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Spielfilm „LifeHack“Gut gehackt ist halb gestohlen

Vier junge Hacker, ein Tech-Milliardär und dessen Krypto-Vermögen: „LifeHack“ macht aus dem Daueronline-Leben einen rasanten und beunruhigenden Thriller.

Bisweilen fühlt sich die techniksaturierte Welt seltsam grau und überfordernd zugleich an. Zumindest dann, wenn man sich ihr allzu sehr hingibt, in Dauerschleifen aus Reels und anderem „Content“ gerät, sich in schneller Abfolge Tiervideos, Kriegsbilder und Kaufempfehlungen vorsetzen lässt. Ob Youtube, Instagram oder Tiktok: Alles fordert Aufmerksamkeit, soll mitunter gar für die Karriere ganz wichtig sein und hinterlässt nach seinem stumpfen Konsum doch selten ein Gefühl der Befriedigung.

Vielleicht fragt man sich da, warum man sich diesem Wust an Pings und Pushs auch noch im Filmischen hingeben sollte. „LifeHack“ ist ein sogenannter „Desktop-Film“, wird also ausschließlich über die Bildschirme seiner Figuren gedreht. Filme wie diese bilden mittlerweile sogar eine eigene Spielart im Kino, die das Ganze noch etwas treffender beschreibt: Das „Screenlife“-Genre. Wobei sich natürlich sofort die Frage aufdrängt – Adorno möge es entschuldigen –: Gibt es überhaupt ein richtiges Leben im Technotop?

Diese Frage schwingt im neuen Film des noch weitgehend unbekannten irischen Regisseurs Ronan Corrigan durchaus mit. Zuerst aber handelt „LifeHack“ von sogenannten „Scriptkiddies“. Was das genau ist, erklärt eine Texttafel vorweg: Es handle sich um einen abwertenden, von Hackern geprägten Begriff für unreife, aber häufig nicht weniger gefährliche Personen, die Sicherheitslücken im Internet ausnutzen. Dass die Täter im „Cybercrime“-Bereich besonders jung sind, ist ebenfalls zu lesen. Eine kurze Recherche deutet zumindest in den USA auf ein Durchschnittsalter von gerade einmal 19 Jahren hin.

Der Film

„LifeHack“. Regie: Ronan Corrigan. Mit Georgie Farmer, Yasmin Finney u.a. Vereinigtes Königreich 2025, 97 Min.

Das ist exakt das Alter von Kyle Peters (Georgie Farmer), als er zu Beginn des Films bei einer Anhörung sitzt. Sie soll klären, ob die Gefahr besteht, dass er erneut straffällig wird, wenn er das Internet künftig ohne Überwachung benutzen darf. Damit nimmt „LifeHack“ bereits vorweg, wohin all das Folgende führen wird: Die Aufzeichnung entsteht nach Kyles Entlassung aus dem Gefängnis. Was ihn dorthin führte, erzählt der Plot zwei Jahre zuvor. Vor allem aber erzählt er davon, warum der junge Brite tat, was er tat.

Kein richtiges Leben im Feed

Ronan Corrigan, der mit Hope Elliott Kemp auch das Drehbuch zum Film verfasste, skizziert zunächst das Leben eines Schülers, das nahezu ausschließlich online stattfindet. Ballerspiel auf „Steam“, Playlist auf „Spotify“, dazu parallel ein Videochat auf der bei Gamern beliebten Plattform „Discord“. Dort, und nur dort, gibt es Kyles soziale Interaktionen. Seine einzigen Freunde sind bis in die frühen Morgenstunden zugeschaltet: Sid (Roman Hayeck-Green), dessen alkoholsüchtiger Vater mitunter im Hintergrund randaliert, Petey (James Scholz), der von seiner Mutter zu Höchstleistungen getrimmt wird, und Alex (Yasmin Finney), die Kyle einst einen gefälschten Personalausweis verkauft hat.

Damit ist implizit schon die Verbindung zwischen den Figuren auf den Punkt gebracht, um die „LifeHack“ kreist: Es sind Teenager, die in erster Linie mit familiären Problemen und Sorgen zu kämpfen haben. Ist es bei Alex die wiederum von Tabletten abhängige Mutter, schiebt sich bei Kyle schnell der abwesende Vater ins Bild. Zwischenzeitlich gratuliert der Sohn ihm auf Facebook zum Geburtstag, wo ein nur kurz eingeblendeter Chatverlauf zeigt, wie lange Kyle von ihm bereits mit einem Besuch hingehalten wird.

Überhaupt muss man schnell sein, um in „LifeHack“ keine Informationen zu verpassen. Ronan Corrigan und Aleksandr Kletsov schneiden rasant zwischen Tabs, Chats und Anwendungen hin und her, Nachrichten tauchen auf und verschwinden wieder, während anderswo schon das nächste Fenster geöffnet wird. Anfangs kann das durchaus überfordern, doch man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran. Man kennt es schließlich selbst nur allzu gut.

No Future, viel Netz

Nach und nach zeigt sich, dass Kyles Vater als IT-Experte in Dubai arbeitet und Frau und Kind zu Hause gewissermaßen vergessen hat. Das erklärt auch, warum Kyle das Vorhaben von Petey, in Stanford zu studieren, mit kaum verhohlenem Zynismus kommentiert: Sein Freund sei ohnehin qualifizierter als die meisten Menschen dort. Warum also Jahre damit verbringen, sich mit mittelmäßigen Programmierern abzugeben, nur um später einen anstrengenden Job im mittleren Management zu ergattern und darüber das echte Leben aus dem Blick zu verlieren?

Diese Weltuntergangsstimmung, der Eindruck eines beschädigten Lebens, das im Daueronline-Sein sein Surrogat findet, ist vielleicht nicht sonderlich originell. „LifeHack“ aber bringt das Gefühl einer jungen Generation, der man immer wieder nachsagt, spätestens mit der Pandemie in eine kollektive Depression verfallen zu sein, überzeugend auf den Bildschirm.

Ausgerechnet die Timeline von Kyles Vater bringt schließlich die „Heist“-Handlung ins Rollen, zu der die „Was haben wir schon zu verlieren“-Haltung in „LifeHack“ führt. Er hat dort ein Video von Don Heard (Charlie Creed-Miles) geteilt, einem Tech-Milliardär, dessen Gebaren mitunter an eine – zugegeben etwas weniger vermögende – Variante von Elon Musk erinnert. Kryptowährungen sind für ihn das einzig Wahre, „Woke“ dagegen ist absoluter Blödsinn. Für Kyle und seine Freunde ist schnell klar: Sie wollen Heard hacken und ihm die Bitcoins abnehmen, mit denen er so bereitwillig prahlt.

Spannend ist das vor allem deshalb, weil sich die Gruppe dabei von einem gewieften Coup zum nächsten hangelt. Zugang zu Don Heard verschaffen sie sich zunächst über dessen Tochter Lindsey (Jessica Reynolds). Sie bauen eine Fake-Website für eine Fake-Modelagentur, locken Lindsey mit einem Fake-Casting und lassen Alex im Videochat als Fake-Agentin auftreten. Die Zustimmung einer Erziehungsberechtigten, die sie für den Vertragsabschluss einfordern, führt das Quartett wiederum zu den Daten der Mutter. Eine Phishingmail, die vermeintlich von der Anwaltskanzlei stammt, die deren Scheidung betreut, öffnet den Weg in ihr E-Mail-Postfach. Und dort finden sich schließlich die Daten, die Kyle und seine Freunde brauchen, um an Don selbst heranzukommen. Bingo.

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Trailer „LifeHack“

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Klicks und Tricks im Technotop

Von da an braucht es noch ein paar weitere Hacker-Manöver und anonyme Telefonanrufe, um an die Summe von 100.000 Dollar zu kommen. Dass das in „LifeHack“ niemals langweilig wird, liegt wohl vor allem daran, wie nachvollziehbar jeder einzelne Handgriff gemacht wird, ohne dass der Film in langwierige Erklärungsschleifen verfällt. Die Mahnung „Show, don’t tell“ wird sonderbarerweise, obgleich Ronan Corrigan die Bildschirmwelt nie verlässt, konsequent eingehalten.

Ganz nebenbei erzeugt das auch Unbehagen. Nicht nur, weil einem hier eine beinahe fetischhafte Selbstdokumentation vor Augen geführt wird, sondern auch, weil „LifeHack“ zeigt, welche Vulnerabilität damit einhergeht. Mehr als einmal lässt der Film daran denken, was für eine leichte Zielscheibe man im Netz abgibt – und wie wenig allgemein darüber bekannt ist, mit welchen Methoden Menschen ausspioniert, manipuliert und getäuscht werden können.

Mehr als einmal lässt der Film daran denken, was für eine leichte Zielscheibe man im Netz abgibt

Vor allem aber entwickelt der Film eine ungemeine Sogwirkung. Umso mehr, als durch weitere unvorhergesehene Wendungen die Machenschaften der Jugendlichen allmählich ins echte Leben überschwappen: Irgendwann geht es nicht mehr bloß um Softwarehacking, sondern auch um handfesten Hardwarediebstahl.

Ob diese Sogwirkung wohl damit zusammenhängt, dass „LifeHack“ die Regeln jener Aufmerksamkeitsökonomie so gut beherrscht, von der der Film selbst erzählt? Dass der schnelle Wechsel zwischen den Anwendungen womöglich dieselben Dopaminmechanismen bedient wie jene Plattformen, deren „Ästhetik“ man hier übernimmt? Oder liegt es doch vor allem an der Sympathie, die man über die Zeit für diese Jugendlichen entwickelt?

Schwer zu sagen. Fest steht allerdings: Nach anderthalb Stunden „LifeHack“ hat man ein enormes Bedürfnis, Gras zu berühren.

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