Linke Spitzenkandidatin Eva von Angern: Niederlage für die „Streberin“
Mit Eva von Angern ist die Linke in Sachsen-Anhalt bei nur rund 9 Prozent gelandet. Trotzdem könnte sie Königsmacherin werden.
Foto: dts/imago
Von einem „schwarzen Tag für Sachsen-Anhalt“ sprach Eva von Angern angesichts des Erfolgs der AfD bei der Landtagswahl am Sonntagabend. Die Rechtsextremen hat die linke Spitzenkandidatin stets klar abgelehnt.
Vor der Wahl weigerte sie sich sogar, dem Konkurrenten von der AfD bei einem Fernsehduell die Hand zu geben. „Siegmund quälen? Von Angern wählen!“, postete die Spitzenkandidatin der Linken in Sachsen-Anhalt noch kurz zuvor.
Doch „enttäuscht“ dürfte sie nicht nur über den blauen Balken sein. Auch ihre eigene Partei hat im Vergleich zu den Prognosen der letzten Monate, die ihnen bis zu 13 Prozent vorhergesagt hatten, schlecht abgeschnitten: Sie holte nur rund 9 Prozent.
Eine Erklärung dafür sei, so meinen manche Linke, die Kampagne fürs taktische Wählen gewesen. Diese hatte Menschen aufgefordert, für kleine Parteien wie Grüne oder SPD zu stimmen, damit diese in den Landtag einziehen – und so eine absolute Mehrheit der AfD unwahrscheinlicher machen.
Im Vergleich zur letzten Wahl sind allerdings nur wenige Linken-Wähler zu diesen kleinen Parteien abgewandert, vielmehr verloren hat die Partei an BSW und AfD. Ein anderer Grund für das verhältnismäßig schlechte Abschneiden der Linken könnte die hohe Wahlbeteiligung gewesen sein, während die AfD viele Nichtwähler mobilisieren konnte.
Schuld sei die CDU
In ihrer Analyse zum AfD-Erfolg teilt die Linke ausgerechnet die gleiche Einschätzung, die wenige Minuten vorher der Chef der Rechtsextremen im ZDF-Interview abgegeben hatte: „Die CDU hat die AfD so stark gemacht, bei der Debatte über die Rente oder die Krankenversicherung. Das waren ja keine Reformen, das waren Sozialkürzungen“, sagt von Angern.
Bei aller Kritik hatte die Linken-Kandidatin vorab stets betont, dass sie zu einer Zusammenarbeit mit der CDU bereit sei, um eine AfD-Regierung zu verhindern. „Wir werden aber keine AfD-Politik im Gewand der CDU unterstützen.“ Für eine Koalition forderte von Angern bereits im Juni in der taz, dass die Konservativen Abstand von ihrem aktuellen Kurs nehmen müssten.
Schon jetzt arbeite man in Sachsen-Anhalt an vielen Stellen mit den Konservativen aber zusammen. Das sei „gut und vernünftig“, findet von Angern. Mit dem CDU-Abgeordneten Tobias Krull betreibt sie zum Beispiel ein Netzwerk gegen Kinderarmut. Umso absurder findet sie es, wenn CDU-Politiker ihre Partei mit der AfD vergleichen. Doch auch am Wahlabend schloss die CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann eine Koalition mit „Linksextremen“ aus.
Von Angern ist keine Linksextreme
Dabei ist von Angern das genaue Gegenteil. Ihr Habitus wirkt eher bürgerlich-konservativ. Die 49-Jährige ist verheiratet und Mutter dreier Söhne, ihren Geburtsnamen „von Angern“ hat sie behalten. Er stammt von einem alten magdeburgischen Adelsgeschlecht, wie sie nicht ohne Stolz sagt. Auf ihren Wahlplakaten stand „Heimat“ – ein Begriff, der Konservativen gefallen könnte, aber den nicht alle mögen. Ihren Kater taufte sie „Herrn Böhmer“ – nach Wolfgang Böhmer, dem CDU-Ministerpräsidenten, der 2002 in Sachsen-Anhalt regierte, als von Angern erstmals in den Landtag einzog.
Geboren wurde sie in Magdeburg, beim Mauerfall war sie 13 Jahre alt und ging noch zur Schule. Ihre Mutter war Lehrerin, ihr Vater arbeitete beim Ministerium für Staatssicherheit, zur Wendezeit habe sie sich von ihren Eltern abgewandt, sagt sie.
Politisiert hätten sie die rechtsextremen Übergriffe in den 90er Jahren. Deshalb sei sie Mitte der Neunziger in die PDS eingetreten, die Vorgängerpartei der Linken. Nach dem Abitur studierte sie Jura an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Für die Linke zog die Frau mit der großen runden Brille, die sich selbst als „Streberin“ bezeichnet, 2002 als damals jüngste Abgeordnete in den Landtag von Sachsen-Anhalt ein. Fleißig und gut vernetzt, wie sie ist, gelang es ihr, 2020 Fraktionsvorsitzende der Linken zu werden. 2006 machte sie sich als Rechtsanwältin in Magdeburg selbständig.
Damals war die PDS in Sachsen-Anhalt noch zweitstärkste Kraft, nach der CDU. Vor vier Jahren war die Linke auf 11 Prozent gesunken, auch damals war von Angern Spitzenkandidatin. Dass sie nun sogar unter 10 Prozent landet, dürfte sie schmerzen. „Wir werden diese Demokratie verteidigen“, verspricht sie am Sonntagabend trotz allem.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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