korenke und Gemma Pörzgen einen Kranz der AfD entfernen. Sie machen vor, was Widerstand heißt.
Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
E s hat lange nichts mehr so große Erleichterung in mir ausgelöst, wie die Fotos zu sehen, auf denen Tobias Korenke und Gemma Pörzgen versuchen, diesen unsäglichen AfD-Kranz zu entfernen.
Bei einer Gedenkveranstaltung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus muss niemand einen solchen Kranz akzeptieren. Eine angemessene Würdigung und Erinnerung an Menschen, die Widerstand gegen das NS-Regime geleistet haben, ist nicht möglich, solange ein AfD-Kranz im Bendlerblock ausgestellt werden darf.
Darüber, dass es nicht Korenke, der Großneffe Bonhoeffers, war, der einen „Eklat“ ausgelöst hat, sondern, dass der Eklat darin besteht, dass diese Partei überhaupt einen Kranz dort niederlegen lassen konnte, wurde in dieser Zeitung schon geschrieben. Ich kann mich also getrost den gefühligen Aspekten zuwenden.
Direkt eingreifen
Wenn Tobias Korenke sagt: „Viele Nachkommen, und dazu gehöre auch ich, empfinden eine wirklich große Wut, wenn wir sehen, dass die AfD hier Kränze ablegt. Das werden wir hier nicht akzeptieren.“ Dann spricht er sehr vielen Menschen aus der Seele. Eine Vereinnahmung des Gedenkens durch die AfD ist inakzeptabel. Die Wut darüber sollte niemand herunterschlucken müssen. Schon gar nicht die Nachkommen derjenigen, denen am 20. Juli gedacht wird.
Woher mein Gefühl der Erleichterung kommt? Weil ich nicht mit meinem Morgenkaffee in der Hand in der Zeitung einen empörten Kommentar oder gar ein sinnierendes Thinkpiece darüber lesen musste, wie viel Bauchweh es gemacht hat, dass da die ganze Zeit dieser Kranz lag, und wie schwer es war, diese Ambivalenz auszuhalten. Stattdessen bekam ich direkt Fotos und Videos zu sehen, die zeigen, dass es nicht darum geht, irgendetwas auszuhalten. Sondern darum, direkt einzugreifen!
Beherztes Einschreiten schafft nicht nur Tatsachen im Moment und zeigt klare politische Haltung, es hat auch eine symbolische Wirkung. Eine Intervention wie diese schafft Hoffnung. Da ist direkte widerständige Praxis, die zeigt, dass „Nie wieder“ immer und überall den Auftrag enthält: nicht jetzt. Nicht hier. Dass es nicht nur darum geht, Zukünftiges zu verhindern, sondern im Moment einzugreifen und direkt „nein“ zu sagen.
Alles muss man selber machen
Was ist das ständige Erinnern und Gedenken wert, wenn wir keine Konsequenzen für die Gegenwart daraus ziehen? Wir alle müssen uns entscheiden, ob wir a) der Tradition des Schweigens und Wegschauens folgen möchten oder b) in der Tradition des Eingreifens und Handelns stehen wollen. Leider ist es doch häufig so, dass sich zu b) bekannt wird, aber nach a) gehandelt.
Tobias Korenke und Gemma Pörzgen verdienen Respekt, Anerkennung und Dankbarkeit für ihre Intervention und die Unterbrechung von Lippenbekenntnissen. Die Stiftung 20. Juli 1944 betont in ihrer Stellungnahme, dass die wiederholten Vereinnahmungen, insbesondere die jährliche Kranzniederlegung der AfD im Bendlerblock, viele Angehörige der Frauen und Männer des Widerstands zutiefst verletzen, und fordert alle gewählten Parteien und Institutionen dazu auf, den Ort und den Willen der Angehörigen zu respektieren.
Hier mussten Angehörige selbst für den nötigen Respekt sorgen. Alles muss man selber machen. Besonders wenn es darum geht, das Gedenken an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus vor der Vereinnahmung durch die „Vogelschiss“-Partei AfD zu schützen.
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