Abschied vom Schattenspender: Wo Palmrüssler und Borkenkäfer Gute Nacht sagen
Die Kiefer hat lange durchgehalten, aber zu trocken ist einfach zu trocken. Ein Abschied mit Blick auf die Adria und wenig Hoffnung auf Besserung.
S ie hat den Kopf fallen gelassen. Die noch grünen Nadeln hängen hinunter, statt stolz in den Himmel zu ragen. Von den dicken Ästen schält sich die Rinde. Sie ist ein 15 Meter hoher Baum, der meine Terrasse 50 Jahre lang beschattet hat. Nun ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Es ist die letzte Kiefer auf dem Hügel des dalmatinischen Fischerdorfs Bratuš. Die Häuser, die hier in den 1970er Jahren teils von Gastarbeitern, teils von der jugoslawischen Elite gebaut wurden, haben sich längst von den hier ehemals dicht an dicht stehenden Aleppo-Kiefern getrennt. Aus Brandschutzgründen und wegen der Tonnen an Nadeln, die tägliches Fegen erfordern (wer meint, die könne man doch einfach liegen lassen, hat noch nie einen Kiefernwaldbrand erlebt).
Noch vor drei Wochen war meine Kiefer in Topform. Grün, groß, buschig. Über Nacht wurden die Nadeln braun und fielen ab, die grüne Nadelnachproduktion wurde nicht mehr angeworfen. Man konnte dem Baum stündlich beim Sterben zusehen. Auch ein Starkregentag brachte nichts. Jeder Nachbar hat eine andere Theorie für den plötzlichen Kieferntod: Vergiftung durch einen Nachbar („Ich bin mir 90 Prozent sicher“), Überhitzung, Krankheit.
Mittlerweile liegt um den Baum herum überall brauner Staub, und auf dem Stamm beginnt es zu krabbeln. Handyfoto, KI. Ergebnis: Zu 90 Prozent Borkenkäfer.
Hellgrünem Riesen den Todesstoß versetzt
Die Lunge der 60 Kilometer entfernten Hafenstadt Split, der Waldhügel Marjan, droht seit 2017 wegen der massiven Austrocknung der Aleppo-Kiefern zu kollabieren. Der Mittelmeerborkenkäfer kann sich in den von der Dürre geschwächten Bäumen rasant verbreiten, was den charakteristischen hellgrünen Riesen den Todesstoß versetzt.
Vor wenigen Jahren hatte der Palmrüssler den Mittelmeerraum angegriffen und auch in Kroatien den Bestand an Kanarischen Dattelpalmen beträchtlich reduziert. Auch zwei meiner Palmen und die meiner Nachbarn starben.
Sowohl die Aleppo-Kiefer als auch die Dattelpalme sind in Kroatien nicht endemisch. Die Kiefer wurde im 19. Jahrhundert wegen ihrer resistenten Wurzeln als Bodenfestiger auf die steilen Karsthänge an der Küste gepflanzt. Die Palmen wurden zur gleichen Zeit zwecks touristischen Marketings importiert, um die Strandpromenaden exotischer zu gestalten. Vorher stand dort der endemische kostela (Zürgelbaum), ein robuster Riese mit dichtem, sonnenschirmrundem Blätterdach. Ein Schattenspender, wie ihn sich kein Landschaftsplaner besser ausdenken könnte, aber wenig instagrammable.
Im kroatischen Hinterland bildet die Macchia eine natürliche Barriere gegen Brände. Mit der Aleppo-Kiefer an der Küste hat man sich ein leicht entflammbares Streichholz in die Landschaft gebaut. Seine harzreichen Nadeln wirken wie Brandbeschleuniger, weswegen die Waldbrände an den Mittelmeerküsten so schwer zu kontrollieren sind.
Die Kritik an der Aufforstung mit der Aleppo-Kiefer verhallt. Wenn in ein paar Jahren noch Leben am Mittelmeer außerhalb von klimatisierten Villen mit klimatisiertem Pool stattfinden soll, müsste Natur- und Hitzeschutz allerhöchste Priorität haben.
Nicht nur am Mittelmeer droht Verwüstung. In Deutschland sind laut dem diese Woche veröffentlichten „Hitze-Check“ der Deutschen Umwelthilfe in den vergangenen sieben Jahren über eine Million Bäume aus den Städten „verschwunden“. Es drohten lebensfeindliche Räume, wenn die Politik nichts unternähme. Die aktuelle Eichenprozessionsspinner-Plage vervollständigt das apokalyptische Gefühl.
Die mangelhafte Hitzeschutzpolitik könnte auch Vergiftung genannt werden. Vergiftung nicht durch Nachbars Hand, sondern durch fahrlässiges Nichthandeln.
Seit Donnerstag fällt kein Schatten mehr auf meine Terrasse. Die Kiefer wurde gefällt. R. I. P.
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