Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt: Bündnis gegen die Einsamkeit
In den ländlichen Regionen Sachsen-Anhalts stellt sich Annekatrin Els vom Zerbster Bündnis für Demokratie gegen den Rechtsruck.
Das sachsen-anhaltische Bornum, in dem Annekatrin Els aufgewachsen ist, liegt „weit draußen auf dem platten Land“, so beschreibt sie es selbst. Der Rechtsruck, der sich momentan deutlicher denn je angesichts der anstehenden Landtagswahl manifestiert, ist hier schon lange spürbar.
Kurz vor den Europawahlen 2024 gründete sich als Gegenbewegung das Zerbster Bündnis für Demokratie. „Es kann sich einsam anfühlen hier draußen, weil man so vom Rechtsruck umgeben ist“, so Els. „Wir wollten durch das Bündnis füreinander da sein und anderen zeigen, dass es hier auch anders geht.“
Annekatrin Els ist seitdem nicht nur ein engagiertes Mitglied, sondern auch Teil des Vorstands. Inzwischen besteht das Kernteam aus 16 Leuten, insgesamt wird das Bündnis aber von über 100 Menschen unterstützt. Allein im letzten Monat kamen 10 weitere Leute dazu. Seit seiner Gründung bringt das Bündnis Menschen in der Region zusammen und miteinander ins Gespräch. Mal durch öffentliche Mahlzeiten, mal durch Abendveranstaltungen. Im August waren Gäste wie Monika Ehrhardt-Lakomy, Autorin des „Traumzauberbaums“, und der Leiter einer KZ-Gedenkstätte eingeladen. In der Runde wurde diskutiert, was Deutschland mit Blick auf die eigene Geschichte für die Zukunft lernen kann.
Foto: Privat
Gesicht zeigen trotz Risiko
Vor Kurzem hat das Bündnis mit anderen Organisationen aus Aken, Bitterfeld und Köthen außerdem eine Posterkampagne gestartet. Sie porträtiert Menschen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen und Berufen, die sich mit einem persönlichen Statement für die demokratischen Parteien aussprechen. Einige lehnten die Teilnahme an der Kampagne ab – aus Angst vor Angriffen und beruflichen Nachteilen im Fall eines AfD-Sieges.
Auch Annekatrin Els bekommt wegen ihres Engagements Gegenwind, besonders auf Social Media. „Es geht einfach immer unter die Gürtellinie“, berichtet sie. Was sich nach den Wahlen alles ändern könnte, möchte sie sich am liebsten gar nicht ausmalen, nicht nur als Vorstand des Bündnisses, sondern auch im Privaten. „Ich bin alleinerziehende Mutter von einem Schwarzen Kind, das eine Behinderung hat. Schon im jetzigen System war es schwer, eine gute Versorgung und Unterstützung zu finden.“
Auch in einer möglichen AfD-Niederlage in Sachsen-Anhalt sieht sie keine Entspannung der Situation. „Egal wie die Wahl ausgeht, die AfD wird weiter eine Rolle spielen.“ Umso wichtiger sei es daher, dass die anderen Parteien die Unzufriedenheit der Menschen ernst nehmen und sich um echte Änderungen bemühen.
richtig gute leute
Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte erstmals seit 1945 eine rechtsextreme Partei an die Regierung kommen. Es gibt vor Ort aber auch eine lebendige Zivilgesellschaft, die die Wahlen noch nicht verloren gibt. In der Serie „Richtig gute Leute“ stellen wir sie den Sommer über vor.
Was gegen die Unzufriedenheit hilft
Vorschläge, um der Unzufriedenheit entgegenzuwirken, hat Annekatrin Els viele: die Vergütung von Care-Arbeit, Investitionen in Bildung und Gesundheit. Außerdem müssen die Dörfer wieder lebendiger werden. Einsamkeit sei ein großes Problem, das dem Rechtsruck in die Hände spielt.
„Hier gibt es kaum noch Dorfkneipen, kaum noch soziale Treffpunkte. Es fehlt an Austausch und Anreizen von außen.“ Auch hier will das Bündnis durch seine Angebote Abhilfe und gleichzeitig ein Bewusstsein dafür schaffen, welche Rolle Politik im Leben jeder einzelnen Person spielt. „Für viele Menschen ist Politik nur das, was ‚da oben‘ passiert. Dabei ist alles, was wir machen, in irgendeiner Form politisch“, so Els. Worauf es ankomme, sei am Ende der soziale Zusammenhalt, den jede Gesellschaft braucht. „Das, was wir eigentlich wollen, kann man ‚da oben‘ gar nicht kreieren. Wir wollen Gemeinschaft, ein gutes Leben und dass es unseren Kindern gut geht. Um das zu schaffen, müssen wir alle zusammenarbeiten und anpacken.“
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