Grenze zwischen rechts und konservativ: Wieso die Brandmauer im kulturellen Raum längst weg ist
Im rechtsextremen Medienuniversum ist Verleger Dietmar Munier seit Jahrzehnten etabliert. Jetzt tritt er bei der Buchmesse „Seitenwechsel“ auf.
Foto: Sebastian Willnow/dpa
D ietmar Munier ist in der rechtsextremen Verlagswelt seit fast 40 Jahren eine feste Größe. Über seine Verlagsgruppe „Lesen & Schenken“ aus dem schleswig-holsteinischen Selent vertreibt er Bücher und Broschüren, Poster, aber auch Abwehrwaffen und Äxte. Zeitungen der Verlagsgruppe von Zuerst! Deutsches Nachrichtenmagazin bis zur Deutschen Militärzeitung gibt es in Bahnhofskiosken zu kaufen. Öffentlich tritt der 72-Jährige selten auf.
Am zweiten Novemberwochenende wird er jedoch Gast in Halle bei der Buchmesse „Seitenwechsel“ sein. Die maßgeblich von der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen organisierte Messe, die in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet, versteht sich als Treffpunkt der vermeintlichen „Anti-Mainstream-Szene“.
Munier soll dort über die Notwendigkeit gedruckter Nachrichtenmagazine diskutieren. Sein Gesprächspartner: Andreas Karsten, Chefredakteur des Magazins Zuerst!. Das Panel verspricht wenig Kontroverse: Beide entstammen dem rechtsextremen Milieu: Munier begann mal eine Sonnenwendfeier mit einem Holocaustleugner; Karsten stammt aus den rechtsextremen Burschenschaften Hamburg Germania und Halle-Leobener Burschenschaft Germania.
Doch die Messe offenbart ein größeres Phänomen: Die Grenze zwischen extrem rechten Szenen und bürgerlich-konservativen Kreisen wird immer durchlässiger. Durch die Wahlerfolge der AfD beflügelt, finden hier Spektren zusammen, die einst getrennt schienen.
Das zeigt bereits der Eröffnungsgast: Harald Martenstein, Kolumnist für Welt am Sonntag und Bild. Der einst linke Autor, der dieses Jahr den „Deutschen Sprachpreis“ bekommen hat, poltert seit Jahren gegen einen vermeintlich linken Zeitgeist. Dass er 2025 bei der rechtsextremen Burschenschaft Hamburger Germania auftrat, stört in diesem Milieu längst niemanden mehr.
Verschiedene rechte Strömungen im Programm
Inhaltlich ziehen sich die verschiedenen Strömungen der Rechten durch das gesamte Programm der Buchmesse. Bei einem Podium zu „40 Jahre Junge Freiheit“ diskutieren Vertreter der neurechten Publizistik – darunter Roland Tichy (Tichys Einblick), Max Mannhart (Apollo News) und Ralf Schuster (Nius).
Neben Alt-Kadern wie dem ehemaligen sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Arne Schimmer treten Aktivisten der identitären Szene auf, etwa Jonas Schick und Nils Wegner. Sie kommen aus der Identitären Bewegung und vom Netzwerk um das aufgelöste, vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Institut für Staatspolitik. Dessen Mitgründer Götz Kubitschek spricht in Halle mit den Autor:innen seines Antaios-Verlags Ellen Kositza und Benedikt Kaiser über die Strategie der AfD.
Auch AfD-Prominenz reist an. Neben Bundessprecher Tino Chrupalla kommt der Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich, der sich einst selbst als „freundliches Gesicht des NS“ bezeichnete.
Insgesamt treten Figuren mit ganz unterschiedlicher Biografie auf, darunter auch Querdenkende und ehemalige Linke wie der einstige Linken-Politiker Dieter Dehm, die frühere Grünen- und CDU-Politikerin Vera Lengsfeld sowie die umstrittene Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und der Publizist Henryk M. Broder. Sie stehen für eine Querfront-Dynamik, die sich vor allem über die Ablehnung des Etablierten definiert.
Die theoretische Unterfütterung für die fortschreitende Entgrenzung der Spektren liefert ein Beitrag der aktuellen Ausgabe von Zuerst!: Darin betont der AfD-Abgeordnete Matthias Moosdorf, dass politische Macht auf der kulturell-gedanklichen Vorherrschaft im „vorpolitischen Raum“ beruhe. Die Buchmesse in Halle zeigt, was damit gemeint ist: Im kulturellen Raum ist die Brandmauer nach rechts längst eingerissen – eine Entwicklung, die sich nun schrittweise auch in den Parlamenten fortsetzt.
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