krimi: Zwei Besties bei der Arbeit
Im neuen „Kiel-Tatort“ versteht sich das Ermittlerinnen-Duo blendend. Doch wie lang?
Foto: Thorsten Jander/NDR/ARD
Wenn ein neues „Tatort“-Team antritt, dann streiten sie oft erst mal. Erwischen sich auf dem falschen Fuß, geraten aneinander. Beim Neustart des „Tatorts“ in Kiel läuft es andersherum. Kommissarin Mila Sahin (Almila Bagriacik) kennt ihre neue Co-Kommissarin Anna Nowak (Lilith Stangenberg) bereits aus alten Zeiten. Zwischen den beiden besteht eine innige Bindung. „Bestie“-Energie, könnte man sagen. Es macht Freude zuzusehen dabei, wie die zwei sich vertrauen. Doch dieses Vertrauen wird erschüttert, je tiefer sich die beiden in ihren ersten Fall hineinbegeben. Eine Frau schwimmt tot in der Förde. Sie war Angestellte bei einer Kieler Tech-Firma. Ihr Freund gibt an, dass sie etwas aufdecken wollte, sich vom Arbeitgeber bedroht fühlte. Allerdings hat der Freund selber Vorstrafen wegen häuslicher Gewalt. Für Sahin und Nowak die erste Gewissensentscheidung: in Ruhe die Fährte mit dem Freund verfolgen – oder bei der politisch wichtigen Tech-Firma Staub aufwirbeln? Die neue Kieler-Reihe beginnt als Doppelfolge, diese Woche läuft der erste Teil, die Fortsetzung folgt am Wochenende danach. Das drosselt das Erzähltempo auf halb so rasant, Figurenentwicklung hat plötzlich Raum zum Atmen. Im Tausch muss man anfangs bissel bei der Stange bleiben, aber es lohnt sich. Sahin will die Leitung des Kommissariats übernehmen. Dafür braucht sie ein positives Gutachten von Polizeipsychologin Krieger (Karoline Schuch). Im Begutachtungsgespräch versuchen sich beide Frauen gegenseitig aus der Reserve zu locken, was ihre Dynamik scheinbar zu Sahins Ungunsten dreht. Derweil macht Nowak Sahin Vorwürfe: Für die Karriere verrate sie ihre Ideale. Längst haben die beiden nämlich Hinweise auf Korruption bei der Polizei gefunden. Sahin ringt mit sich, ob die diesen folgen soll. Anhand seiner Hauptfiguren verhandelt der Film Idealismus versus Loyalität, Vertrauen versus Eigensinn, individuelle versus gemeinsame Stärke. Drumherum baut sich derweil allmählich ein Labyrinth aus Intrigen und Spielchen auf. Filmisch ist viel mit wackliger Kamera gearbeitet worden, sowie mit weiteren Film-Kniffen, die einem dringend beim Gespanntsein helfen wollen. Das hätte das Buch nicht gebraucht. Wer aber über Stilistisches hinwegsieht und sich auf das langsame Tempo einlässt, wird belohnt durch ein beunruhigendes Stück über die Psychologie von Gerechtigkeit – auf dessen Auflösung man gerne eine Woche wartet. Peter Weissenburger
„Kiel-Tatort“: „Unter Freunden“, So., 20.15 Uhr, ARD
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