Gedanken einer alleinerziehenden Mutter: Warum ich als SPD-Mitglied zum ersten Mal die Linken wählte
Unsere Autorin muss gut rechnen, um über die Runden zu kommen. Da wären 18 Euro mehr pro Monat nicht schlecht. Deshalb hofft sie auf eine links geführte Regierung.
Foto: Baertels/Plainpicture
Sozialdemokratie wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. Mein Großvater war SPD, Bürgermeister in einer kleinen Gemeinde, und mein Urgroßvater war Mitglied der USPD.
Die damalige SPD scheint mit der heutigen vom Werteverständnis her nicht mehr viel zu tun zu haben. Dabei stand die Berliner SPD doch eher für einen sozialen und linken Kurs.
ist alleinerziehende Mutter und lebt mit ihren Kindern im Bürgergeldbezug. Sie beklagt, dass sie nicht arm ist, sondern arm gemacht wird. Hier schreibt sie unter Pseudonym, weil sie ihren richtigen Namen zum Schutz ihrer Familie nicht veröffentlichen will.
Als alleinerziehende Mutter, die mal mit Grundsicherung, mal mit Bürgergeld und je nach Einkommen und Miete mit Wohngeld und Kinderzuschlag aufstocken muss, bin ich auf eine soziale Politik angewiesen. Seitdem ich Kinder habe, beziehe ich unterschiedliche soziale Transferleistungen.
„Die versteht uns vielleicht,“ diesen Satz, sagte der Besitzer unserer Stammbäckerei, selber mit türkischen Wurzeln. „Die will wieder das Sozialticket reduzieren,“ denke ich und rechne mir gleich aus, was uns als Familien 18 Euro mehr im Monat bringen würde.
Wie ein Schlag ins Gesicht
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Da ich mittlerweile seit über 10 Jahren auf soziale Transferleistungen angewiesen bin, weiß ich, dass das Sozialticket früher einmal 27 Euro gekostet hat. Durch die Corona-Pandemie wurde es dann, auch dank der SPD, auf 9 Euro reduziert. Doch unter schwarz-rot und dem Sparkurs wieder auf 27 Euro erhöht.
Für mich war das wie ein Schlag ins Gesicht, weil es sich für mich so anfühlt, als ob genau bei denjenigen gespart wird, die es am nötigsten haben. Ich komme aus einer alten Arbeiterfamilie. Nach dem Abitur hatte ich kein Geld für einen Führerschein. Meine Mutter gab mir 50 DM für ein Abikleid, was schon damals zu wenig war.
Ich habe bis heute keinen Führerschein. Ich weiß, es mag für viele zynisch klingen, aber ich habe ja bis heute nicht das Privileg, mich über Parkgebühren und Benzinpreise herum zu ärgern. Ich muss gucken, wie ich günstig noch an halbgute gebrauchte Winterschuhe in Größe 30 komme. Ich muss meinen Kind erklären, warum Turnverein und Fußballverein parallel finanziell nicht drin sind, während für andere Kinder Klavier und bouldern und Spaßbad am Wochenende kein Problem sind.
Mit einer linken Bürgermeisterin hätten wir schon einmal 18 Euro mehr und da ich Mieterin bei Vonovia bin, erhoffe ich mir auch hier Unterstützung. Sorry SPD, aber das war bei euch leider nicht mit drin.
Sonntagabend, kurz vor 17 Uhr, parke ich das jüngere Kind bei der Nachabrin, schwinge mich aufs Fahrrad und radle zu einem Bio-Brotladen im Kiez, der auch sonntags auf hat. Dort bekomme ich umsonst zwei große Leiber Vollkornbrot, die sonst pro Stück fast 6 Euro kosten. Zur Mittagszeit bei der Berliner Tafel anzustehen ist bei mir als Aufstockerin nicht möglich und so lege ich die Scham beiseite und frage im lokalen Einzelhandel nach, um etwas Entlastung zu erfahren.
Sofortzuschlag für arme Kinder wird gestrichen
Dank der Bundesregierung, und daran ist auch die SPD beteiligt, fehlen nun nochmal 50 Euro – der Sofortzuschlag für arme Kinder wird gestrichen. Daran wird zwar eine linke zukünftige Regierende Bürgermeisterin nichts ändern können, aber es gibt auch in Berlin Möglichkeiten, Kinderarmut sinnvoll zu bekämpfen: Das Procedere der Bildung und Teilhabeleistungen – kurz BuT – ist in Berlin hochgradig kompliziert. Meistens wird der Berlin Pass für die Kinder verspätet zugeschickt. Durch ihn bekommen sie günstigeren Eintritt in landeseigene Einrichtungen wie Zoo oder staatliche Theater.
Eigentlich stünde meinem 10jährigen Kind auch Nachhilfe zu. Ich dachte, ich könne einfach so irgendwo Nachhilfe bei einem Institut in Anspruch nehmen. Doch die Lernförderung läuft ausschließlich über die Schule, und der Träger, mit dem die Schule einen Vertrag hat, sieht ausschließlich 90 Minuten Lernförderung vor. Die Kinder dürfen auch nicht früher gehen, weil der Träger das sonst nicht abrechnen kann. Für mein Kind sind nach einem vollen Schultag und massiven Konzentrationsproblemen 90 Minuten einfach zu lang. Hier erhoffe ich mir mehr Flexibilität, was die Berliner BuT-Leistungen angeht.
Und ja, enteignen ist ein heißes Thema. Wer aber wie ich schon drei Mal gegen Vonovia geklagt hat (und bis jetzt immer gewonnen hat), weiß, was es heißt, dort Mieterin zu sein. Ohne die Rechtschutzversicherung beim Mieterverein wäre auch das nicht möglich. Denn Vonovia versucht alles, wirklich alles, um irgendwie an Geld zu kommen.
Da das über die Mieten selber schwieriger geworden ist, versucht es Vonovia jetzt über die Betriebskosten. Alle vier Wochen brummt und rattert es im Garten. Der eh schon raspelkurze Rasen in der Außenanlage wird weiter kurz gemäht, Hecken geschnitten und Zweige entfernt. Um 60 Prozent ist dieser Posten gegenüber der Betriebskostenabrechnung vom Vorjahr gestiegen.
Trotz Anforderungen der Belege ist nicht klar, wodurch die hohen Kosten verursacht wurden. Auch hier steht wieder ein Termin beim Mieterverein an, denn die Betriebskosten steigen bei uns um 30 Euro. Bei anderen Nachbarn mit größeren Wohnungen deutlich mehr. Während ich, mit unseren 2,5 Zimmern „nur“ 200 Euro nachzahlen soll, sind es bei den Anderen um die 500 bis 900 Euro.
Vonovia und Co Einhalt bieten
Auch hier hoffe ich, dass mithilfe einer linken Regierenden Bürgermeisterin und einer linken Politik Vonovia und Co Einhalt geboten wird. „Sie bekommt auch die Miete sowieso vom Jobcenter“ werden viele sagen. Doch ich wechsle ja ständig hin und her und bin ich bei Wohngeld und Kinderzuschlag, werden mir diese 30 Euro nicht mit angerechnet. Die muss ich selber zahlen.
Das Thema Schulessen stößt auch mir als Elternvertreterin auf. Es gab auf Senatsseite einen Beschluss gegen Essensverschwendung. An sich eine gute Sache. Daraufhin wurden Chipkarten oder Essenschips eingeführt. Die Eltern müssen zuvor im Internet genau die Mahlzeit auswählen, die das Kind an dem Tag kriegen soll. Vergessen Sie es, steht das Kind ohne Essen da. Wenn es Glück hat, bekommt es noch ein Notessen, muss sich aber ganz nach hinten in die Schlange stellen.
Es sind Kinder von Eltern mit psychischen Problemen, Eltern mit wenig Geld oder mit keinen Deutschkenntnissen, oder Kinder aus Willkommensklassen, die zwar mit Chip, aber ohne Mittagessen dastehen – genau die Kinder, die oft morgens nicht gefrühstückt oder eine Brotbox zur Schule mitbekommen haben. Auch hier müsste das System dringend verändert werden. Denn ein warmes Mittagessen sollte jedem Berliner Kind garantiert sein, unabhängig, ob die Eltern in der Lage sind, das Essen vorher im Internet anzuklicken.
Jetzt muss ich abwarten und leise hoffen, was in Koalitionsverhandlungen und -verträgen beschlossen wird. Die 18 Euro mehr im Monat durch ein günstigeres Sozialticket sind schon verplant. Sie würden dann doch Fußballverein und Turnverein parallel möglich machen. Mein Kind wäre glücklich.
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