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Biopic „Milk“ über schwulen AktivistenSie wollen verdrängen, dass es Mord war

Als sie vom Anschlag auf den CSD hört, ist die Autorin in San Francisco. Dabei erinnert sie sich an Harvey Milk und seinen gewaltsamen Tod 1978.

Als am Samstag mein Handy aufleuchtete, weil in sämtlichen Gruppenchats gleichzeitig nachgefragt wurde, ob alle in Sicherheit sind, brauchte ich ein paar Sekunden, um zu verstehen, was passiert war. Während in Berlin um 23 Uhr langsam klar wurde, dass ein Attentäter den CSD angegriffen hatte, lief ich in der Mittagssonne durch San Francisco. Vor mir lag das National AIDS Memorial.

Auf meinem Handy prasselten im Sekundentakt SMS von Freun­d*in­nen und Pushnachrichten von News-Apps ein. Am Mahnmal vor mir tanzten Menschen unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten, jeden Alters und verschiedener Herkunft mit bunten Batiktüchern. Um ihrer verstorbenen Freun­d:in­nen zu gedenken, als Zeichen der Resilienz, als Zeichen von Freude, als Widerstandspraxis und vor allem, um Gemeinschaft zu zelebrieren.

Dieses monatliche „Flagging in the Park“-Event auf einer Wiese inmitten des Denkmals ist ein Treffpunkt für alte und junge Queers und ihre Allys. Durch die massive Gentrifizierung, die San Francisco in den letzten dreißig Jahren erlebt, verliert die Stadt immer mehr Community- und damit auch Schutzräume. Gerade diese Stadt, die wie wenige andere für queeres Leben und Selbstbestimmung steht, die mit The Castro und seit 2020 auch The Transgender District gleich zwei offizielle LGBTQI+-Viertel hat.

Aber diesen Status hat die dortige queere Community nicht ohne fortlaufende Kämpfe erhalten – und leider auch nicht ohne Opfer durch Hasskriminalität. Das bekannteste: Harvey Milk, Bürgerrechtler, Stadtrat und der erste offen schwule Politiker der USA.

Vor diesem Lebensabschnitt, ganz am Anfang seiner Politisierung, filmte ihn Rosa von Praunheim auf dem Christopher Street Day 1971 für seinen Kurzfilm „Homosexuelle in New York“, ein Film, der heute nur noch selten zu sehen ist (einen zweiminütigen Ausschnitt findet man in sozialen Medien). Wesentlich bekannter ist das vielfach ausgezeichnete Biopic „Milk“ von Gus Van Sant („My Own Private Idaho“, „Good Will Hunting“) von 2008, mit dem der Regisseur und sein Hauptdarsteller Sean Penn dem Leben und Wirken Milks ein Denkmal setzten. Und eben auch seinem gewaltsamen Tod 1978.

Ein hasserfüllter Mord

Den wahren Krimi im Nachgang aber, den lässt der heute zum Klassiker avancierte Film, den man aktuell auf vielen Streamingplattformen sehen und auch in den meisten öffentlichen Bibliotheken ausleihen kann, aus. Der Täter Dan White war ein ehemaliger Polizist. Und das Gericht blickte überraschend milde auf ihn. Nicht für Mord, sondern für Totschlag im Affekt wurde er verurteilt, zu nur siebeneinhalb Jahren Gefängnis. Im Vorfeld hatten Mitglieder von Polizei und Feuerwehr Spenden für seine Verteidigung gesammelt.

Von den siebeneinhalb Jahren saß White dann nur fünf ein. Später gab er zu, nicht im Affekt getötet, sondern die Morde an Milk und San Franciscos Bürgermeister George Moscone sehr wohl geplant zu haben.

Harvey Milks Geschichte ist leider auch in ihrer Gewalt bis heute erschreckend relevant

Die queere Community San Franciscos protestierte nach der Verkündung des Urteils im Mai 1979, die Polizei antwortete mit massiver Gewalt und Eskalation. Sie zerschlug die Demonstration, griff Schwulenbars in The Castro an und verprügelte wahllos Passanten.

der film

„Milk“

128 Minuten

auszuleihen in vielen ­öffentlichen Bibliotheken

Gus Van Sant fokussierte sich zwar in seinem Film lieber auf die Inspiration, die Harvey Milk gegeben hat, auf sein politisches Leben, seine richtungsweisende Community- und Bündnisarbeit, auf seine Hingabe an die Lokalpolitik.

Eine Erfolgsgeschichte, die der hasserfüllte Mord an Milk aber zum Kriminalfall macht. Trotz allen Fortschritts der letzten Jahre ist Milks Geschichte leider auch in ihrer Gewalt bis heute erschreckend relevant.

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