Malerei von Chunqing Huang in Bonn: Wie der Nachhall auf einen Künstlerkollegen
Das Bonner August-Macke-Haus stellt Chunqing Huang aus. Mit ihrer Malerei und Fotografie spielt sie nicht nur den Expressionismus Mackes über Bande.
Bei Max Ernst formieren sich Lianen aus Gelb, Grün und Braun zum Dickicht. Bei Henri Matisse erinnert das pastose Orange an die Fleischigkeit seiner Figuren, zwischen den Farbfeldern von Hellblau, Dunkelblau und Schwarz. Bei Marianne von Werefkin umrahmen einige dominante, schwarze Striche die Farbfelder wie amorphe Figuren.
Die Abmessungen sind stets die gleichen: 30 mal 40 Zentimeter misst jedes Bild, ein konzentriertes Format. Und immer streng abstrakt. Jedes trägt den Namen einer Malerin oder eines Malers. Es sind größtenteils Künstler der europäischen Moderne, die Chunqing Huang in ihrer Serie „Painter’s Portrait“ aufgegriffen hat. Dazu einige Amerikaner*innen sowie ältere zeitgenössische Kolleg*innen. Auch Leiko Ikemura taucht auf, das nach ihr benannte Malerinnenporträt sticht mit zarten, verwaschenen Farben und Formen deutlich unter den übrigen Arbeiten hervor.
Das Museum August Macke Haus in Bonn zeigt „Reflections“, eine große Einzelausstellung der Frankfurter Malerin Chunqing Huang. Man versteht sofort, warum Friederike Voßkamp, Direktorin des Museums und Kuratorin dieser Ausstellung, Huang an diesen Ort eingeladen hat. Schlägt sie doch eine zeitgenössische Brücke auch zum Werk des expressionistischen Malers August Macke, dessen sichtbare Manifestationen die Künstlerin über Bande spielt.
Chunqing Huang: „Reflections“. Museum August Macke Haus, Bonn, bis 31. Januar 2027
Der europäischen Malerei einer klassischen Moderne begegnete Chunqing Huang ironischerweise erstmals auf dem Weg zur Pekinger Kunstakademie – sie war gerade dabei, ihre Mappe an der CAFA abzugeben, der Central Academy of Fine Arts; eine der renommiertesten Ausbildungsstätten des Landes und die einzige unter Autorität des chinesischen Staates. Die Wartezeit in der chinesischen Hauptstadt vertrieb sie sich im Museum, das im Jahr 1994 gerade Picasso zeigte. Eine bis dato ungesehene Malerei als Initialzündung; sie löste wohl auch bei ihr den Wunsch aus, irgendwann nach Europa zu gehen.
Foto: Wolfgang Günzel © Chunqing Huang
Aus der Zeit vor dem Cool
Die 1974 im chinesischen Heze geborene Huang gehört noch zu einer Künstlerinnengeneration, für die der Gang aus dem Osten in den geografischen Westen (oder vice versa) keine Selbstverständlichkeit war. China hatte sich zu diesem Zeitpunkt langsam geöffnet, an den neuen, auch künstlerischen Cool heutiger Jahre war aber noch nicht zu denken. 2000 bewirbt sie sich für ein Studium an der Städelschule und wird angenommen. In Frankfurt studierte sie in der Klasse von Hermann Nitsch, später auch bei Peter Angermann und Wolfgang Tillmans. Die maximale Freiheit erinnert sie als überwältigend und überfordernd, aber großartig.
Heute arbeitet die Künstlerin auf eine Weise, die man konzeptionell-intuitiv nennen könnte. So begann 2016 „Painter’s Portrait“ mit ursprünglich einem einzigen Bild, als Reaktion auf all die bekannten und weniger bekannten Vertreter*innen der klassischen Moderne. Malen konnte Huang nur, wer quasi im Atelier vorbeischaute – nicht vorhersehbar. In Frankfurt waren es zunächst vor allem die Malerinnen und Maler aus der Sammlung des Städel Museum, das sich eine Grundstückslinie mit der gleichnamigen Kunstakademie teilt. Doch der Picasso geisterte weiter durch Huangs Vorstellung, er ließ sich Zeit. Franz Marc war der erste, Joan Mitchell die vorletzte, die mit einem Porträt bedacht wurden. Picasso kam erst ganz zum Schluss. Mit ihm war die Serie 2023 abgeschlossen.
Den Porträts liegt in der Ausstellung die Serie „En Vogue“ direkt gegenüber: Was dort die Höhe einer „Painter’s Portrait“- Leinwand ist, entspricht hier der Breite eines einzelnen Pinselstrichs. Zwei, drei Mal führt Huang die verdünnte Ölfarbe in einer halben Ellipse über die Bildfläche. Das Resultat sind Gemälde, die Drucken ähneln, wie eine Frottage von farbgetränktem Krepppapier vielleicht oder eine Lithografie. Es sind Überlegungen zu Mode, die sich hier malerisch Bahn brechen. „Ich habe mich gefragt, was en vogue wird und warum, welche Kommunikationsprozesse dabei eine Rolle spielen“, erklärt Huang. In ihrem inzwischen zweiten, geräumigeren Atelier entstehen diese Bilder von magischer Einfachheit, die ihre Geheimnisse, obwohl so offenliegend, nicht preisgeben. Der Bezug zur Anziehungskraft von Modetrends liegt plötzlich nah.
Wie kann man die Leinwände noch weiter reduzieren?
Und ganz ungeplant, weil weit vor der Ausstellung begonnen, erscheinen auch diese Leinwände in leuchtendem Gelb oder Orange und sattem Blau wie der Nachhall auf einen Künstlerkollegen – auf die betont heiteren Farbtöne, für die Museumstitelgeber August Macke bekannt wurde. Chunqing Huang drängt es derweil hin zu weiterer Simplifizierung: die Frage, wie weit sie ihre Leinwände noch reduzieren kann, um Malerei zu schaffen.
Auch beim Blick durch die Kamera erkennt man den der Malerin. Zwei Fotoreihen ergänzen die Schau. Geheimnisvoll anmutende Fotografien, wie von einer Spionagekamera aufgenommen, stellen sich als Ansichten der Kunstmesse Art Basel heraus – ein zufälliger Blick durch ein Netz auf die Menschen weiter unten, aufgenommen an einem einzigen Tag. Vielleicht liegt das verbindende Moment in der Übung, die Huang aus Peking mit nach Frankfurt brachte: Die künstlerische Freiheit ergibt sich aus der Variation. Innerhalb der Beschränkungen einer einzelnen Serie ergeben sich potenziell alle Möglichkeiten.
In der westlichen Moderne funktionierte der Austausch respektive die Spiegelung, wie sie im Ausstellungstitel anklingt, freilich in umgekehrter Richtung. Oder in beide: Im ehemaligen Wohnhaus des Malers nebenan kann man einen kleinen Buddha entdecken – wie Kunst und Kunsthandwerk aus Afrika, insbesondere auch aus Asien Impulsgeber der europäischen Moderne waren. Nicht unbedingt in tiefer Durchdringung, sondern oft zunächst in einer Begeisterung für deren Erscheinungsformen und Oberflächen. Ein gewisser Exotismus konnte dazu gehören, eine Naivität, eine sicher oftmals auch falsche Interpretation des Entstehungskontextes, all das.
Diese sichtbaren Manifestationen nimmt nun knapp 100 Jahre später Chunqing Huang auf, um sie wiederum zu spiegeln. Der Künstlerin geht es um eine ganz subjektive Zeichnung ihrer Eindrücke: Weder gibt sie vor, einen umfassenden noch einen allgemeingültigen Blick ihrer Sujets zu vermitteln. Es ist weder Pastiche noch wirklich eine Hommage, die sie hier malt. Aber doch eine seltsame Essenz der sichtbaren Aspekte jener Malerei.
Vielleicht so etwas wie malerische Intelligenz
Auch August Macke erhielt ein „Painter’s Portrait“, die gleichnamige Arbeit wurde im ehemaligen Atelier des Malers nebenan gehängt. Und plötzlich wird man zurückgeworfen auf die scheinbar ganz banale Frage, was überhaupt ein Porträt auszeichnet. Es soll die, den Porträtierten einfangen, klar. Aber es gibt mindestens ebenso Auskunft über den Porträtierenden: seine/ihre Vorlieben und Ausdrucksmöglichkeiten, Ordnungskategorien, vielleicht so etwas wie die malerische Intelligenz. Ein Vorrang des Subjekts vor dem Objekt allemal. Als Publikum kann man den Künstlerinnenblick teilen, ohne ihn jemals völlig zu durchdringen.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert