piwik no script img

5 Jahre Taliban in AfghanistanEnge Zusammenarbeit mit Islamisten

Seit Ende Juli schiebt Deutschland auch nicht straffällige Männer nach Afghanistan ab. Die Behörden brauchen dafür die Erlaubnis von Taliban-Vertretern.

Vor fünf Jahren schaute die Welt fassungslos zu, wie sich am Flughafen Kabul verzweifelte Menschen von außen an Flugzeuge klammerten. Denn nach der Machtübernahme der Taliban wollten Tausende Afghanistan um jeden Preis verlassen. Inzwischen ist es die Afghanistanpolitik der Bundesregierung und der Länder, die fassungslos macht.

Da ist etwa Faridoon Tofan, ein 46-jähriger Ingenieur. Er ist laut des Flüchtlingsrats Berlin 2022 aus Afghanistan geflohen und lebt in Brandenburg, wo er auch arbeitete. Aktuell sitzt er nach Angaben von Amnesty International am Münchener Flughafen in Abschiebehaft – seit mehr als drei Monaten. Er war zu einer Hochzeit in Rom gereist, und er habe nicht gewusst, dass ihm das mit einer Duldung nicht gestattet sei. Ihm droht nun die Abschiebung nach Afghanistan.

„Am 28. Juli hat Deutschland erstmals eine Person nach Afghanistan abgeschoben, die nicht strafrechtlich verurteilt ist“, sagt Nina Alizadeh Marandi, Juristin und Referentin für Asylpolitik bei Amnesty International in Deutschland. „Die nächste Abschiebung ist für Ende August angekündigt“, sagt sie. Amnesty befürchtet, dass Tofan mit diesem oder einem der kommenden Flüge abgeschoben werden könnte.

„Afghanistan ist grundsätzlich kein sicherer Ort, auch nicht für Männer“, sagt Alizadeh Marandi. Doch bei Tofan zeigten sich zusätzliche Hinweise auf eine persönliche Verfolgung. „Herr Tofan musste sich vor seiner Flucht aus Afghanistan über ein Jahr vor den Taliban verstecken. Nachdem er in Abschiebungshaft einem Taliban-Vertreter vorgeführt wurde, haben Taliban seine Familie, die noch in Afghanistan lebt, besucht“, berichtet die Amnesty-Referentin.

Taliban bedrohen die Familie

„Seine Söhne gehen seitdem aus Angst nicht mehr zur Schule“, sagt sie. „Herr Tofan macht sich große Sorgen um seine Familie.“ Außerdem habe Tofan sie mit seinem Gehalt finanziell unterstützt, das falle jetzt weg und gefährde die Nahrungssicherheit seiner Angehörigen.

Der Flüchtlingsrat fordert, dass sich Brandenburgs Sozialminister René Wilke (SPD) für einen Verbleib von Tofan in Deutschland starkmacht. Wilkes Ministerium wiederum teilt mit, dass Brandenburg inzwischen für ihn nicht mehr zuständig sei – grundsätzlich befürwortete Wilke zuletzt Abschiebungen.

Die deutsche Politik macht sich damit erpressbar

Nina Alizadeh Marandi, Referentin bei Amnesty International

„Abschiebungen nach Afghanistan stehen im Widerspruch zu den menschen- und völkerrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands“, kritisiert Alizadeh Marandi. Insgesamt wurden im laufenden Jahr 118 Menschen aus Deutschland nach Afghanistan abgeschoben – darunter auch eine aus Berlin und sieben aus Brandenburg. 2025 hatte Berlin vier Männer und Brandenburg einen Mann dorthin abgeschoben. „Die deutsche Politik macht sich damit erpressbar“, sagt Alizadeh Marandi. „Die Taliban lassen sich Rückführungen politisch bezahlen – mit diplomatischer Aufwertung in Deutschland und Europa.“

Denn die Taliban sind eng in jede Abschiebung eingebunden. Bevor deutsche Behörden nach Afghanistan abschieben können, präsentiert die Bundespolizei Mitarbeitern der afghanischen Botschaft die jeweiligen Personen, um von den Taliban eine Erlaubnis dafür zu erwirken.

Wie das konkret aussieht, zeigte sich am 24. Juli in Berlin, als das Bundesamt für Migration und Flucht (Bamf) afghanische Botschaftsmitarbeiter zu diesem Zweck in der Bamf-Außenstelle in der Badenschen Straße in Berlin empfing. Flüchtlingsinitiativen hatten mit einer Kundgebung darauf aufmerksam gemacht, das Bamf bestätigt den Vorgang auf Nachfrage. Laut Innenverwaltung ist dabei keine Person aus Berliner Zuständigkeit abgeschoben worden.

Nur „technische Gespräche“?

Bei den Anhörungen handele es sich um einen „üblichen Verfahrensschritt“, das Bamf-Gebäude sei für die Maßnahme „geeignet“, teilt ein Sprecher des Bundesinnenministeriums (BMI) dazu mit. Die Bundesregierung leiste damit Amtshilfe, der Bund ermögliche damit den Bundesländern „regelmäßige Rückführungen ausreisepflichtiger Personen nach Afghanistan“. Wie viele Menschen und aus welchen Bundesländern dort präsentiert wurden, sagt das BMI nicht und verweist auf die Länder. So zerfasert die Verantwortung.

Das BMI redet in diesem Zusammenhang von „technischen Gesprächen“ zwischen dem Ministerium und „Vertretern der afghanischen De-facto-Regierung“. Dort sind die Verantwortlichen weiterhin der Ansicht, dass aus „derartigen Kontakten auf technischer Ebene“ noch „keine politische Anerkennung der Taliban als rechtmäßige Regierung Afghanistans“ folge. Gerade dies zweifeln Amnesty International und Flüchtlingsinitiativen stark an.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

11 Kommentare

 / 
  • Perkele

    An diesem Thema wird deutlich welche Prioritäten der christliche Minister Dobrindt und csdU setzen: Erfüllung der populistischen Vorstellungen -die freilich größtenteils rechtsradikal sind- um die eigenen, persönliche Position im rechtslastigen Betrieb zu festigen. Man will mit dem Nachäffen der Faschos möglichst viele Vorteile für die Partei erreichen, doch freilich die AgD damit stärkt. Mit Demokratie hat das nichts zu tun, mit christlich gebotener Ehrlichkeit noch weniger - es ist purer Selbstzweck für den man bedenkenlos auch Menschenleben auf's Spiel setzt. Warum wohl??

  • Lieselotte Schellong

    Im Guardian gab es vor einiger Zeit einen Bericht, dass durch ein Leak in einer Behörde Daten von in UK lebenden Afghanen an die Taliban gelangt sind. Es wurde bekannt, dass 2025 in Afghanistan 49 Angehörige oder Kollegen von Taliban ermordet wurden.



    Hier sitzen sie jetzt in den Konsulaten an der Quelle, freiwillig, absichtlich. Afghanen, die Familie dort haben, besonders Hazara, und einen neuen Pass für ihren Niederlassungsantrag brauchen, haben total Angst, ins Münchner Konsulat zu gehen, aber was bleibt ihnen übrig...eine unmögliche Entscheidung der Regierung.

  • *Sabine*

    "Dort sind die Verantwortlichen weiterhin der Ansicht,dass aus „derartigen Kontakten auf technischer Ebene“ noch „keine politische Anerkennung der Taliban als rechtmäßige Regierung Afghanistans“ folge."



    Weiß jemand,wie eine "rechtmäßige Regierung Afghanistans" aussieht bzw. sich bilden könnte?Afghanistan scheint bereits viele Formen von "Regierungen" erlebt zu haben.Ich habe es so verstanden,dass die Basis des "Gemeinwesens" nach wie vor von Clans und Stämmen bestimmt wird,die "traditionell autonom und dezentral organisiert sind".Das macht mir etwas Hoffnung,weil es auf eine gewisse Form der "Selbstbestimmung" hindeutet.Des Weiteren gibt es immer noch regelmäßige Dschirgas (Versammlung Ältester und Anführer),die vor Ort Entscheidungen treffen).



    Zwischen Scharia und Paschtunwali gibt es viele Überschneidungen,sodass ich mich nicht traue einzuschätzen,ob die Taliban die afghanischen Bürger:innen gegen deren Willen unterworfen haben.



    Ich möchte darauf hinaus:Mit wem könnte man bezüglich Abschiebungen sprechen?Das müsste vermutlich die Dschirga des Dorfes sein, aus dem der abgelehnte Asylbewerber stammt.Übrigens, lt. Paschtunwali dürfen auch keine Nicht-Muslime vergewaltigt werden.

    • Klabauta

      @*Sabine*:

      ",sodass ich mich nicht traue einzuschätzen,ob die Taliban die afghanischen Bürger:innen gegen deren Willen unterworfen haben."

      Die Bilder der verzweifelten Menschen, die 2021 versuchten, irgendwie das Land zu verlassen, sprechen eigentlich für sich selbst. Die Mehrheit wird sich - so ist das in jeder Diktatur - irgendwie durchwurschteln und hat wahrscheinlich schon genug damit zu tun, einfach zu überleben. Und natürlich gibt es auch immer jene, die profitieren.



      Aber anzunehmen, dass man in einem Unrechtsregime wie dem der Taliban ein in irgendeiner Form legitimes Gegenüber hat, halte ich bestenfalls für naiv.



      Wer mit in einem Unrechtsregime zusammenarbeitet und dorthin abschiebt, macht sich mitschuldig, und das ohne wenn und aber.

      • *Sabine*

        @Klabauta:

        "Wer mit in einem Unrechtsregime zusammenarbeitet und dorthin abschiebt, macht sich mitschuldig, und das ohne wenn und aber."

        Ich stimme Ihnen zu, habe jedoch persönlich kein Problem mit dieser "Mitschuld", weil ich davon ausgehe, dass "man" und auch Mann auf Morde und Vergewaltigungen verzichten kann (im Gegensatz zu Diebstahl aus Hunger, Schwarzfahren u.ä.) und denke, die afghanischen Geflüchteten, die hier solche Straftaten begehen, wissen, dass sie evtl. abgeschoben werden ... und das scheint es ihnen wert zu sein. Somit meine ich, wenn es diese Straftäter nicht "sonderlich kümmert", muss es mich auch nicht. Zumal ich Vergewaltigung für ein abscheuliches Verbrechen halte, auf das "man" nun wirklich leicht verzichten kann. Aber vielleicht fehlt mir als seit Geburt weiblich gelesene Person hierfür auch die Kenntnis solcher Sachverhalte.

        • Klabauta

          @*Sabine*:

          Das Nennen eines einzigen Tatbestands, nämlich den der Vergewaltigung, ist unlauter., weil es einzig dem Zweck dient, zu emotionalisieren und zu triggern.



          Es geht erstens nicht nur um Vergewaltiger und zweitens wurde die Tür inzwischen von Dobrindt viel weiter geöffnet. Der erste zwar ausreisepflichtige aber unbescholtene Mann wurde inzwischen abgeschoben, weitere sollen folgen.



          Zu Ihrer letzten Bemerkung: Wer sagt Ihnen eigentlich, dass ich keine weiblich gelesene Person bin?

          • *Sabine*

            @Klabauta:

            "Zu Ihrer letzten Bemerkung: Wer sagt Ihnen eigentlich, dass ich keine weiblich gelesene Person bin?"

            Das weiß ich selbstverständlich nicht und wollte nur ganz allgemein zum Ausdruck bringen, nennen Sie es Freundlichkeit oder Offenheit für Gegenargumente von Mit-Kommentatoren m/w/d, dass ich aufgrund meines Geschlechts vielleicht nicht richtig nachvollziehen kann, weshalb Männer (die die Hauptgruppe der Täter in diesem Bereich stellen) vergewaltigen, auch wenn sie dafür ggf. abgeschoben werden. Mir persönlich wäre "es" das "echt nicht" wert. Ein Mann hat vielleicht Argumente, die mich das besser verstehen lassen, zumal bezüglich der obigen "Kosten-Nutzen-Analyse".

            Diese Bemerkung war nicht auf Sie persönlich bezogen und wenn ich damit ungewollt Unbehagen ausgelöst habe, bedauere ich es. Ich schätze Sie, unabhängig davon, ob Sie m/w/d sind.

  • Il_Leopardo

    Ich kenne dieses Präsentieren. Ein algerischer Klient, der gerade volljährig geworden war, musste diese Prozedur über sich ergehen lassen.



    Als er im Polizeipräsidium in eine Art Gefängnis im Keller geführt werden sollte, bestand ich darauf, ihn zu begleiten. Dem deutschen Beamten und dem algerischen Mitarbeiter der Botschaft präsentierte ich die Vollmacht des Jugendamtes.



    Nachdem seine Identität nicht eindeutig festgestellt werden konnte, durfte er mit mir zusammen das Präsidium wieder verlassen. Ich habe da wirklich Blut und Wasser geschwitzt.



    Es war eine auch für mich fürchterliche Situation: All die Menschen in diesem Trakt zu sehen, die darauf warteten, abgeschoben zu werden.

    • Klabauta

      @Il_Leopardo:

      Meinen Respekt für Ihre Arbeit

      • Il_Leopardo

        @Klabauta:

        Danke! Ich habe in diesen Jahren die Erfahrung gemacht, dass meine Klienten immer dann anständig behandelt wurden, wenn ich an ihrer Seite war. Auch Beamte sind Menschen, und wenn man den richtigen Ton findet, kann man für seine Klienten auch etwas Positives erreichen.

  • meerwind7

    Die Art der Auswahl der betroffenen Personen erscheint merkwürdig (Rom-Reise). Man sollte aber nicht vergessen, dass berweisungen wie jene, die Herr Tofan offensichtlich nach Afghanistan geleistet hat, auch dieses Regime stützen.

    Kann die taz mal recherchieren, ob und wie solche Überweisungen in lokale Währung umgerechnet werden und wer ggf. an Differenzen zum Marktwert profitiert? Oder läuft das alles über Online-Guthaben, auf die auch in Afghanistan zugegriffen werden kann?