piwik no script img

AfD-Delegation in Moskau Roter Teppich für Putin-Versteher

Kommentar von

Barbara Oertel

Bizarres Theater: Die AfD inszeniert sich in Moskau als Freund des Kreml und trifft sich mit Außenminister Lawrow. Der lässt die AfD vortanzen.

W er aus der Coronakrise wenig bis gar kein politisches Kapital schlagen kann, muss nach anderen Wegen der Profilierung suchen. Da dürfte Tino Chrupalla, einem der beiden AfD-Parteichefs, die Einladung der russischen Duma nach Moskau inklusive eines Mittagsessens mit Außenminister Sergej Lawrow gerade rechtkommen. Schließlich darf ja nicht jeder im Kreml vorsprechen – was offensichtlich auch für Alexander Gauland gilt, dessen Reise aus „organisatorischen Gründen“ abgesagt wurde. Aber jemandem den roten Teppich auszurollen, der die Naziherrschaft als Vogelschiss der Geschichte abtut, dürfte wohl auch in Russland in weiten Kreisen auf Unverständnis stoßen.

Dennoch mag sich so mancher fragen, was in diesem Fall hinter der Gastfreundschaft des Kremls steckt. Die Antwort ist so überraschend nicht. Schließlich pflegt die AfD von jeher erbauliche Beziehungen zu Russland. Erinnert sei nur an den Fall Lisa – eine Russlanddeutsche, die 2016 angeblich von einem Geflüchteten vergewaltigt worden war. Auch als sich die Geschichte als Fake erwies, war das deutsch-russische Verhältnis dank der abstrusen Behauptungen von Lawrow nachhaltig vergiftet – assistiert von Vertreter*innen der AfD, die propagandistisch in derselben trüben Brühe fischten wie der große Bruder im Geiste. 2018 stellten sich AfDler zur Verfügung, um die russischen Präsidentschaftswahlen auf der völkerrechtswidrig annektierten Krim zu beobachten. Im Fall des Abgeordneten Ulrich Oehme kam später heraus, dass Russland die Reise bezahlt hatte.

Und jetzt? Das Verhältnis zwischen Berlin und Moskau ist so zerrüttet wie seit Langem nicht mehr. Da ist es wohltuend, mit Politikern zu plaudern, die die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland und eine Normalisierung der Beziehungen predigen – ungeachtet so bedauerlicher Vorfälle wie des Attentats auf den Oppositionellen Alexej Nawalny.

So kann Moskau vordergründig Dialogbereitschaft simulieren, doch in Wahrheit geht es nur um eins: spalten und polarisieren. Dass sich die AfD dabei einmal mehr zum Erfüllungsgehilfen macht, spricht für sich.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Barbara Oertel Ressortleiterin Ausland

Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

3 Kommentare

 / 
  • danny schneider

    Höcke - Putin Pakt?

    "...dürfte wohl auch in Russland in weiten Kreisen auf Unverständnis stoßen"

    Wie kommt man auf sowas? Putin hat ja auch mit seinen rechtsradikalen Nachtwölfen als Fanclub kein Problem - ganz im Gegenteil.

  • 0G
    06438 (Profil gelöscht)

    Die AfD leugnet NS-Verbrechen nicht, erklärt sie aber zu einem unbedeutenden Teil der Geschichte. (...) „Der Nationalsozialismus wird zu einem unbedeutenden Teil der deutschen Geschichte erklärt.“ Das bekannteste Beispiel bei der AfD: Gaulands Äußerung, „Hitler und die Nazis“ seien „nur ein Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ gewesen.

    taz.de/Erinnerungs...ltkriegs/!5680443/

    Ansscheinend sieht es Lavrow genauso, das die 27 Millionen Toten in der Sowjetunion während WWII , nach Gauland auch nur Teil eines "" Vogelschiss(es) in über 1.000 Jahren""sind - warum hätte sich Lavrow sonst mit Rechtsradikalpopulisten, die Geschichtsrevisionismus betreiben, treffen wollen?

    Ansonsten knüpft die russische Förderation an aussenpolitische Vorstellungen an die wohl eher in die Zeit vor 1914 passen - oder in die Zeit der Weimarer Republik. -



    Wer jetzt noch zweifelt um welche Art der Diktatur es sich in der russischen Förderation handelt dem ist nicht mehr zu helfen.

  • tomás zerolo

    Wie? Diesmal keine Querdenker im Gepäck? Tsk, tsk.