Zverev an der Tennisspitze: Dramatischer Dreikampf
Der deutsche Tennisprofi Alexander Zverev ist die neue Nr. 1 der Welt. Nach der Halbfinalniederlage von Wien könnte das ein kurzes Vergnügen sein.
Foto: Lisa Leutner/reuters
Jetzt hat er es doch geschafft. Seit diesem Montag ist Alexander Zverev auch offiziell die neue Nummer 1 im Herrentennis. Es hat ihn einige Mühen gekostet, es gehörte auch etwas Glück dazu, und die gute Gelegenheit, sozusagen die Gunst der Stunde. Und die hat er genutzt: Er ist in diesem abwechslungsreichen Tennisjahr stabil geblieben, ist an Ort und Stelle gewesen, wenn es darauf ankommt.
Zwei Grand Slams hat er in diesem Jahr gewonnen, erst Paris, dann New York, wo er nebenbei auch sein Corona-Dominik-Thiem-Trauma, das Verpatzen einer bequemen Führung im Finale, ablegen konnte. Und jetzt hat er es auf den Thron geschafft. Der Respekt sollte riesig sein – in der Wiener Stadthalle, die ihn nach dem Achtelfinale ausgiebig feierte, war er das auch.
Und doch wird auch die Kritik an ihm nicht so schnell verstummen, weder die sportliche, noch die persönliche. Seine juristischen Belange, einmal sei es noch gesagt, sind durchaus noch nicht abschließend geklärt – Stichwort häusliche Gewalt. Das wird ihm auch noch länger anhaften, egal, wie er sich außergerichtlich mit seinen Ex-Freundinnen geeinigt haben wird oder nicht.
Aber auch Boris Becker, Mentor, Kritiker, Vorbild und nicht zuletzt Vorläufer als letzte deutsche Nummer 1, hatte ja nie eine reine Weste, auch wenn dessen „Verfehlungen“ anders gelagert waren. Trotzdem nicht ohne: Steuerhinterziehung, Insolvenzverschleppung, Gefängnisstrafe; seine „Frauengeschichten“ waren zwar nie justiziabel, machten aus ihm aber auch keinen Ehrenmann.
Und doch bleibt Becker eine Ikone des „weißen Sports“. Vielleicht auch wegen seiner Fehler – deren sportliche Überwindung einen Teil der Faszination seiner Karriere ausmachten. Bei Zverev ist das anders: Er hat zu einer Stabilität gefunden, gleichzeitig lässt sich der Eindruck von Verdrängung nie abschütteln.
Zurück zum Sport
Kommen wir nun endlich zum Sportlichen. In Wien, beim diesjährigen ATP 500 in der Wiener Stadthalle, wusste Zverev erst zu überzeugen. In Runde 1 gegen den Qualifikanten Martín Landaluce (Spanien) wurde er überraschenderweise so richtig gefordert. Aber Zverev fiel eben nicht: Er blieb stabil, haute sich raus, gewann am Ende mit 7:5, 3:6, 7:6 (13:11).
Das entscheidende Spiel gegen den Niederländer Tallon Griekspoor, gegen den er auch schon mal verloren hat, war ebenfalls knapp, aber letztlich gewann er es souverän 6:4, 7:5. Das nächste Spiel war endlich so etwas wie ein Freilos, Zverev spielte trotz nahezu schlafloser Nacht, nachdem endlich feststand, dass er Montagmorgen als Nummer 1 der Welt aufwachen würde, einen perfekten ersten und einen dominanten zweiten Satz: 6:0, 6:2 gegen den bedauernswerten Arthur Fery aus Großbritannien.
Womit wir im Halbfinale wären und bei dem, was an sportlicher Kritik bei Sascha Zverev so schnell nicht verstummen wird. Gegen einen gleichwertigen Gegner kommt er oft mindestens in Schwierigkeiten. Dauerläufer Alex de Minaur aus Australien lief ihm am Ende in Grund und Boden und erreichte statt ihm das Finale von Wien (4:6, 6:1, 6:7 (4:7)).
Verfolger Alcaraz
Was mehrere lustige, vielleicht für Zverev sogar gute Seiteneffekte hatte. Zum Einen wich er damit dem wahren Duell mit dem anderen Gott des Gemetzels, dem Spanier Carlos Alcaraz, praktischerweise erst einmal aus. Zverev ist die Nummer 1, die wahre Nummer 1 ist vielleicht Sinner, der eine längere Verletzungspause genommen hat, oder eben Alcaraz, der ebenfalls noch ein Loch in seiner Punktesammlung auffüllen muss, weil er früher im Jahr eine Verletzungspause hatte.
Nächste Ironie: Die 500 Punkte von Wien hat Zverev verpasst; nach dem deutlich verlorenen Finale gegen Sinner 2025 verliert er sogar Punkte, weil es diesmal nur zum Halbfinale reichte. Sinner verliert 500, Alcaraz, 2025 nicht in Wien, kann 500 aufholen, wenn er nach Redaktionsschluss das Finale gegen de Minaur gewinnt, wovon die Tenniswelt ausgeht. Die Aufholjagd ist eröffnet, auch Sinner hat seine vorzeitige Rückkehr noch vor Jahresende bereits angekündigt.
Der wahre Showdown wird also in Australien stattfinden, beim Grand Slam im Januar. Die beiden Dominatoren der letzten Jahre laufen endlich wieder gleichzeitig auf; dazu läutet Altmeister Novak Djokovic vielleicht endlich sein letztes Jahr ein. Sascha Zverev indes wird sich beweisen müssen: Kann er „Sincaraz“ die Stirn bieten oder wird seine Amtszeit als Nummer 1 ein temporäres Phänomen bleiben und er als die Liz Truss des Herrentennis in die Geschichte eingehen?
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