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US-Sänger Ty SegallLiebe ist wie ein Krankenhaus

„Chrome“ heißt das neue Album des kalifornischen Punk-Garagisten Ty Segall. Es vereint dystopische Texte und den gewohnten Drive aufs Allerdringlichste.

Chromatierung hat den praktischen Effekt, Metall vor Korrosion zu schützen, und den verschönernden, das Material schimmernd reflektieren zu lassen. US-Schauspieler James Dean in seiner Rolle als Jim Stark im Filmklassiker „Rebel Without a Cause“ in einem verchromten Mercury Eight Club Coupé Baujahr 1949 kommt da schleunigst in den Sinn und ein Jahrzehnt, in dem galvanisches Verchromen von Stoßstangen an Oldtimern obligatorisch ist und die vor Opulenz glänzenden Karossen wichtige Kulissen im Rock ’n’ Roll werden.

Die 1950er sind die Zeit, in der das Aufbegehren zur rebellischen Geste wird. Und dazu erwachen Klänge, die biedere Ohrmuscheln kitzeln. Ty Segalls garagiges Punkschaffen ist nachweislich nicht in den 1950ern angesiedelt, sondern in den rauen und eingängigen Sounds der 1960er und 1970er zu verorten. Und doch weckt sein Albumtitel „Chrome“ genau diese steinzeitlichen Assoziationen der alten Benzinschleudern.

Zweifellos steht Segall für eine Opulenz im Repertoire, die bedingungslos handgemacht ist. Auf vielen seiner Alben spielt er Schlagzeug, Gitarre und Bass komplett selbst ein, nimmt analog auf und bestätigt im Interview, dass es beim Titel nicht um blendende Oberflächlichkeiten geht, sondern „eher um die Spiegelung auf einer von Menschenhand geschaffenen Oberfläche, aber nicht um Autos“.

Zuckrig klebrig

Das äußert sich bravourös sogleich beim Auftaktsong „Hospital“, in dem es zuckrig-klebrig heißt: „She's like a hospital to me / I cry like a waiting room for her / Breathe like a crash or just before“, um mit so gar nicht schnurrigen, sondern twangigen, unpolierten und überpitchten Gitarren und eingängigen Synthesizern – und die 90er sind auch da – arrangiert zu werden.

Segall kreiert sein eigenes Jahrzehnt, indem er die tatendurstigen Rhythmen und liebevollen Gesangsharmonien, die häufig nur als Entweder-oder funktionieren, miteinander verwebt und zu etwas Wild-Schwitzigem macht. Exzellent exemplarisch artikuliert im Song „Play Cowboys“; und das, obwohl Segall sich „überhaupt nicht! für einen Westernhelden begeistern kann“. Schichten um Schichten spielen die Gitarren aufeinander, nebeneinander, nacheinander.

Der Fuzz ist wieder da. (Hinweis: Parallel zur Veröffentlichung ist auch eine neu interpretierte 12“ des Twins-Klassikers „Lovefuzz(z)“ erschienen, die im Vorfeld bereits ausverkauft war.) Bei all den vielen Lagen, die auch in den Malereien des Musikers zu finden sind, wie man auf seiner Homepage entdecken kann, stellt sich die Frage, was war da, was ist geblieben?

Nichts davon, „dieses Album sollte eigentlich live mit meiner Band aufgenommen werden, ich wollte spontan einfangen, wie wir klingen – es gibt in den Songs nur einen einzigen Overdub! Bei anderen Alben werfe ich gerne ‚die ganze Farbe an die Wand‘ und schaue, was haften bleibt – aber hier nicht“, erklärt Segall.

Feine Abweichungen als Marginalien

„Chrome“ nimmt die ersten Kompositionshürden bei einer Jamsession mit Schlagzeuger Evan Burrows, weitere Sessions folgen mit Ehefrau Denée Segall und Matt Yoka, finalisiert werden die Songs dann mit Künstler:innen, die seit Jahren an Segalls Seite tätig sind und in der Vergangenheit bereits in den unterschiedlichsten Projekten wie The Freedom Band, The C. I. A. und Reverse Shark Attack für eine nuancierte Note sorgten: Ben Boye (Keyboard), Mikal Cronin (Bass) und Emmett Kelly (Gitarre).

Die neun Titel sind als Kooperation entstanden in einer „humanoiden Rock'n'Roll-Fabrik“, wie vom US-Magazin Stereogum gerühmt und die feinen Abweichungen im sonst gradlinig anmutenden Segall-Sound können als Marginalie verstanden werden. „Die Absicht ist natürlich wichtig, aber ich mache mir eher keine Gedanken über die ursprüngliche Idee, solange das Endergebnis cool klingt. Manchmal entsteht mitten im Schaffensprozess eine neue Idee, ein neuer Gedanke oder eine andere Absicht. Aber oft halte ich mich an strikte Vorgaben – wie zum Beispiel die, dass ‚Chrome‘ ein Live-Album sein sollte.“

Das Album

Ty Segall: „Chrome“ (Drag City/Rough Trade); live: 14.9. Berlin, Festsaal Kreuzberg, 15.9. Hamburg, Knust, 16.9. Köln, Gebäude 9

Es ist fast schade, dass die schwere und dichte Instrumentalisierung den vordergründigen Teil einnimmt, denn die Komposition seiner Songtexte mag zunächst wie Nonsens wirken, es lohnt sich aber unbedingt eine Zweitlektüre. „Separation“ ist eine garagige Interpretation von Sylvia Plaths „The Bell Jar“, in dem es um eine sich steigernde gefühlte Isolation geht, die in einer Depression mündet.

„Living in a ball of glass / Looking through it, it's not right / Get it away from me / Taking my everything / Touch it, feel it, in the outside.“ Das Gefühl eines erstickenden Gefühlslebens wird in „Glas“ vollständig luftdicht verschlossen: „You're never leaving me / You'll never fly away.“

„Chrome“ ist ein Album, das der Zersetzung durch Anpassungen der Umgebung von aufrichtiger Musik entkommt, das Werk endet mit dem Titelsong und den Zeilen „When I died / I was alive / I was alive / When I died“. Ty Segall weiß, was er tut.

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