Modezwang für Fußballexpert*innen: Weiß, weiß, weiß sind alle meine Schuhe
Das Schuhwerk ist nicht nur auf dem Rasen von Bedeutung. Unter Reporter*innen scheint man ohne weiße Sneaker schon verloren zu haben. Warum eigentlich?
Früher hieß es immer, wer im Fernsehen auftrete, sehe auf dem Bildschirm dann automatisch zehn Jahre älter aus. Es ist also durchaus nachvollziehbar, wenn die ganzen Fußballexpert*innen dem entgegenwirken wollen. Es gibt freilich jene, die bar jeder Eitelkeit auch in Lodenhosen und Bergsteigerstiefeln ins Studio gekraxelt kämen, um dort ihre Expertise zum Besten zu geben, aber es werden doch immer weniger.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Stattdessen kleiden sich die Fußballexpert*innen möglichst casual; eine gewisse Tom-Taylor-hafte Lässigkeit soll den Zuschauer*innen ein entspanntes Gefühl von Gardasee vermitteln, die gedeckten, hellen Farben beschwören ein Kreuzfahrtfeeling herauf, das direkt Lust auf einen Appletini machen könnte. Das ist gerade auch deswegen notwendig, weil bei dieser WM symbolisch ja doch einiges im Argen liegt. Über den Kleidungsstil eine gewisse unbekümmerte Unbeteiligtheit auszudrücken, ist für das zu verkaufende Produkt da von entscheidender Bedeutung.
Höhepunkt dieser Einheitskleidung sind die überall ins Bild leuchtenden weißen Sneakers, die offenbar zu tragen neuerdings verpflichtend ist. Sie transportieren eine indifferente Distanz, die die Uneigentlichkeit des Sportexpert*innendaseins spiegelt: Formal handelt es sich ja tatsächlich um Sportschuhe, allerdings hat nur die leere Form überlebt.
Man könnte also sagen, sie laufen auf Wölkchen, die Expert*innen, und tatsächlich zeigen diese Schuhe eine Differenz gegenüber den Sportler*innen an, die die Lässigkeit und Ungezwungenheit ihrer Auftritte aufs trefflichste untermalt: Kein Mensch würde weiße Sneakers auf einem Fußballplatz tragen. Sie wären bereits nach Minuten völlig unbrauchbar. Weiße Sneakers tragen zu dürfen, muss man sich als Fußballer*in also erst mal leisten können. Sie sind sozusagen eine Variante der Krawatte, mit der sich ab den 1920ern die Büroknechte von der Arbeiter*innenschaft abgrenzten.
Das Infantino-Weiß
Sogar Gianni Infantino wurde inzwischen regelmäßig in weißen Sneakers gesehen. Ironischerweise ist gerade bei ihm dabei eben jenes Weiß, das so unbefleckt erscheinen soll, gar nicht so unschuldig, wie es auf den ersten Blick wirkt: farbsymbolisch spiegelt sich hier sehr schön die Palette der französischen Revolutionszeit. Während der Adel – also das Establishment – weiße Seidenkrawatten trug, band sich das Volk bunt leuchtende Baumwolltücher um den Hals – da bekommt die Regenbogenvielfalt des Beinwerks der aktiv Spielenden eine zum Träumen einladende neue Bedeutung.
Jenes Weiß ist auch deshalb nicht so unschuldig, weil gerade die ostentative Lässigkeit an die Eingangsszene von American Psycho gemahnt, der sich derart furchtbar über den gelungenen Farbton der Visitenkarte eines Kollegen aufregt, dass er ihn anschließend grausam zerstückeln muss oder, je nach Interpretation, sich das vielleicht auch nur vorstellt. Die Vorstellung, wie Bastian Schweinsteiger abends am Kamin sitzt, ein Glas Cognac in der Hand, und darüber nachdenkt, wie er Mats Hummels zerlegen könnte, gibt der ganzen Veranstaltung eine zweite Ebene, die sie endlich über das Niveau einer Kinderquizsendung hinaushebt.
Nichtsdestotrotz ist es freilich bedauerlich, dass sich diese Art der Einheitskleidung durchgesetzt hat. Würden denn nicht ein paar leicht angesaute Cowboystiefel Bastian Schweinsteiger auch optisch vom Rest der Bagage abheben? Per Mertesackers Worte hätten in Adiletten sicher noch mehr Gewicht. Und angesichts all der chirurgischen Verbesserungen, die Jürgen Klopp so hat durchführen lassen, wäre niemand geeigneter, den Trend zu Buffalos wieder aufleben zu lassen.
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