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Kater in der Großstadt?Ich glaube, er hatte ein gutes Leben

Rein oder raus? Die Frage, ob Katzen Freigang brauchen, spaltet die Tierhalter:innen. Vor allem in der Großstadt.

Es gibt ein kurzes Video, auf dem zu sehen ist, wie unser Kater die Katzentreppe vom Balkon heruntergeht, misstrauisch, weil sie eine Art schwankende Brücke ist. Das Video ist alt und ich sehe es selten an, weil der Kater inzwischen tot ist und ich ihn immer noch vermisse. Der Kater legte sich wie ein Schal um unsere Schultern, als er klein war, und er tat es noch, als er sechs Kilo wog und links und rechts hinausragte.

Die Katzentreppe war die Möglichkeit, den Kater zum Freigänger zu machen, obwohl wir damals im ersten Stock mitten in Hamburg wohnten. Freigänger ist ein Wort, das ich erst damals kennengelernt habe, es ist ein Fachbegriff, den man in Tierarztbögen ankreuzt, aber für mich klingt es nach jemandem, der aus dem Gefängnis entkommt.

Das Freigänger- oder Nichtfreigängertum von Katzen wird leidenschaftlich diskutiert, etwa auf Nachbarschaftsplattformen wie nebenan.de, und der Ton wird so rau, dass man sich fragt: Was fasst die Leute da eigentlich so an? Vielleicht ist es schlicht das Wissen, dass man es immer falsch macht. Aber nicht bereit ist, auf ein Leben mit Katze zu verzichten. Gibt es ein gutes Leben für Katzen in der falschen Großstadt?

Die Katze unserer Nachbarn war eine Wohnungskatze. „Das ist die Rasse“, sagten sie und tatsächlich, einmal stand die Tür offen und die Katze blieb stocksteif in der Wohnung sitzen. Ich kann nicht beurteilen, ob man Freiheitsdrang wegzüchten kann, es scheint ja vieles möglich. Vielleicht züchtet man irgendwann ja auch Kinder, die nicht widersprechen.

Nur mit Freigang

Unser Kater war ein Findling, Kind einer verwilderten Hauskatze auf dem Land, die überfahren worden war. Es kam mir absurd vor, ihn in eine Wohnung zu sperren. Als ich Kind war, liefen unsere Katzen frei durch die Gärten und Felder, aber das war nicht in einer Großstadt, sondern in einem verschlafenen Vorort.

Die Tierärztin, zu der wir den Findelkater brachten, sagte, dass sie ihn an eine Familie vermitteln könne. Meine Kinder flehten, dass sie ihn behalten dürfen. „Nur wenn er raus kann“, sagte ich und setzte dabei auf den Garten hinter unserem Haus. Doch die Nachbarinnen, die einen Pflegehund mit dünnem Nervenkostüm hatten, wollten die Katzentreppe nicht im Hintergarten beim Hund, sondern nur vorne. Dort hing sie also, in hundert Meter Luftlinie zu einer mehrspurigen Straße.

Es gibt ein Gedicht von Kurt Tucholsky, der darüber schreibt, dass die Leute eine Villa im Grünen haben wollen, vorne die Ostsee, hinten die Friedrichstraße. Einen Freigängerkater in der Großstadt zu haben, ist ein bisschen ähnlich, aber der Vergleich hinkt: Letzten Endes würde er überfahren, nicht ich. Aber der Kater wurde nicht überfahren. Er wurde groß, ein Kämpfer, der uns, aber auch Fremde gelegentlich anfiel und dann wieder sehr zärtlich wurde. Die Gründe blieben sein Geheimnis.

An den Wochenenden reiste er mit uns aufs Land, wo er eine innige Freundschaft zu dem roten Nachbarkater pflegte, der vielleicht sein Onkel war. Ich glaube, dass er ein schönes Leben führte, bis er sich eines Abends mit gelähmter Hinterpfote die Treppen hochschleppte. Wir ließen ein paar Tausend Euro in der Tierklinik und erfuhren, dass sein Herz zu klein war für seinen großen Körper. „Wäre er ein Mensch, stünde er auf der Transplantationsliste“, sagte die Tierärztin.

Ich ging mit dem Kater zur Krankengymnastik. Krankengymnastik für Tiere schien mir nahe an der Dekadenz, aber ich ging trotzdem mit ihm hin und irgendwann konnte der Kater wieder laufen. Ein paar Monate später starb er.

Vielleicht war es deswegen so schlimm, weil ich das Gefühl hatte, dass wir uns nichts schuldig geblieben sind. Es gab nicht das quälende Hin und Her von uneingelösten Erwartungen und Lücken, die man selbst nicht füllt. Er war mein Schal, das genügte. Vielleicht ist es trotzdem falsch, eine Katze in der Großstadt zu halten.

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