Rechtsextreme in französischen Verlagen: Autor*innen unter Druck
Am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung wurde über rechte Einflussnahme diskutiert. Handlungsempfehlungen gab es keine.
Foto: Gonzalo Fuentes/reuters
Während in Deutschland dieser Tage viel über ein mögliches Treffen zwischen Springer-Vorstand Mathias Döpfner und Bundeskanzler Merz diskutiert wird, bei dem, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete, ersterer den Bundeskanzler zum Einreißen der bürgerlichen Brandmauer zur AfD aufgefordert haben soll, tobt in Frankreich ein Kulturkampf, bei dem die Akteure sich längst nicht mehr mit Geheimtreffen in Berliner Hinterzimmern oder Potsdamer Villen zufriedengeben.
Maßgeblich beteiligt am Aufstieg der extremen Rechten Frankreichs ist der schwerreiche Medienunternehmer Vincent Bolloré, Erbe der bretonischen Zigarettenpapierfabrik OCB und rechtsextremer Meinungsmacher, zu dessen Medienimperium neben Zeitungen und Fernsehsendern auch die Hachette-Gruppe mit den renommierten Verlagshäusern Grasset und Fayard sowie die Bahnhofsbuchhandlungskette Relay zählt.
Zur Frage, ob und wie dieser rechtsextremen Medienkonzentration noch beizukommen sei, diskutierten am Dienstagabend im Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin die Schriftstellerin Vanessa Springora sowie die Französisch-Übersetzerin Nicolas Denis und der Historiker und Kulturwissenschaftler Jean-Yves Mollier.
Erdbeben bei Grasset
Im April war es im intellektuellen Frankreich zum großen Knall gekommen: Der langjährige Grasset-Verleger Olivier Nora war beim renommierten Verlagshaus geschasst und durch einen rechten Vasallen Bollorés ersetzt worden. Ähnlich war man auch schon bei anderen Übernahmen Bollorés in der Zeitungs- und Filmbranche vorgegangen.
In der Folge sagten sich über 250 Autor*innen von Grasset los, darunter so gewichtige Namen wie Virginie Despentes oder Frédéric Beigbeder, die ihr Werk nicht neben rechtsextremen Schriften Éric Zemmours oder den larmoyanten Gefängnistagebüchern Nicholas Sarkozys sehen wollen.
Vanessa Springora kämpft mit ihrem Anti-Bolloré-Autorennetzwerk „États généreux“ für die Integrität eben jener Autor*innen und versucht eine vertragliche Gewissensklausel zu etablieren, die es Autor*innen ermöglichen soll, die Rechte an ihrem Werk von Grasset und Co zurückzuerlangen, obwohl Verlagswechsel in Frankreich unüblich seien, wie sie sagt.
Vor allem Jean-Yves Mollier versucht an diesem Abend die Unterschiede des französischen und deutschen Kultur- und Medienbetriebes nachzuzeichnen: In Frankreich verbuchen neun Verlagshäuser 87 Prozent der Gesamtumsätze der Branche für sich, den 4.500 übrigen Verlagen bleibe nur noch der Rest.
Kein totaler Boykott
Zu einem totalen Boykott habe man sich derweil nicht durchringen können, denn der auf wenige mächtige Verlage konzentrierte Medienzirkus Frankreichs setzt Autor*innen unter immensen Druck: Wer nicht bei einem der wenigen großen Häuser wie Gallimard, Fayard oder eben Grasset veröffentlicht, hat praktisch keine Chance auf einen der großen Literaturpreise, so Mollier, und in Zeiten von fortschreitender Prekarisierung Kulturschaffender schnell existenzielle Schwierigkeiten.
Konkrete Handlungsanweisungen, wie man eine sich stetig verengende Medienlandschaft den Fängen rechter Ideologen entreißen könnte, bekommt man an diesem Abend jedoch nicht zu hören. Dabei hätte es das Datum durchaus geboten, wollte die Rassemblement-National-Vorsitzende Marine Le Pen zur selben Zeit doch erklären, ob sie trotz ihrer Verurteilung wegen Veruntreuung und trotz elektronischer Fußfessel bei der kommenden Präsidentschaftswahl antreten würde. Sie wird.
Hoffnungsvoll zeigte sich einzig Historiker Jean-Yves Mollier. Auch die Nazis hätten zur Zeit des Dritten Reichs versucht, mithilfe von arisierten Verlagen „schlechte Texte von schlechten Autoren“ unters besetzte Volk zu bringen, seien damit aber schlicht am Desinteresse der französischen Öffentlichkeit gescheitert.
Ob die nötige Trennschärfe französischen Leser*innen nach jahrelangem reaktionären Kulturkampf und angesichts eines zunehmenden Antiintellektualismus indes nicht abhandengekommen ist und Bollaré sich nicht doch zum willfährigen Königsmacher aufschwingen kann, darf dabei bezweifelt werden.
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