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Abschreckung durch VerweigerungSinnvoller aufrüsten mit Greenpeace

Die Umweltorganisation Greenpeace wirft ein Schlaglicht auf Europas Taktik der „Vorwärtsverteidigung“. Fazit: Es ginge sparsamer und zielgerichteter.

Salutieren in Litauen: Bundeswehrsoldaten bei der Übernahme des Nato-Kommandos im Februar in Kaunas Foto: Alexander Welscher/dpa

Europa sollte auf die Entwicklung neuer Offensivwaffen verzichten und sich stattdessen auf die militärische Positionsverteidigung fokussieren. Einer neuen Studie von Greenpeace zufolge ließe sich so die Sicherheit gegenüber Russland günstiger und besser gestalten. Die Analyse des Bonner Konfliktforschers Max Mutschler kommt zu dem Schluss, dass eine auf „Vorwärtsverteidigung“ ausgerichtete Strategie an der Nato-Ostflanke, die im Fall eines russischen Angriffs Ziele tief im Hinterland ins Visier nehmen würde, „hochriskant“ sei.

„Gerade, wenn Präzisionsangriffe der Nato von Erfolg gekrönt sein sollten, besteht die Gefahr, dass Russland zu der Ansicht gelangt, die konventionelle Überlegenheit der Nato mittels taktischer Atomwaffen kontern zu müssen“, heißt es in dem Papier, das am Dienstag veröffentlicht wurde. Dabei stellt Mutschler weder die Gefahr, die von Russland ausgeht, noch die militärischen Aufrüstungsbemühungen in Europa grundsätzlich infrage. Doch eine Strategie der „Vorwärtsverteidigung“ setze zu stark auf die US-Satellitenaufklärung und den Nuklearschirm aus Washington. Auf beides könne man sich nicht mit letzter Bestimmtheit verlassen.

Die Greenpeace-Analyse gewichtet die Argumente derjenigen, die einen Angriff Russlands auf Nato-Territorium als bevorstehend sehen, mit solchen, die dies als weniger wahrscheinlich erachten. Ver­tre­te­r*in­nen beider Positionen leiten aus ihren Szenarien jeweils politische Handlungsempfehlungen her, die sich fundamental gegenüberstehen: Die einen sehen Frieden nur durch eine umfassende Aufrüstung und Abschreckung als möglich, andere sehen genau dadurch eine erhöhte Kriegsgefahr.

Die Gefahr von mutmaßlichen Präventivschlägen

„Am vielversprechendsten erscheint eine Kombination der Politikempfehlungen beider Lager“, schreibt Mutschler in seiner Analyse. Mit dem Krieg gegen die Ukraine ziehe Russland darauf ab, seine Einflusssphäre zu vergrößern. „Die Warnung davor, dass diese Ambitionen auch nach einem Sieg oder einer für Russland vorteilhaften Beendigung der Kampfhandlungen in der Ukraine nicht befriedigt sein könnten, sollte nicht als Alarmismus abgetan werden“, schreibt Mutschler mit Bezug auf den US-Historiker Timothy Snyder.

Als Ergänzung zu dieser Position führt er mit Charles Glaser einen Vertreter der Denkschule des „defensiven Realismus“ an, der schreibe: „Das heutige Russland kann als erstrangiges Beispiel für ein Land mit gemischter Motivlage dienen: Es verfolgt in der Ukraine aggressive Politiken sowohl, weil es glaubt, die Ukraine sollte Teil von Russland sein, als auch, weil es sich von der Nato-Erweiterung bedroht fühlt.“

Aus dieser Betrachtung könne man folgern, dass es für die europäische Sicherheitspolitik sinnvoll sei, auf eine Strategie der Abschreckung gegenüber Russland zu setzen, denn beide Motive könnten Russland zu aggressivem Vorgehen gegenüber Nato-Staaten verleiten.

Dabei enthielten die Argumente der Aufrüstungsgegner für die Politikgestaltung wichtige Ergänzungen: „Durch die eigene Aufrüstung und insbesondere durch gesteigertes Offensiv-Potenzial und die Möglichkeit, den Gegner tief im Hinterland zu attackieren, macht man die Gegenseite unsicherer und bestärkt sie dadurch in ihrem Bestreben, ebenfalls aufzurüsten.“ Im Ergebnis eines solchen Rüstungswettlaufs gewinne keine der beiden Seiten an Sicherheit. „Wenn eine Seite befürchtet, zukünftig ins Hintertreffen zu geraten, können sogar Anreize zu vermeintlichen Präventivschlägen geschaffen werden.“

Dabei stellt die Studie dar, wie das Geld aus dem 100-Milliarden-Euro-Sonderschuldentopf für die Bundeswehr durchaus in offensiv ausgerichteten Großprojekten genutzt wird. Als einer der größten Posten schlägt etwa die Anschaffung von 35 Kampfflugzeugen des Typs F-35 aus den USA mit mehr als 8 Milliarden Euro zu Buche. Der Einsatz dieser prestigeträchtigen Kampfflugzeuge hat zuletzt Häme auf sich gezogen: Im Irankrieg wurde ein Tarnkappen-Jet nach Beschuss zu einer Notlandung gezwungen.

In der Analyse stellt Mutschler Einsatztaktiken der Manöververteidigung und der Positionsverteidigung einander gegenüber. „Die Manöververteidigung ist primär darauf ausgerichtet, durch die möglichst schnelle Bewegung der eigenen Truppen den gegnerischen Hauptkräften auszuweichen und den Gegner an seinen Schwachpunkten, meist in seinem Rücken, zu treffen“, heißt es. Diese Überlegungen dominierten das strategische Denken innerhalb der Nato.

Rüstungskontrolle vor allem bei Mittelstreckenraketen

„Dem gegenüber steht eine Strategie, die auf Positionsverteidigung ausgelegt ist, wie sie zum Beispiel von den baltischen Staaten mit der Baltic Defence Line präferiert wird.“ Lettland, Estland und Litauen setzten dabei auf Bunkeranlagen und Verteidigungslinien entlang strategisch wichtiger Straßen und Schienen sowie die Möglichkeit, schnell Panzersperren, Schützengräben und Minenfelder einzurichten. Entlang dieses Konzepts, das auf „deterrence by denial“, also die Verweigerung von Angriffsoptionen setzt, sei auch etwa die Stationierung der Bundeswehr-Brigade in Litauen durchaus sinnvoll.

Zwar habe die Nato bereits, seit Russland die Krim eingenommen habe, in einigen Teilen eine Strategie der Positionsverteidigung adaptiert, schreibt Mutschler. Doch die geplante Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland und eine angestrebte Entwicklung dieser Waffen mit einer Reichweite von mehr als 2.000 Kilometern in Europa konterkariere dies.

„Ein Strategiewechsel hin zu einer defensiven Verteidigung, die den Schwerpunkt von der Manöver- auf die Positionsverteidigung verschiebt, wäre ein großer und wichtiger Schritt.“ So könnten Eskalationsrisiken verringert werden, „vermutlich wäre dies auch die effektivere Form der Abschreckung“, heißt es in der Studie. Außerdem plädiert die Analyse dafür, gerade bei den Mittelstreckenraketen wieder eine Rüstungskontrolle zu forcieren, die auf einer gegenseitigen Kontrolle basieren müsse.

Greenpeace hatte im November 2024 mit einer Studie für Aufsehen gesorgt, in der Friedensforscher Christopher Steinmetz die militärischen Kapazitäten Russlands und der europäischen Nato-Staaten gegenübergestellt hatte. Demnach ist Europa vom Geld über die Truppenstärke bis hin zu Großwaffensystemen wie Panzern Russland in fast allen Kategorien überlegen. Nur in der nuklearen Dimension ist Moskau stärker. Kritiker sahen ein Problem dieser Studie darin, dass etwa die europäische Stärke bei der Truppenzahl auf der Kampfkraft der Türkei und Griechenlands aufbaue, die für einen Konfliktfall im Baltikum nur schwer mobilisierbar wäre.

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13 Kommentare

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  • Eine Vorwärtsverteidgung ist teurer als Bewegungskrieg. Ganz einfach weil man entlang der ganzen potentiellen Front große Verbände bereit haben muss. Dazu kommen noch Reserven. Außerdem entwicklet sich so eine Verteidigung schnell in einen Abnutzungskrieg die sind monetär und in Blut extrem teuer selbst wenn gut geführt.



    An der Vorwärtsverteidgung führt kein Weg vorbei aber das liegt an Drohnen. Angriffe im Hinterland werden zu keinem Atomkrieg führen sind aber essentiell will man die Kosten gering halten oder auch nur schlichtweg die Möglichkeit haben den Krieg zu beenden.

    Die Drohung mit ballistischen Raketen alle Strom und Wärmekraftwerke in Russland vor Winterbeginn zu zerstören würde Russland sehr schnell zum Frieden zu bewegen, ansonsten hat sich das Problem dann Mitte Winter gelöst. So ein potentizial würde zu Abschreckung und damit zu Frieden führen.

  • Wenn ein grüner Sesselstratege die Einrichtung einer Maginot-Linie durch die NATO vorschlägt bin ich doch wieder froh, dass die Grünen keine Regierungsbeteiligung mehr haben.

    • @FraMa:

      Die Studie ist von Greenpeace, nicht von den Grünen - internationale NGO, keine deutsche Partei. Ist das so schwer auseinanderzuhalten?

    • @FraMa:

      You made my day!

      • @Nachtsonne:

        Womit? Mit dem Maginotlinien-Vergleich? Der ist tatsächlich gut. Oder mit dem Grünen-Bashing? Das ist sehr gewöhnlich.

  • Alleinige Positionsverteidigung währe ein beängstigendes Konzept für die eigene Bevölkerung, denke ich. Der Angriffskrieg der Russen hat die Ukraine auch deshalb in die bestehende existenzielle Not gebracht, weil erfolgreiche Angriffe auf die russische Infrastruktur nicht oder erst sehr spät möglich waren.



    Der kalte Krieg wurde beendet, weil Gorbatschow den wirtschaftlichen Niedergang der damaligen Sowjetunion nicht weiterbetreiben wollte und die Breshnjew-Doktrin beendete. Seine neue Politik der Abrüstung war ein Baustein für die Deeskalation und brachte auch die beiden deutschen Teile West und Ost wieder zusammen. Gorbatschow erklärte das Konzept der beschränkten Souveränität der sozialistischen Länder für beendet und da stand die DDR auf einmal ohne Schutzmacht da.



    Es gibt unberechenbare Faktoren, die über Krieg und Frieden entscheiden. Man sollte sich auf einseitige Konzepte deshalb nicht einlassen, denke ich.

  • Beinhalten Statistiken über umweltzerstörende Emissionen eigentlich auch den Anteil, der durch Kriege und die damit verbundenen Zerstörungen hervorgerufen wird?

  • Dazu wäre einiges zu sagen, z.B. dass eine Armee sich nicht nur auf einen bekannten und regional begrenzten Konflikt ausrichten muss oder dass die Differenzierung zwischen Offensiv- und Defensivwaffen im Verbund keinen Sinn macht. Das Geld in Europa für Verteidigung aufgrund der Zersplitterung nicht optimal eingesetzt wird ist eine Binse. Das man nicht Militärs die Entscheidung über Krieg und Frieden überlasst sondern Politikern und hier der Blickwinkel eine anderer ist darf man als bekannt voraussetzen. Aber fassen wir es mal zusammen: "Schuster, blei bei deinen Leisten".

  • Positionsverteidigung bedeutet quasi Stellungs- und Abnutzungskrieg. Dass Russland dabei mindestens standhalten kann, zeigt es in der Ukraine - weil es die Nachschubtiefe hat. Wenn man in der möglichen Verteidigung gegen Russland nicht auch in der Tiefe wirken und den Nachschub und die Kommandostrukturen stören oder unterbinden kann, wie es die Ukraine z. B. mit ihren Langstreckendrohnen und eigenentwickelten Marschflugkörpern versucht, würde man früher oder später kollabieren.



    Außerdem: Warum sind europäische deep strike-Fähigkeiten (die genannten oder gemeinten Offensivwaffen F35 oder Tomahawk) ein Problem, die russische Oreschnik, Iskander, Kinschal und Kalibr aber nicht - noch zumal, wenn sie in Kaliningrad stationiert sind? Hier hat Russland doch schon längst aufgerüstet - und zwar nicht als Reaktion auf europäische Offensivwaffen...



    Sich allein auf die Positionsverteidigung zu verlassen bedeutete, die russische deep strike Fähigkeit zu ignorieren und genau jene Kampfform zu wählen, die im Zeitverlauf gegen einen offenkundig expansiv eingestellten Gegner ressourcenintensiver ist, und in der Russland im Zweifel schon besser aufgestellt ist.

  • Bei der NATO Übung "Hedgehog 2025" haben zehn Ukrainer zwei NATO Bataillone im Alleingang besiegt. Und die NATO beobachtet seit vier Jahren, wie moderne Kriegsführung aussehen kann.

  • Klingt naiv und weltanschaulich gewollt. Welche Konsequenz es hat, wenn militärisch neuralgische Ziele, wie etwa Logistik und Waffenproduktion, im gegnerischen Hinterland außer Reichweite liegen, lässt sich sehr anschaulich am Beispiel der Ukraine studieren. Nahezu ungestört kann Russland immer neues Gerät produzieren und herranschaffen, um das gesamte ukrainische Territorium ständig unter beschuss zu nehmen. Die ukrainische Lufverteidigung vermag diese Offensivwellen nur zu schwächen, nicht jedoch zu beenden. Wenn die Defensivwaffen dann auch noch deutlich teurer und aufwändiger zu bauen sind, riskieren die Verteidiger, dass ihnen irgendwann die Puste ausgeht, und zwar erst recht, wenn ihr Hinterland von der gegenerischen Seite straflos attackiert wird. Ganz zu schweigen davon, dass einmal verlorenes Territorium sich ohne Offensivkapazität nicht mehr zurückholen lässt. Schließlich: Im Ernstfall kann nicht davon ausgegangen werden, dass Nato/Europa geschlossen handeln. Eine effektive Abschreckung ist daher nur dann gegeben, wenn Russland davon ausgehen muss, dass selbst eine Koalition weniger europäischer Staaten ihm wirkungsvoll entgegen treten kann.

  • Mal einen gelernten fünf Sterne General dazu befragen. Die Angst vor einem präventiv Schlag ist Putin Gedöns. Wer zuerst auf den roten Knopf drückt, stirbt als zweiter. Er ist ziemlich beknallt, aber kein Selbstmörder

  • "Einer neuen Studie von Greenpeace zufolge ließe sich so die Sicherheit gegenüber Russland günstiger und besser gestalten"

    Die Greenpeace-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die NATO bzw. Europa Russland militärisch insgesamt überlegen ist und sich grundsätzlich verteidigen kann, auch ohne massive Aufrüstung. Sie stützt sich dabei vor allem auf Vergleiche von Budget, Truppenstärke und Waffenarsenalen. Allerdings ist die Aussagekraft begrenzt. Greenpeace ist eine politisch engagierte NGO und keine neutrale Militäranalyse-Instanz. Zudem bleiben wichtige Faktoren wie Strategie, Einsatzbereitschaft und nukleare Abschreckung nur teilweise berücksichtigt was auch im Artikel aufgegriffen, aber nicht ausreichend beleuchtet wird. Das Fazit der Studie ist daher eher eine politische Bewertung als eine umfassende sicherheitspolitische Lageeinschätzung und sollte im Kontext anderer Analysen betrachtet werden, die durchaus feststellen, dass die Nato aufrüsten muss um auch ohne die USA gegen Russland verteidigungsfähig zu sein.