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50 Jahre Punk in HannoverAls Punks in die Blumenbeete der Landesmutter pinkelten

Die Toten Hosen spielten 1987 im Haus des Ministerpräsidenten von Niedersachsen. Das Buch „Hey Ho! Let’s Go!“ erzählt aus 50 Jahren Punk in Hannover.

Martina spielte Bass bei The Fucks aus dem Dorf Thönse. Den in Hannovers Punkbands aktiven Frauen ist ein Kapitel im Buch gewidmet Foto: Privat

Auf dem ersten und einzigen Album der Punkband Klischee aus Hannover findet sich eine böse Abrechnung mit ihrer Heimatstadt: „Hannover ist so tot. Hannover ist so leer. Hannover ist beschissen. Nichts geht mehr. Plastikghetto, Neonstadt. Plastikghetto ich hab dich satt.“ Das war übertrieben, weil Hannover seit den späten 1970er Jahren eine veritable Punk-Metropole war, in der sich niemand langweilen musste.

Um sie zu feiern, erschien vor drei Jahren „Wie der Punk nach Hannover kam“, herausgegeben von Klaus Abelmann, Detlef Max und Hollow Skai, die sich einst als Macher der Fanzines Gegendarstellung, No Fun und Schlappschiss um die publizistische Flankierung von Punk in Hannover verdient gemacht hatten. Jetzt haben die drei nochmal nachgelegt und „Hey Ho! Let’s Go! 50 Jahre Punk in Hannover“ hinterhergeschoben, wieder gestaltet von Sebastian Moock, diesmal mit einem giftgrünen Cover.

„Hey Ho! Let’s Go!“ ist gewissermaßen die kleine Schwester vom großen Hannover-Punk-Buch, was nicht heißt, dass es weniger unterhaltsam wäre. Wieder sind es die vielen Anekdoten, die am meisten Freude machen. Etwa die Geschichte, als die Toten Hosen im Wohnzimmer von Niedersachens Ministerpräsident Ernst Albrecht spielten. Sohn Barthold war Hosen-Fan und lernte die Band bei einem Konzert in der Rotation, damals Hannovers bester Live-Club, kennen. Der Hosen-Sänger tröstete Barthold mit den Worten: „Mein Alter ist auch in der CDU.“

In der Werkstatt Odem trafen sich Punks und Avantgardisten

Die Hosen traten also bei Albrechts auf, es „schäumte schon bald Bier durch den Raum und der teure Parkettfußboden wurde mit ausgetretenen Zigarettenkippen verziert. Unbehelligt von den zahlreich postierten Sicherheitsbeamten, die das Anwesen in eine Festung verwandelt hatten, pinkelten Punks in die Blumenbeete der Landesmutter Heidi Adele, und der Hosen-Roadie Faust verspeiste das kalte Buffet fast im Alleingang, obwohl ihm die Lachsschnittchen, die er für Schinkenbrote hielt, zu sehr nach Fisch schmeckten.“

Gewürdigt wird im Buch auch ein anderer wichtiger Ort, die Werkstatt Odem, in der sich Punks und Avantgardisten trafen, etwa zum ersten und einzigen Konzert der Punkband Deutschland, die als Vorgruppe von Blitzkrieg auftraten. Spektakulär war wohl auch der Auftritt der 39 Clocks, die im ersten Stock der Werkstatt spielten und ihr Konzert per Livevideo ins Erdgeschoss übertrugen, wo sich das Publikum versammelt hatte. Den 39 Clocks ist im Buch ein eigener Text gewidmet, können sie doch in Anspruch nehmen, Punk als erste auf die Straßen und Bühnen Hannovers gebracht zu haben.

Das Buch und die Lesung

Klaus Abelmann, Detlef Max, Sebastian Moock, Hollow Skai (Hrsg.): „Hey Ho! Let’s Go! 50 Jahre Punk in Hannover“. Leuenhagen & Paris, Hannover 2025, 192 Seiten, 17,90 Euro.

Lesung am 4.3. im Nochtspeicher, Hamburg. Mit Bärchen und die Milchbubis, David Spoo (ex-Klischee), Martina Weith (Östro 430) und Martin Simons (Der Moderne Man). 19 Uhr

Die Aufzeichnung des taz Talks mit Klaus Abelmann, Hollow Skai und David Spoo finden Sie hier.

1976 nannten sich Jürgen Gleue und Christian Henjes noch Zachius Lipschitz. Mehrere Namenswechsel folgten. Aus Zachius Lipschitz wurden The Killing Rats wurden The Automats und schließlich 39 Clocks. Sie schafften es, die Anhänger von Otto Mühls Aktionsanalystischer Organisation auf die Palme zu bringen, indem sie deren Analyse-Terror mit entspannten Abhängen und lautem Gähnen ins Leere laufen ließen.

Die Logik der Pogo-Anarchisten war bestechend

Auch das Zentralkomitee der Anarchistischen Pogo Partei Deutschlands residierte in Hannover, genauer gesagt in Linden, das war 1984. Die Partei, so lernen wir, „war der Ansicht, dass ein Atomkrieg nicht mehr zu verhindern sei, und sah es deshalb als ihre wichtigste Aufgabe an, den Menschen in Deutschland vor dem unausweichlichen Ende ein erfülltes Leben zu ermöglichen“. Warum also arbeiten? „Wer noch nie gearbeitet hat, soll nicht schon in jungen Jahren das harte Brot der Arbeit essen müssen“, meinte die APPD. Die Logik der Pogo-Anarchisten war bestechend.

Wie überall waren Frauen auch in den Punkbands von Hannover unterrepräsentiert. Bei The Fucks aus dem Dorf Thönse spielte Martina Bass, die Boskops hatten eine Gitarristin, bei Blitzkrieg sang eine Frau namens Dussel, auch bei Kaltwetterfront und Bärchen und die Milchbubis sang eine Frau. Bei Hans-A-Plast allerdings besetzten Frauen die für einen schlagkräftigen Sound wesentlichen Funktionen Schlagzeug, Bass und Gesang. Hans-A-Plast war die erfolgreichste Punkband Hannovers.

So finden sich in „Hey Ho! Let’s Go!“ viele spannende Geschichten aus der untergegangenen Bundesrepublik, die Lebensleistung vieler Punks wird gewürdigt. Es mangelt nicht an Informationen, die jeden Smalltalk bereichern werden. Wussten Sie, dass die Gay City Rollers einen Song namens „La Paloma Beimer“ aufnahmen, um die Ehe des „Lindenstraßen“-Paars Taube und Hansemann zu retten?

Die Playlist „30 Punk-Songs aus Hannover, die man kennen muss“ vermittelt einen guten Überblick über das Schaffen der lokalen Punkszene. Wer „Samen im Darm“ von den Cretins oder das „Disco-Lied“ von Der Moderne Man noch nicht kennt, sollte diese Bildungslücke schnell füllen.

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