Abzug aus Afghanistan: Feigheit vor den Freunden

Die Ortskräfte mussten zusehen, wie der letzte deutsche Soldat Afghanistan verlässt. Sie selbst bleiben ihrem Schicksal und den Taliban überlassen.

Vier Bundeswehrsoldaten vor abgflugbereiter Maschine rollen deutsche Fahne zusammen

Wir sind dann mal weg. Die letzten Bundeswehrsoldaten kurz vor dem Abflug aus Afghanistan Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Logistik kann die Bundeswehr. Trotz des hastigen Abzugs nach der überraschenden Ankündigung der US-Regierung zum schnellen Ende der Afghanistanmission gelangen Teilerfolge: Neben der Ausrüstung wurde ein 27 Tonnen schwerer Gedenkstein für die 53 getöteten Bundeswehrsoldaten ausgeflogen, mehr als 22.000 Liter alkoholische Getränke dem Zugriff der Taliban entzogen. Deutsche Soldaten hatten so schnell nicht austrinken können, wie man abziehen musste.

Afghanen, die für die Deutschen als sogenannte Ortskräfte gearbeitet haben, hätten gern von der Fürsorge profitiert, die dem deutschen Dosenbier widerfahren ist. Der letzte Flieger hat vor wenigen Tagen abgehoben – ohne die afghanischen Ortskräfte an Bord, die die Rache der Taliban fürchten müssen. Um die Fürsorge für die Unterstützer*innen, ohne die der deutsche Einsatz unmöglich gewesen wäre, ist es deutlich weniger gut bestellt als um die Abzugslogistik.

„Mission accomplished“ dröhnte wie einst George Bush Bundeswehrgeneral Ansgar Meyer. Man kann sich den Gemütszustand der Zurückgelassenen vorstellen. Selbst diejenigen, die in den letzten Monaten eine deutsche Aufnahmezusage erhalten haben, sitzen noch in Afghanistan fest. Sie sollen sich ihr Flugticket ab Kabul selbst beschaffen. Wie nur?

Für die Menschen, die im Norden leben, wird der Versuch, Kabul zu erreichen, immer gefährlicher. Ortskräfte berichten, dass sie angesichts des Vordringens der Taliban abtauchen mussten, ihre Häuser nicht mehr verlassen oder sich von Angehörigen trennen, um sie nicht zusätzlich zu gefährden. Erste Gerüchte, wer schon getötet wurde, machen die Runde. Das Phlegma in Sachen zügiger Hilfe hat indes nicht die Bundeswehr zu verantworten. Die Parlamentsarmee ist angewiesen auf Beschlüsse von Regierung und Parlament.

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Doch weder die Parlamentsmehrheit noch die zuständigen Ministerien trugen dem Ernst der Lage Rechnung. Stattdessen dröselten die Par­la­men­ta­rie­r*in­nen in den letzten Tagen vor der Sommerpause an Interpretationen des Aufnahmeprogramms herum, und von der SPD kam die Forderung an den Bund, die Kosten für die Flugtickets zu übernehmen, als sei das in der zugespitzten Lage die entscheidende Frage. Und ja: Es muss über den Afghanistaneinsatz und seine Folgen diskutiert werden.

Jetzt aber gilt es, zuallererst die zu retten, die mit dem Schlimmsten zu rechnen haben. Trotz der Eile wäre es möglich gewesen, den größten Teil der Ortskräfte, etwa mit einem Shuttle über Georgien, wie im Falle der abrückenden deutschen Soldaten, außer Landes zu bringen. Während in den USA der Begriff der Evakuierung kein Tabu mehr ist, hat man sich hierzulande für die postheroische Variante des „Germany First!“ entschieden. Noch rechtzeitig vor den Amerikanern draußen sein hatte höchste Priorität.

Das Gerede des kommandierenden Generals, man könne das Camp und den Flughafen noch bis zum Abzug verteidigen, galt der Beruhigung der Bevölkerung. Tatsächlich ging es nur darum, dass es keine deutschen Opfer mehr geben sollte. Der Rest, so die klare Erkenntnis, ist eine innerafghanische Angelegenheit, für die Ortskräfte im Norden aber eine des Überlebens.

Die Organisation des Abzugs war Feigheit vor Freunden, allerdings nicht als Versagen der Armee, sondern als politisch verordnete Untätigkeit. Ausschlaggebend war die Befürchtung, man müsse für den fehlgeschlagenen Afghanistaneinsatz über die Ortskräfte hinaus einen Preis zahlen, wenn weitere Menschen das Land verlassen und in Deutschland Schutz suchen.

Da tönte der Kampfbegriff der „Sogwirkung“ selbst aus dem Bundesentwicklungsministerium, das sonst meist die fürsorgliche Rolle in Sachen Fluchtursachenbekämpfung übernimmt. „Afghanen im Anmarsch“ – warum, spielt im Wahlkampfsommer keine Rolle. Die in der Sache gutwillige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte sich faulen Kompromissen zu beugen, die der Öffentlichkeit als pure Großzügigkeit verkauft wurden. Zynisch zusammengefasst:

Sorge vor „Sogwirkung“

Die Zahl derer, die theo­retisch in Deutschland aufgenommen werden könnten, ist etwas größer geworden. Das Nähere bestimmt in der Praxis das Bundesinnenministerium. Oder das weitere Vordringen der Taliban. Verbündete, die infolge ihrer Tätigkeit für Deutschland bedroht sind, in Lebensgefahr zurückzulassen, ist eine Schande. Die hastige Verabschiedung von den Ortskräften ist Wasser auf die Mühlen der Taliban, die den Deutschen gegenüber einen gönnerhaften Zynismus an den Tag legen.

„Da ihr sichtbar abzieht, wollen wir euch jetzt nicht länger belästigen“, so der Tenor einer ihrer Verlautbarungen vor dem Abzug. Die Tricksereien der letzten Wochen müssen aufhören. Ortskräfte berichten, wie übel ihnen mitgespielt wurde, indem ihnen etwa dubiose Hinweise zum Aufnahmeprogramm samt nicht funktionierenden E-Mail-Adressen in die Hand gedrückt wurden. Dem zynischen Umgang sind vor allem die Mit­ar­bei­te­r*in­nen ziviler Firmen ausgesetzt, die für die Bundeswehr tätig waren.

Entgegen der öffentlich verkündeten Absicht, in Ausnahmefällen zu helfen, ist bislang kein Fall bekannt, in dem Aufnahme gewährt wurde. Auch diejenigen, die militärische und zivile Einrichtungen für das deutsche Kontingent gebaut haben, vom Munitionsdepot bis hin zur Kirche, sind in Gefahr. Der Afghanistaneinsatz war wie kaum ein anderer ein Krieg der Subunternehmer. Die deutschen Endabnehmer müssen für den Schutz ihrer Hel­fe­r*in­nen einstehen.

Die Taliban jedenfalls werden nicht nach dem Arbeitsvertrag fragen, wenn sie die vermeintlichen Ver­rä­te­r*in­nen ins Visier nehmen. Es darf keine Zeit mehr vergeudet werden. Die Ortskräfte müssen jetzt ausgeflogen werden. Noch ist der Flughafen von Masar-i-Scharif offen.

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geboren 1954, war stellvertretender Geschäftsführer sowie rechtspolitischer Referent von Pro Asyl. Seit über 40 Jahren ist er in der Flüchtlingsarbeit tätig, zunächst als Leiter der Flüchtlingsberatungsstelle eines Wohlfahrtsverbandes, später bei Pro Asyl. Sein besonderes Augenmerk gilt der asylrechtlichen Praxis und der Situation in den Herkunftsländern.

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