Abriss der Sternbrücke in Hamburg: Trostpflaster für Monsterbrücke

Der Abriss der Hamburger Sternbrücke kommt. Mit dem Versprechen, ein neues „Clubhaus“ zu bauen, zieht der Senat die örtlichen Clubs auf seine Seite.

Gestaltung der geplanten neuen Sternbrücke und des vierstöckigen Klubhaus

Flankenschutz: Entwurf für das „Clubhaus“ neben der neuen Sternbrücke Bild: TF Architekten

HAMBURG taz | Zu welchem Zeitpunkt war eigentlich die Entscheidung zum Abriss der Sternbrücke in Altona endgültig? Oder ist der Punkt noch gar nicht erreicht? Immerhin läuft das Planfeststellungsverfahren noch, Einwendungen sind bis zum 5. Januar möglich. Dass zudem die Abrissgegner:innen gegen die Pläne des Senats und der Deutschen Bahn, die die denkmalgeschützte Brücke abreißen und durch eine riesige Bogenbrücke ersetzen wollen, klagen werden, ist nicht unwahrscheinlich.

Doch selbst der Sachverständige Werner Lorenz, Ingenieur und Mahner für den Erhalt der Brücke, wollte am Donnerstagabend im Verkehrsausschuss der Bürgerschaft schon keinen flammenden Appell mehr halten. „Mir scheint, dass die Entscheidung für einen Abriss längst gefallen ist“, sagte er betrübt.

Vermutlich aber dürfte die Verkehrsausschusssitzung von Donnerstag bei einem künftigen Rückblick als Zeitpunkt gelten, an dem der Protest gegen den Abriss scheiterte. Fünfeinhalb Stunden lang gaben die (ausschließlich männlichen) Sachverständigen ihre Sichtweisen zur Zukunft der Sternbrücke ab.

Unterm Strich war das Ergebnis: Ein Abriss, so ärgerlich er ist, sei zumindest nachvollziehbar. Und dann gelang es der SPD auch noch mit einem überraschenden Manöver, den Protest zu entzweien und die Debatte weit weg von der Frage über Abriss oder Sanierung zu schieben.

Die Grünen sind klar für den Abriss

Die Fronten waren vorher klar: Die Grünen sind für einen Abriss, weil sie einerseits der Stärkung des Schienenverkehrs nicht im Weg stehen wollen, andererseits weil sie hübsche Pläne für den Raum unter der Brücke haben. Mehr Fußgänger:innen, mehr Fahrräder, mehr Busse sollen sich vor allem auf der Stresemannstraße in Ost-West-Richtung unter dem Neubau bewegen können.

Alternativlos, betonte Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne), sei die Neugestaltung mit mehr Platz, um die von ihm propagierte Mobilitätswende anzugehen. Vor allem die Busse, deren Taktung sich in den kommenden Jahren massiv erhöhen soll, brauchen eigene Spuren.

Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn fand das am Dienstag auch gut und überzeugend. Auch mit Verweis, dass ja eines Tages auch eine Straßenbahn doch in den Blick genommen werden könne. Die SPD ist auch für den Abriss, hält sich aber bislang aus der Debatte weitgehend raus.

Die Deutsche Bahn ist aus einem ziemlich einfachen Grund für den Neubau, auch wenn sie das natürlich so nicht sagt. Eine Sanierung nämlich müsste sie selbst finanzieren. Bei Abriss und Neubau finanziert die öffentliche Hand die Hälfte dazu. Und eine Sanierung würde eine Menge Schwierigkeiten bedeuten und Arbeit machen.

Der Begriff „Monsterbrücke“ hat sich schon eingebürgert

Dass das kaum im Interesse der Bahn ist, ist klar. Doch für den Abriss weiß die Bahn auch diverse Gutachten auf ihrer Seite. Auf Werner Lorenz machte das jedoch kaum Eindruck: „Es ist doch klar: Wenn der Staat einen Abriss mitbezahlt, hat das auch einen großen Einfluss auf die Gutachten.“ Dennoch betonten die Vertreter der Bahn, die von der Sternbrücke als Flaschenhals im europäischen Bahnverkehr sprachen, dass eine Sanierung nicht möglich sei.

Dagegen kamen die Kritiker kaum an: Eine radikale Ablehnung der Abrisspläne war von den anderen Sachverständigen dann nicht mehr zu hören. Dabei hatten zig Prominente, vom Regisseur Fatih Akin über den Schauspieler Peter Lohmeyer bis zum Medien­unternehmer Frank Otto, sich zuletzt noch in Botschaften für den Erhalt stark gemacht. Und Tags zuvor warf die Initiative Sternbrücke noch 16.000 Unterschriften für den Erhalt im Rathaus ein.

Mitten während der Sitzung kam vom Senat die Nachricht, dass eine Lösung für die Klubs gefunden worden sei

Allerdings hatte der Protest gegen den Abriss erst richtig an Fahrt aufgenommen, als im Frühjahr erstmals zu sehen war, was kommen soll: Eine riesige Stabbogenbrücke, die bereits weithin „Monsterbrücke“ genannt wird.

Auch Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur aus Potsdam, beklagte im Ausschuss die architektonische Anspruchslosigkeit der Pläne. Er prognostizierte aber auch optimistisch: „Wenn die neue Brücke schön wird, kann man die Menschen davon überzeugen.“

Und plötzlich steht die Idee des „Clubhaus“ im Raum

Skepsis, ob das noch passieren wird, ist allerdings angebracht. Mit einer „Ideenwerkstatt“ versprach die Bahn, für Beteiligung beim Gestaltungsprozess sorgen zu wollen. Dass es sich dabei allerdings nicht um viel mehr als einige aufzuhübschende Details handeln würde, gab die Opposition im Ausschuss zu Bedenken.

Doch dass der Protest mit der Ausschusssitzung am Donnerstag in die Schranken verwiesen wurde, dafür sorgte die SPD. Mitten während der Sitzung kam die Nachricht, dass eine Lösung für die Klubs gefunden worden sei, die bislang in den Kasematten der Brücke beherbergt sind.

Parallel, vor den Ausschussmitgliedern, erläuterte John Schierhorn, Chef des Waagenbau-Klubs, die Idee zusammen mit dem Architekten Axel Farnschläder. Direkt neben der Brücke an der Kreuzung Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße soll auf städtischem Baugrund ein „Clubhaus“ entstehen, in dem das Waagenbau, das Fundbureau und die Astra-Stube gemeinsam unterkommen.

Perplex und in Teilen sauer reagierte die Opposition auf diesen unerwarteten Vorstoß. Denn bislang standen die Klubs auf Seiten der Abrissgegner:innen. Und der Senat hätte diese Nachricht auch vorher bekannt geben können.

„Kaltschnäuzig“ und „opportunistisch“ sei nach Ansicht der Initiative Sternbrücke das Vorgehen vom Senat und von den Klubs.

Der Riss im Protest ist da. Und der Abriss der Brücke rückt damit auch ganz nah.

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