Australien und der Krieg im Nahen Osten: Was eine US-Militäranlage im Outback mit Gaza zu tun hat
Eine Militäranlage im australischen Outback gerät wegen ihrer möglichen Rolle im Gaza-Krieg ins politische Kreuzfeuer. Seit Monaten gibt es Proteste.
Es ist ein ungewöhnlicher Ort für eine Debatte über Australiens Verhältnis zum Krieg im Nahen Osten: Alice Springs, mehr als 1500 Kilometer nördlich von Adelaide, in der Wüste, im roten Herzen des Kontinents. Dort steht Pine Gap, eine der wichtigsten amerikanischen Geheimdienstanlagen außerhalb der USA. Nun ist eine mögliche Verbindung zu israelischen Militäroperationen in Gaza Gegenstand eines Gerichtsverfahrens.
Kritiker und Palästina-Aktivisten in Australien behaupten, von Pine Gap aus werde „Israels Genozid in Gaza“ gesteuert. Zwei Aktivisten hatten deshalb im Oktober 2025 die Zufahrt zur Anlage blockiert. Sie bekannten sich am 14. September vor dem Alice Springs Local Court schuldig. Das Gericht verhängte jeweils eine sechsmonatige Verhaltensauflage und eine Abgabe von 223 australischen Dollar. Im Verfahren legte die Verteidigung zugleich ein umfangreiches Gutachten des Geheimdienstexperten Richard Tanter vor.
Tanter kommt nach Angaben der Online-Zeitschrift Deepcut News zum Schluss, es sei zumindest „wahrscheinlich“, dass Pine Gap zum Zeitpunkt der Blockade israelische Militäroperationen unterstützt habe. Seine Argumentation stützt sich unter anderem auf die Satellitenabdeckung des Gazastreifens, frühere Fälle der Weitergabe von aus Pine Gap gewonnenen Informationen an Israel sowie bestehende Abkommen zwischen den US- und israelischen Nachrichtendiensten. Demnach können auch Rohdaten der US National Security Agency (NSA), darunter Informationen aus Pine Gap, an Israel weitergegeben werden.
Pine Gap gibt es seit dem Kalten Krieg
Damit ist allerdings nicht bewiesen, dass Pine Gap konkrete Ziele für israelische Angriffe in Gaza geliefert hat. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Eine Recherche des australischen Senders ABC hatte festgehalten, dass es Hinweise auf eine langjährige amerikanisch-israelische Geheimdienstkooperation gibt, es zugleich aber keine öffentlich zugänglichen Belege dafür gebe, welche konkreten Informationen aus Pine Gap in Gaza eingesetzt wurden. Der frühere NSA-Analyst David Rosenberg sagt, die Anlage überwache den Gazastreifen und die umliegende Region und sammle Informationen, die für Israel von Nutzen sein könnten.
Pine Gap entstand während des Kalten Krieges. Australien und die USA vereinbarten den Bau 1966; 1970 nahm die Anlage ihren Betrieb auf. Ursprünglich diente sie vor allem der Aufklärung sowjetischer und chinesischer Raketenprogramme. Heute verarbeitet sie Signale und Daten aus einem weltweiten Satellitennetz. Die australische Regierung bezeichnet die Anlage als gemeinsamen Bestandteil der nationalen Sicherheitsarchitektur; etwa die Hälfte des Personals sei australisch.
Doch gerade diese Doppelrolle macht Pine Gap politisch heikel. Australien profitiert vom Zugang zu amerikanischer Aufklärung und Frühwarnung, hat zugleich aber nur begrenzte Kontrolle darüber, wie die gewonnenen Informationen weiterverwendet werden. Das australische Parlament hat die Bedeutung des Geheimdienstverbunds mit den USA ausdrücklich als zentral für die australische Sicherheit bezeichnet.
Seit Beginn des Gaza-Krieges wird in Alice Springs und darüber hinaus demonstriert. Im Juli hatten sich rund 300 Menschen vor der Anlage versammelt. Vertreter der lokalen Arrente-Aboriginal forderten dabei die Rückgabe traditioneller Ländereien.
Die neue juristische Auseinandersetzung verändert die Beweislage nicht grundsätzlich. Sie macht jedoch sichtbar, worum es im Kern geht: Nicht nur um die Frage, wofür Pine Gap genutzt wird, sondern darum, wie weit ein Staat für militärische Operationen eines Verbündeten mitverantwortlich wird, wenn er dessen Geheimdienstinfrastruktur auf eigenem Territorium betreibt. Verschiedene Analysten warnen, die Anlage – und damit Australien – könnte im Rahmen eines möglichen militärischen Konfliktes zwischen den USA und China zu einem Ziel chinesischer Langstreckenraketen werden.
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