10 Jahre nach dem Attentat von Utøya: „Sie hat gelernt, damit zu leben“

Jede Person muss Verantwortung übernehmen, um Hass entgegenzutreten, sagt Laila Gustavsen. Ihre Tochter überlebte das Utøya-Attentat schwer verletzt.

Menschen liegen sich in einer Kirche in den Armen

Gedenken nach den Anschlägen auf Utoya und in Oslo im Juli 2011 Foto: Paula Bronstein/getty images

taz: Frau Gustavsen, Ihre Tochter Marte wurde vor zehn Jahren auf Utø­ya bei dem rechtsextremen Attentat durch zwei Schüsse schwer verletzt. Sie hat eine Niere verloren und längere Zeit im Rollstuhl gesessen. Wie geht es ihr heute?

Laila Gustavsen: Ihr geht es so weit ganz gut. Sie wird ihr ganzes Leben lang unter den Folgen ihrer Verletzungen leiden, aber sie hat gelernt, damit zu leben. Marte hat beeindruckende Fortschritte gemacht und nimmt diese Herausforderung an – körperlich und mental. Sie hat mehrere Jahre studiert und im vergangenen Jahr ihren ersten Job bekommen. Das war ein großer Moment für mich.

47, saß von 2009 bis 2013 für die Sozialdemokraten (Arbeiderpartiet, AP) im norwegischen Parlament. Seit 2014 arbeitet sie für die Universität von Südostnorwegen (USN), seit 2017 als Verwaltungsleiterin.

Wie hat dieser Anschlag Ihr Familienleben verändert? Ist das zu Hause noch ein Gesprächsthema?

Schwer zu sagen, denn der Anschlag ist zu einem Teil von uns geworden. Im Alltag sprechen wir nicht so oft darüber. Aber jedes Jahr vor dem 22. Juli überkommt mich so ein Gefühl von Dankbarkeit, aber auch tiefer Trauer. Dankbarkeit, weil meine Tochter überlebt hat, aber auch Trauer angesichts von 77 Menschen, die an diesem Tag getötet wurden.

Bei unserem ersten Treffen im Herbst 2011 im norwegischen Parlament haben Sie gesagt: Offenheit, Respekt und Toleranz seien der Kern der norwegischen Gesellschaft. Sie würden immer für diese Werte eintreten. Würden Sie das heute genauso sagen?

Auf jeden Fall. Doch bei einigen Kommentaren in sozialen Medien, die sich noch in den Grenzen der Meinungsfreiheit bewegen, stoße ich mit meinem Verständnis von Toleranz an Grenzen. Denn da gibt es viel Rassismus und Intoleranz. Dieses Problem sehen wir in vielen europäischen Staaten. LGBTQ-Menschen verlieren ihre Rechte und die Zustimmung zu rechten Parteien wächst. Diese Gratwanderung in Sachen Meinungsfreiheit ist für alle eine Herausforderung. Ich bin der Meinung, dass jede/r Einzelne eine größere Verantwortung übernehmen muss, um Rassismus und Hass entgegenzutreten, mit Worten und Argumenten.

Auch der damalige sozialdemokratische Regierungschef Jens Stoltenberg setzte dem Hassverbrechen ein Plädoyer für mehr Demokratie, Offenheit und Menschlichkeit entgegen und schaffte es, die Menschen zu vereinen. Wo steht die norwegische Gesellschaft heute?

Norwegen ist immer noch ein Land, in dem die Menschen den Institutionen des Staats großes Vertrauen entgegenbringen. Doch dieses Vertrauen wird durch wachsende soziale Ungleichheiten untergraben. Wenn wir mehr Demokratie wollen, müssen wir uns Strategien ausdenken, die diese Unterschiede verringern und eine Gesellschaft schaffen, in der alle die gleichen Möglichkeiten haben.

Das heißt, Sie stimmen der These zu, dass die heutige Gesellschaft tief gespalten ist. Spielt auch der Anschlag von 2011 da eine Rolle?

Zweifellos. Die knallharte Tatsache ist doch, dass Breivik einer von uns ist. Er ist Norweger, ein weißer Mann, der im Westen von Oslo aufgewachsen ist. Der letzte Terrorakt (der Anschlag erfolgte im August 2019, Anm. d. Red.), als ein Mann seine chinesischstämmige Adoptivschwester getötet hat und in einer Moschee Menschen erschießen wollte, folgte demselben Muster. Bis jetzt ist jeder Terroranschlag in Norwegen aus der rechten Ecke gekommen. Das muss immer betont werden. Wie übrigens auch der Umstand, dass Breiviks Ziel die Sozialdemokratische Partei war. Das ist in der Debatte der letzten zehn Jahre komplett untergegangen. Die AUF (Jugendorganisation der Sozialdemokraten, Anm. d. Red.) war das Anschlagsziel. Breivik wollte die Sozialdemokraten an ihrem verwundbarsten Punkt treffen, der Jugend.

Apropos untergegangen: Einige Opfer beziehungsweise deren Angehörige beklagen, dass ihr Schicksal nicht mehr im öffentlichen Diskurs vorkommt. Sie fühlen sich vergessen. Ist diese Kritik berechtigt?

Ich finde ja. Aber kommen wir noch einmal auf die AUF und die Sozialdemokratische Partei zurück. Die AUF wurde sogar dazu aufgefordert, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie die Debatte zu führen sei, so nach dem Motto: Über Immigration müsse doch viel offener gesprochen werden. Stellen Sie sich einmal vor: Jedes Mal, wenn du über Terror und Politik sprichst, wird dir vorgeworfen, du würdest die „Utøya-Karte“ spielen. Dieser Mechanismus hat zu einer kollektiven Narkose geführt, doch mittlerweile wird zu­mindest darüber diskutiert. Das ist sehr wichtig, sowohl für die indivi­duelle, als auch für die kollektive Erinnerung.

Wie sieht sie aus, diese kollektive Erinnerung?

Wirklich alle erinnern sich daran, wo sie an diesem Tag waren und was sie gemacht haben. 77 Menschen sind gestorben. Sie hatten 144 Eltern, 576 Großeltern. Geschwister, Klas­sen­ka­me­ra­d*in­nen, Onkel und Tanten. Freun­d*in­nen und Kolleg*innen. Wir sind ein kleines Land. In jedem Bezirk Norwegens gab es jemanden, der betroffen war. Viele jungen Menschen waren seitdem in Oslo und auf Utøya. Das ist extrem wichtig, denn es hilft der jungen Generation zu verstehen.

Seit 2019 gibt es in Oslo ein Denkmal, das an die Opfer erinnert. Auf Utøya selbst brauchte es erst eine Gerichtsentscheidung, um das möglich zu machen. Können Sie die Argumente der Geg­ne­r*in­nen verstehen, die Angst vor Schaulustigen und der ständigen Konfrontation mit der Tat haben?

Es gab nicht viele Gegner*innen, doch sie haben viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich verstehe, dass es da unterschiedliche Meinungen geben kann, aber solche öffentlichen Orte sind essenziell für die Menschen, um zu gedenken und den Opfern Respekt zu zollen. Keinen Gedenkort auf Utøya zu haben, das ist für mich nicht vorstellbar. Das wäre so, als ob es keine solchen Stätten für den Zweiten Weltkrieg oder die Opfer der Angriffe in den USA vom 11. September 2001 gäbe.

Die Insel Utøya

Am 22. Juli 2011 tötete ein Rechtsextremist acht Menschen in Oslo und 69 auf der Insel Utøya Foto: Tore Meek/scanpix/dpa

Auch andere Länder, wie zum Beispiel Deutschland, wurden in der jüngsten Zeit wiederholt von An­schlägen Rechtsradikaler erschüttert. Was könnten sie von Norwegen lernen?

Die Frage sollte vielmehr sein, was können wir voneinander lernen. Rechtsterrorismus und rechte Verschwörungstheorien sind zu einem globalen Phänomen geworden. Deshalb ist auch eine globale Zusammenarbeit das Gebot der Stunde, um dagegen vorzugehen.

Im kommenden September stehen in Norwegen Parlamentswahlen an. Wird dieser zehnjährige Jahrestag und die Debatten, die darüber geführt werden, einen Einfluss auf die Wahl haben?

Da werden andere Themen wichtiger sein. Zum Beispiel Arbeit, Einschnitte in den Sozialstaat und die wachsende Ungleichheit in der norwegischen Gesellschaft.

Die Anschläge von 2011 waren für Norwegen eine Zäsur. Welchen Umgang mit diesem Ereignis würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich würde mir grundlegende Veränderungen der Debattenkultur in den Medien wünschen. Warum sind die Kommentarspalten voll von wütenden weißen Männern? Wir müssen uns fragen, wie die Medien selbst, aber auch Organisationen der Zivilgesellschaft da gegensteuern können. Wir brauchen eine Debattenkultur und eine Demokratie, wo die Menschen das Gefühl haben, dass ihre Meinungen ernst genommen werden, sich aber auch alle Seiten wiederfinden.

Noch eine persönliche Frage: Sie waren lange Zeit in der Arbeiterpartei politisch aktiv, haben sich aber aus der Politik zurückgezogen. Warum?

Ich war diese Vereinfachungen in den politischen Debatten einfach leid. Auch die Erwartungen an die Rolle von Po­li­ti­ke­r*in­nen haben mich ermüdet. Da stehen doch meistens Konflikte im Vordergrund. Dass ich jetzt im akademischen Bereich arbeite, war nach 2013 für mich die bessere Wahl. In diesem Job gibt es mehr Raum für offene Reflexion.

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