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1.365 Tage Krieg in der UkraineTrauern und Abschiednehmen unter Beschuss

Speziell ausgebildete Sterbebegleiterinnen stehen in der Ukraine Menschen beim Tod von Angehörigen bei. Sie helfen auch bei Angst vor dem eigenen gewaltvollen Tod.

Viele Menschen in der Ukraine trauern um Angehörige, die im Krieg gestorben sind Foto: Alex Chan Tsz Yuk/imago

I rgendwann kam der Moment, als die 30-jährige Anya merkte, dass sie nicht mehr leben wollte. Und das Gefühl wurde von Tag zu Tag stärker. Die Fotografin aus Kyjiw kam nicht über den Verlust ihres ersten Kindes und den Stress durch die ständigen russischen Angriffe auf die Hauptstadt hinweg. Schließlich suchte sie Rat bei einer ungewöhnlichen Spezialistin, bei einer „Sterbe-Doula“. Das half Anya, ins Leben zurückzufinden.

Nach Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine wurden die die vielen Todesfälle unerträglich. So entstand der neue Beruf der Sterbe-Doula, die Menschen hilft, mit ihrer Trauer über den Verlust umzugehen. Oder ihr Leben würdig zu beenden.

Bild: privat
Julia Surkowa

berichtet seit über zehn Jahren für westliche Medien über die Ereignisse an der Front in der Ukraine und humanitäre Fragen im Kriegskontext. Sie ist spezialisiert auf Vor-Ort-Reportagen und Geschichten über Kinder, die unter den Folgen der Kampfhandlungen leiden.

„Der Krieg hat den Menschen das Gefühl von Sicherheit und Stabilität genommen. Mein erstes Kind war gestorben, ich kümmerte mich um mein zweites. Und als ich total am Limit war, haben mir Freunde Darya empfohlen. Mit ihr konnte ich meine Trauer durchleben, ohne mich dafür zu schämen“, erzählt Anya.

Darya Bondar ist eine der wenigen zertifizierten Sterbe-Doulas der Ukraine. Sie hat in den USA studiert und begleitet nun Menschen in ihren dunkelsten Momenten. Die 34-Jährige erklärt, dass eine Doula weder eine Ärztin noch eine Psychologin sei.

In den unerträglichen Momenten des Schmerzes ist die Doula emotional für Hinterbliebene da

„Eine Doula ist ein Mensch, der dabei hilft, die Subjektivität am Ende des Lebens zu bewahren. Ihre Aufgabe ist es, in den unerträglichen Momenten des Schmerzes emotional für den Sterbenden oder den Hinterbliebenen da zu sein“, sagt Darya. Weil der Beruf in der Ukraine nicht offiziell registriert ist, hat sie sich als selbstständige Beraterin angemeldet.

Beistand bei Angst vor Beschuss oder im Sterbezimmer

Sterbe-Doulas können ihre Kunden persönlich oder digital treffen, Angehörige ins Sterbezimmer oder zur Beerdigung begleiten, trauernden Menschen bis zu sechs Wochen nach dem Verlust begleiten oder dabei helfen, mit der Angst vor dem Tod durch Luftangriffe fertig zu werden.

über leben

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

Sie können auch symbolische Rituale durchführen, wenn es nicht möglich ist, einen Angehörigen physisch zu beerdigen. „Wenn ein Mann an der Front vermisst wird oder gefallen ist und die Leiche nicht an die Familie zurückgegeben wurde, gehen wir Alternativen durch. Die Frau kann Briefe an den Verstorbenen schreiben und sie verbrennen, um ihn loszulassen. Wir können auch an Orte gehen, die dieser Mensch geliebt hat, dort eine Kerze anzünden und eine Verbindung spüren“, rät die Doula.

In der Ukraine sind einige Dutzend Sterbe-Doulas tätig. Sie bekommen rund 100 Euro pro Stunde. Der Beruf kam aus den USA und Großbritannien in die Ukraine. In diesen Ländern helfen Doulas in Hospizen Menschen, würdig zu sterben. Ukrainische Doulas kümmern sich auch um diejenigen, die ihren Tod selber planen wollen: Feuer- oder Erdbestattung, Abschiedsmusik, ein Kreuz oder ein Stein für das Grab. Diese Dinge werden jetzt zu einer neuen Sterbe-Ethik in einem Land, in dem der Tod hinter jeder Ecke lauert.

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Jewhen Rybka aus Dnipro ist einer der wenigen Männer in diesem Beruf. „Seit Kriegsbeginn denken Ukrainer mehr über den Tod nach“, sagt er. „Wir kannten früher den friedlichen Tod, wenn zum Beispiel die alten Großeltern starben. Aber jetzt sind wir alle ständig mit der Angst vor einem gewaltsamen Tod konfrontiert“, meint der 27-Jährige.

Neue Rituale des Abschiednehmens

Nach UN-Angaben sind zwischen dem Beginn der russischen Vollinvasion zwischen Februar 2022 und Juli 2025 mindestens 13.580 Zivilisten kriegsbedingt ums Leben gekommen, 34.115 sind verletzt worden. Weitere rund 60.000 Menschen gelten als vermisst.

Gerade die Gräber ihrer Angehörigen in den russisch besetzten Gebieten können Ukrainer oft nicht mehr besuchen. Sie müssen aus der Ferne trauern. Der Krieg nimmt den Menschen nicht nur ihre Angehörigen und ihr Land. Er nimmt ihnen auch ihre Abschieds- und Trauerrituale. Jetzt erfinden sie neue.

„Wir haben gelernt, Abschiede online zu veranstalten und virtuelle Friedhöfe anzulegen. In meiner Stadt hängen Fotos von gefallenen Helden und daneben QR-Codes, mit denen man ihre Geschichte ansehen kann“, sagt Sterbe-Doula Jewhen aus Dnipro.

Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey

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