: Einmal als Ratte zu Füßen der Sopranistin kauern
Die Arena di Verona zieht Opernfans aus aller Welt an. Unsere Autorin durfte als Statistin mit auf die Bühne
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Aus Verona Katharina Granzin
Beim Start muss ich das Tischchen hochklappen, auf dem ich mein Buch abstütze; und der Dame auf dem Nebensitz gelingt endlich ein Blick auf das Cover. „Ach“, nutzt sie prompt die Gelegenheit, „bestimmt wollen Sie auch in die Oper!“ Ich gebe es zu.
Wir sitzen im Flugzeug nach Verona, unterwegs zum Opernfestival. Die Dame ist aus Stuttgart, wie sie erzählt, und dort sei es ja mittlerweile völlig unmöglich, noch das Opernhaus zu besuchen: „All dieses moderne Zeug!“ Deshalb fliege sie einmal im Jahr nach Verona und sehe drei Vorstellungen hintereinander, da gebe es wenigstens noch die schönen alten Klassiker.
Aha.
Genau wie diese Dame, stockkonservativ und im fortgeschrittenen Rentenalter, habe ich mir das Publikum in Verona immer vorgestellt und bin fast erschrocken, dass meine Vorurteile offenbar schon im Vorfeld so einfach bestätigt werden. Was ich wirklich in Verona vorhabe, erzähle ich der Dame nicht.
Das Festival in Verona gibt es seit mehr als hundert Jahren. Es gehört zu den populärsten der Welt, und es findet alljährlich von Anfang Juni bis Mitte September im gewissermaßen größten Opernhaus überhaupt statt: in einem antiken Amphitheater – der Arena, nach der auch das gesamte Festival benannt ist. Bis zu 12.000 Menschen finden hier zu den Opernaufführungen Platz.
Die Arena betreibt seit einigen Jahren eine für den Kulturbereich ungewöhnliche Form der Pressearbeit. Man bietet Journalist*innen an, fast so wie beim embedded journalism der Kriegsberichterstattung, einen Abend als Kompars*in auf der Bühne mitzuerleben. Ich darf mitmachen in einer legendären Inszenierung von Puccinis „Turandot“, die der 2019 verstorbene Franco Zeffirelli bereits 1987 für die New Yorker Met eingerichtet hat; in Verona war sie erstmals 2010 zu sehen. Dabei werde ich ein Kostüm tragen, das die Oscarpreisträgerin Emi Wada – auch sie lebt nicht mehr – entworfen hat!
Dieser großartigen Ankündigung wegen bin ich später stark ernüchtert, denn was mir von der Ankleiderin entgegengehalten wird, sieht auf den ersten Blick aus wie ein Haufen Lumpen. Ein Zettel steckt daran, auf dem „Giornalista“ steht. „Ihr seid Ratten“, erläutert Regisseur Yamal Das Irmich mir das Konzept hinter dem Outfit und macht vor, wie ich als Teil des armen, unterdrückten Volks von Peking untertänig über die Bühne huschen soll.
Yamal Das Irmich ist derjenige, der dafür sorgt, dass Zeffirellis Regiekonzept auch heutzutage noch reibungslos und traditionsgemäß über die Bühne geht. Auf dem Programmzettel steht sein Name allerdings nicht, ebenso wenig wie die Namen der allermeisten der 1.100 Menschen, die an diesem Abend für die Produktion arbeiten, „400 davon auf der Bühne“, wie Intendantin Cecilia Gasdia erklärt, die sich nachmittags Zeit für einen Pressetermin genommen hat.
Die gebürtige Veroneserin, selbst früher eine bekannte Solosopranistin, begann 1976 als Statistin in der Arena zu arbeiten, da war sie gerade einmal 16. Seit 2018 leitet sie die Institution, zu der auch das Teatro Filarmonico di Verona gehört. Ich erzähle von der Dame im Flugzeug und frage die Intendantin, ob sie sich in erster Linie als Hüterin der Tradition sehe. Gasdia antwortet mit ökonomischem Pragmatismus. Sie erzählt von einer der moderneren Inszenierungen, die sie mal auf dem Spielplan hatten. Allerdings häufiger, als die Zuschauenden sie sehen wollten, wie sich später herausstellte. Eine Auslastung von 5.000 bis 6.000 Personen reiche einfach nicht aus, wenn man mit einer anderen Produktion alle Tickets verkaufen könnte. „Im nächsten Jahr hatten wir diese Produktion nur zweimal, und beide Vorstellungen waren ausverkauft.“ Die ganz klassischen Inszenierungen seien eben äußerst beliebt beim Publikum. Die könne man auch öfter zeigen, und die Arena sei voll.
Am Abend werde ich in mein Rattenoutfit gekleidet, das – eigentlich ist es doch ziemlich schön – aus einer weiten, um die Knöchel gebundenen Hose, einem seitlich zu knöpfenden Umhang und einer voluminösen Mütze besteht. Eine zweite Ankleiderin kommt hinzu, nur um mir die Schuhe anzuziehen. Unter der äußeren Lumpenhülle sind raffiniert nach hinten offene Sneaker eingearbeitet. Dann stellt man mir meine Begleiterin für den Abend vor. Chiara – die Statistin, an deren Seite ich kleben soll – arbeitet, wie sie erzählt, im Sommer in der Arena und im Winter in anderen Häusern. Sie ist gelernte Tänzerin und trägt ihre Aufgabe, die fremde Journalistin mitzuschleppen, mit dankenswert freundlicher Fassung.
Unser erster gemeinsamer Einsatz ist eigentlich ganz einfach; wir – das ganze Volk von Peking – sollen auf die untere Bühnenebene huschen und dort untertänigst kauernd den Pomp am kaiserlichen Hof bestaunen.
Ich tue mein Bestes, mit Chiara Schritt zu halten, schaffe es unfallfrei auf die Bühne, kollabiere wie geheißen neben ihr und stelle etwas erschrocken fest, dass wir uns zwar am unteren Rand, aber genau in der Bühnenmitte befinden, quasi in Tuchfühlung mit den Solist*innen. Die Statistin, die hinter mir kauert, tippt mich sachte an und zischt mir etwas zu, leider auf Italienisch. Habe ich was falsch gemacht, etwa den Kopf zu sehr gehoben? Ob die Kollegin vorwurfsvoll guckt, kann ich nicht erkennen, denn ich sehe alles verschwommen, weil ich meine Brille nicht tragen darf. Für alle Fälle ducke ich mich noch tiefer.
Vom musikdramatischen Geschehen bekomme ich rein gar nichts mit, das Bizarre der Situation ist zu ablenkend. Hinter uns sitzen 10.000 Menschen. Vor uns, keine zwei Meter entfernt, stehen Lise Lindström als Turandot und Yusif Eyvazov als Calàf und singen übermenschlich phonstark in das Rund des riesigen Amphitheaters hinaus. Warum passiert das gerade? Bin ich wirklich hier? Und was haben die bloß für Stimmbänder? Von so nah dran klingt es ja gar nicht wirklich schön, denke ich vor mich hin, während ich unauffällig einen Fuß massiere, der einzuschlafen droht, weil er unter mir eingeklemmt ist, und hat Turandot wirklich so abartig lange Fingernägel, oder sehe ich bloß zu unscharf?
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Irgendwann dürfen wir wieder davonhuschen. Weder ist der Fuß eingeschlafen, noch verliere ich den rechten Schuh, der etwas zu lose sitzt. Aber weil ich genau davor Angst habe und halb blind über die stufenreiche Bühne stolpern muss, bin ich beim nächsten Auftritt zu langsam, verliere für einen Moment die flinke Chiara aus den Augen und lande nur so ungefähr in ihrer Nähe. Zum Glück haben einige der anderen inzwischen begriffen, was für eine ich bin, und schieben mich behutsam in die richtige Position.
Später bin ich ein bisschen stolz, weil es mir gelingt, die nur einmal kurz geprobte Trauerzeremonie für die tragisch verstorbene Sklavin Liù fehlerfrei mitzumachen, und finde auch fast rechtzeitig das im Hosenbund versteckte blaue Tüchlein wieder, mit dem ich winken muss. Denn beim Abschlussapplaus sitzen wir Statist*innen zu beiden Seiten der Bühne und wedeln endlose Minuten lang mit bunten Stofffetzen, bis uns fast die Arme abfallen.
Erst jetzt sehe ich, wie viele wir waren; bestimmt mehr als hundert Leute. Ich bin ganz erleichtert, dass es vorbei ist, finde es aber gleichzeitig schade. Wenn ich noch mal dürfte, wäre ich bestimmt sensationell!
Beim Stadtsightseeing am nächsten Tag dringen neben vielen deutschen Dialekten auch zahlreiche völlig unbekannte Sprachen an mein Ohr. Falls diese Leute alle abends in die Arena wollen, denke ich, ist das Publikum tatsächlich sehr international. 40 Prozent seien Italiener*innen, hatte Cecilia Gasdia gesagt, fast genauso viele, 30 Prozent, kommen aus Deutschland und Österreich, der Rest von überallher. Die nicht sehr große Altstadt von Verona quillt jedenfalls über vor Menschen.
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Abends steht Verdis „La Traviata“ in einer Inszenierung von Paul Curran auf dem Programm, die im Juni ihre Premiere hatte. Dieses Mal sitze ich auf einem gepolsterten Plastikstühlchen im Publikum. Chiara wird wieder auf der Bühne dabei sein, hatte sie erzählt, „aber du erkennst mich bestimmt nicht auf die Entfernung. Nur vielleicht am Anfang, da stehe ich in so einer Glaskugel und mache Bewegungen.“ Tatsächlich erkenne ich sie, gewandet in ein schneeweißes Pompomkostüm, im ersten Akt sofort wieder und freue mich für sie, dass sie als leichtes Mädchen im Moulin-Rouge-Setting immerhin ansatzweise ihre tänzerischen Fähigkeiten einsetzen kann; dafür gab es am Abend vorher ja keine Gelegenheit.
Ich selbst wiederum kann nun, da ich nicht mehr selbst auf der Bühne kauere, meine Vorurteile bezüglich des Arena-Publikums endlich revidieren. Es ist wahrscheinlich das am buntesten gemischte Opernpublikum, das ich je gesehen habe, und die Dame im Flugzeug war repräsentativ für nur eine der vielen verschiedenen Gruppen, die hier in der Arena zusammenkommen.
Die größte scheint aus Menschen zu bestehen, die des Dolce Vita wegen anreisen und denen der Vino bianco in der Pause mindestens ebenso wichtig ist wie die Vorstellung selbst. Andere kommen mit Kind und Kegel; an diesem Abend ist sogar ein Baby dabei, das ausgerechnet während der ersten, in sanfter Traurigkeit schwebenden Klänge der „Traviata“-Ouvertüre zu einem kleinen Schreianfall ansetzt. Das Kind scheint aber umgehend entfernt zu werden und ist danach nicht mehr zu hören.
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Und bei sanfter Traurigkeit bleibt es in Currans bonbonbunter Inszenierung sowieso nicht, die, umrahmt von einem gigantomanischen Bühnenbild, zu dem auch ein Riesenelefant gehört, in den Party-Massenszenen übersprudelt wie eine Sektflasche unter zu viel Druck.
Im dritten Akt glaube ich in einer leicht bekleideten Kokotte unter den Statist*innen noch einmal Chiara zu sehen, bin mir aber nicht sicher – und verliere die Person sofort wieder aus den Augen, weil just in diesem Moment mit großem Knall eine Bombe platzt und sich ein viele, viele Meter hoher Konfettiregen auf die Bühne ergießt. Ein großes „Aaaah!“ geht durch die Menge, und auch ich muss spontan applaudieren.
Denn genau das ist es doch, was wir alle von der Arena di Verona wollen: Nur ein richtig großes Spektakel wird der schieren Größe dieses Ortes gerecht.
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