Punk-Artefakte der US-Westküste: Mut zur Hässlichkeit
Wider die öde Konformität und ein Appell an die eigene Szene. Eine Neuauflage rückt Punk-Artefakte der amerikanischen Westküste ins Bild.
A lles an diesem Buch ist inconvenient. Manche Textpassagen lassen sich ohne Lesebrille kaum entziffern, andere sind grell in Rot auf Schwarz gedruckt oder derart über die Seiten verteilt, dass man kaum weiß, wo der eine Text aufhört oder ein anderer schon wieder anfängt. Es gibt keinen ordentlich sortierten Überblick, keine neu hinzugefügten Essays, die im Rückblick noch einmal einordnen helfen, warum man sich heute wieder dafür interessieren sollte.
Vor 25 Jahren erschien „Fucked Up + Photocopied“ zum ersten Mal in Buchform. Jetzt hat Ginkgo Press die Sammlung visueller Punk-Artefakte der US-Westküste in einer Neuauflage herausgebracht. Dem eher konventionellen Cover zum Trotz gibt es viel zu entdecken, das Freude macht.
Die Zeitzeugnisse, die es zu sehen gibt, taugen so auch keineswegs allesamt zur Verklärung. Die Szene war klein und rasch gelangweilt, so beschreiben es die AutorInnen im Buch. Die 1970er-Jahre waren furchtbar und gerade eben vorbei. Natürlich gibt es die legendären Flyer, Zines, Plakate mit hinreißend zusammenkopierten Collagen und Erpresserbrief-Layouts. Zeugnisse erster Auftritte von Bands wie Devo, NOFX, The Circle Jerks, The Cramps, The Exploited und so fort.
ist freie Kunstkritikerin, lebt in Frankfurt am Main.
Hässlichkeit und liederlich Hingekritzeltes
Eine ganze Reihe ist allein Black Flag gewidmet. Aber auch geradeheraus Hässlichkeit und liederlich Hingekritzeltes, das eventuell deshalb nostalgisch stimmen kann, weil man sich gerade überhaupt keine Mühe machte (machen musste, das Gefühl hatte, sich machen zu müssen). Und irgendwie erscheint das doch wie ein Gegenentwurf zum wohlkuratierten, gut aussehenden Punk, wie man ihn bis heute mit New York City oder eben auch London verbindet.
Wie sagte Kim Gordon in ihrer Autobiografie über L. A., als sie den örtlichen Kunstmarkt und den in New York verglich? „There’s only Hollywood money, no Wallstreet money“, oder so ähnlich, und vielleicht macht diese ad-hoc-ökonomische Beobachtung ja auch Sinn, wenn es um andere Bereiche von Kultur und Subkultur geht – wo weniger zu holen ist, wird es interessanter?
Das Buch
Bryan Ray Turcotte und Christopher T. Miller: „Fucked Up + Photocopied. Instant Art of the Punk Rock Movement: 25th Anniversary Edition“. Ginkgo Press, Richmond 2026. 240 Seiten, 49,95 Dollar
Punk ist seit einigen Jahren in allen erdenklichen Reinkarnationen wieder da. Sicher deutlich zahmer als seinerzeit, um nicht zu sagen spießig. Letzten Sommer sah ich die sehr gute Band Müll auf einem traditionell punkfreundlichen Stadtteilfest, aber sie spielten zu selten Powerchords und hatten auch sonst zu krude Songfindungen für das versammelte Publikum. „Das ist doch kein Punk!“, lästerten einige Spießerpunks.
Wider die musikalische Konformität
Auch dazu hätte „Fucked Up + Photocopied“ manches zu sagen, zum Beispiel diese Erinnerung wider die musikalische Konformität: „Der gut gemeinte Gruppenzwang zielte nicht darauf ab, dass alle gleich klingen sollten; vielmehr war es eine Ermutigung für jeden Künstler, anders zu sein.“ Beziehungsweise: „Was heute Punk genannt wird, mag vertraut klingen, aber zu oft ist der Geist durch Regeln ersetzt worden – eine Art von Fundamentalismus, sogar.“
Aber auch seinerzeit schon wurde nicht nur ans Fuck You, sondern auch an so etwas wie Einigkeit einer zerstrittenen Szene erinnert. „Hey! We’re talking to you“, lässt Jamie Hernandez eine Gruppe Punker unterschiedlicher Ausdifferenzierung, von Oi-Skin bis Klassik-Punkerin, ihr Publikum adressieren. „Wenn diese Szene scheiße ist, dann liegt es daran, dass du scheiße bist.“ Mit sanftem Nudging, bitte selbst zu einem gelingenden Miteinander beizutragen.
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