Fußball und Kunst: Feministisches Update für den Gästeblock
Aleen Solaris Ausstellung „Tribute to Bicce“ zeigt in der Kunsthalle Osnabrück eine kluge, kühne Rauminstallation, die für Diversität kämpft.
Kunst und Fußball haben keine große Schnittmenge. Ginge es nach Aleen Solari, würde sich das ändern. Ihre Ausstellung „Tribute to Bicce“ tritt an, „Blasen zu zerstechen“, sagt die Hamburger Künstlerin der taz. „Das sind Welten, die voneinander profitieren können.“
Wer die Rauminstallation betritt, Teil des Jahresprogramms „Raumordnung“ der Kunsthalle Osnabrück, steht vor der Rückfront eines stilisierten Stehplatzgästeblocks, Wellenbrechersicherheitsbügel inklusive, mit originalen „Fotzen“-Stickern drauf. Metallicwurfstreifen warten auf die Kehrmaschine, leergetrunkene Packungen CapriSun Orange, glimmende Pyroreste.
Doch damit hört das Erwartbare auf. Der Block ist in betont weiblichem Rosa gestrichen. Banner und Fahne, wie nach dem Spiel vergessen, zeigen neutrales Friedensweiß. Zu seinen Füßen explodiert, sehr physisch, ein Fanszene-Battle, dessen Kämpfer allesamt verwundet wirken, versehrt.
Aleen Solari: „Tribute to Bicce“. Kunsthalle Osnabrück, bis 11. Oktober
Hier eine Sturmhaube, dort ein skelettierter Fuß. Hände und Gesichter fehlen, Kleidung hängt in Fetzen. Leiber taumeln, verrenken sich wie in Flucht, in Qual. Es wird gerannt, gedroht, angegriffen. Maskulines Dominanzgebaren zeigt sich, Härte, Panzerung.
Aber wer genau hinsieht, sieht die Brüche. Männlichkeit und Weiblichkeit verschmelzen, Martialität und Sanftheit. Hier taucht plötzlich ein verspieltes Bauchnabelpiercing auf, dort ein Hauch von Spitzendessous. Die Marke „The North Face“ wird zu „The North Fotze“.
„Fotze“ steht (als „6otz5“) auch auf den gläsernen Handtaschen im imaginären Cateringbereich, die als Mülleimer für die winzigen Plastikbecher dienen, in denen von Personen betont fluider Geschlechtlichkeit Protein-Shots mit Erdbeergeschmack ausgeschenkt werden – ungekühlt, was kein Vergnügen ist.
Die Häufigkeit, in der dieser sexistische Abwertungsbegriff in der Schau auftaucht, unterstreicht, um was es Solari geht: die Demontage heteronormativer Rollenbilder. Die Fan-Subkultur, mit ihren skurrilen Männlichkeitsritualen und ihrer Ausgrenzungsenge, aber auch mit ihrer Diversität, ihrer Gemeinschafts- und Identitätsstärkung, steht für sie nicht nur für die Gesamtgesellschaft, sondern auch für die Hoffnung auf progressiven Wandel.
Die Engstirnigkeit überwinden
Denn wer ein patriarchales Schimpfwort wie „Fotze“ in emanzipatorischem Aufbegehren als Selbstbezeichnung nutzt, wie es auch im Fußball geschieht, bei Männern wie bei Frauen, raubt ihm seine verletzende Macht. Auch der Titel „Tribute to Bicce“ erklärt sich so. Das altenglische Bicce, das moderne Bitch, bedeutet: Hündin. Ein negatives Wort, zeigt Solari, kann durch Reclaiming zu einem positiven werden, Klischees lassen sich aufbrechen.
Solaris Fußballfans (sie ist selbst einer, im realen Leben) sind aus Drahtgeflecht, Styropor, Metallfolie, Pappe. Grotesk wirken sie, monströs, ungeschlacht, unfertig. Aber gerade deshalb zeigen sie: Zu Füßen des Gästeblocks erstreckt sich ein Möglichkeitsraum, ein Raum der Erprobung neuer Rollen. Klug ist das.
Wer im Gästeblock steht, muss sich mit der Sprache, der Gestik, dem Wertesystem der Gastgeber auseinandersetzen, muss seine eigene Sprache, seine eigene Gestik, sein eigenes Wertesystem überdenken. „Tribute to Bicce“ ist also eine Versuchsanordnung zur Überwindung der Engstirnigkeit.
Ruf nach mehr Vielfalt
Solari fügt dem Jahresprogramm „Raumordnung“ einen sozialen Raum hinzu, als Ruf nach mehr Vielfalt. Das ist herausfordernd.
Warten wir ab, ob die örtliche CDU, die unter Missachtung des Grundrechts der Kunstfreiheit Mitte 2024 provinz-kleingeistig zum Boykott von Sophia Süßmilchs Kunsthallenausstellung „Then I’ll huff and I’ll puff and I’ll blow your house in“ aufrief, wegen angeblich inakzeptabler Groteske und Verstörung, diesmal die Füße stillhält.
Dass „Tribute to Bicce“ während der Fußball-Weltmeisterschaft läuft, ist übrigens „reiner Zufall“, betont Solari. Kleiner Tipp, um hier trotzdem eine Brücke zu schlagen: Die Kunsthalle könnte Nationalspieler David Raum bitten, „Raumordnung“ zu kommentieren. Vielleicht gäbe der linke Verteidiger von RB Leipzig ja einen guten Verteidiger der Kunst ab.
Am Ende eine Warnung: Der Auftakt zu „Raumordnung“ umfasst neben „Tribute to Bicce“ auch Lena Marie Emrichs „I left the window open for you“ und Julia Miorins „Träume von Räumen“. Nur Solari lohnt den Besuch.
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