piwik no script img

Soziologe über Chancen einer Fußball-WM„Das zeugt noch von einem kolonialen Denken“

Beim Fußball kommen politisch und wertemäßig Unterschiedliche zusammen wie sonst nirgends, sagt der Soziologe und Fußballfan Aladin El-Mafaalani.

Peter Unfried

Interview von

Peter Unfried

taz: Herr El-Mafaalani, boykottieren Sie als kritischer Fußballfan und Wissenschaftler diese WM am Fernseher?

Aladin El-Mafaalani: Nein.

taz: Warum nicht?

El-Mafaalani: Ist das jetzt nicht voll konstruiert? Ich habe nicht gehört, dass irgendwer die WM boykottiert.

taz: Ich nenne mal ein paar Stichworte: Trump, Infantino, schlimmes Geldverdienen, Exklusion an der Grenze und durch Ticketpreise, ökologisches Desaster. Was spricht für diese WM?

El-Mafaalani: Das eine ist eine weitere kommerzielle Zuspitzung: mehr Spiele, höhere Eintrittspreise und so weiter. Das andere hat mit der politischen Situation in den USA zu tun. Das war ja auch klar, dass sich das bei der WM nicht auflöst. Diese Probleme sind da. Aber gleichzeitig reden wir immer noch über Fußball.

taz: Sie werden doch jetzt nicht wie Jürgen Klinsmann oder Uli Hoeneß argumentieren?

Im Interview: Aladin El-Mafaalani

geb. 1978, ist Professor für Soziologie an der TU Dortmund. Er berät Borussia Dortmund in gesellschaftlichen, integrations- und bildungspolitischen Fragen. Zuletzt erschien von ihm: Misstrauensgemeinschaften. Kiwi 2025.

El-Mafaalani: Es geht nicht immer, das Politische herauszuhalten, aber grundsätzlich sollten die politischen Probleme so weit wie möglich als politische Probleme gesehen werden und nicht alle anderen Bereiche auch umfassen. Man kann es vielleicht sogar positiv sehen, dass in dem sportlichen Wettbewerb Nationen sind, die sich auf politischer Ebene nicht so viel zu sagen haben, aber dass so eine WM dennoch funktioniert. Es wäre doch zum Beispiel schlimm, wenn man sich aufgrund von politischen Konflikten in der Wissenschaft oder der Kunst nicht mehr austauschen würde.

taz: Die WM expandiert, weil man statt 32 nun 48 Märkte hat. „Zynisches Geldverdienen“, schreibt der Guardian. Aber das sind halt auch, so Daniel Cohn-Bendits Position, 48 Gesellschaften, die Teil haben an diesem globalen Ereignis. Wo stehen Sie?

El-Mafaalani: Es stimmt beides und alle möglichen Kritikpunkte sind ja an sich berechtigt. Aber ich finde, es gibt in vielerlei Hinsicht auch gute Gründe, sowas auszuprobieren.

taz: Wenn wir jetzt wochenlang die Fifa und ihren Chef Gianni Infantino kritisieren, was bringt das dann real? Hat es zumindest einen aufklärerischen Effekt?

El-Mafaalani: So eine Kritik von Führungskräften finde ich immer sinnvoll, wenn man daraus praktisch ableitet, wie das in Zukunft besser gemacht werden könnte. Und die Fifa zu kritisieren, macht wahrscheinlich rund um die Uhr Sinn.

Man kann es vielleicht positiv sehen, dass in dem sportlichen Wettbewerb Nationen sind, die sich auf politischer Ebene nicht so viel zu sagen haben.

taz: Es nehmen jetzt zehn afrikanische Teams an der WM teil. Mit den 54 afrikanischen Ländern und Geldtransfers an sie baut Infantino seine Macht gegen die Europäer aus. Gut so?

El-Mafaalani: Aus einer europäischen Perspektive ist das nachteilig. Und was das Sportliche angeht, muss man mal abwarten. Tendenziell sollte das Prinzip gelten, dass die Besten spielen sollten. Gleichzeitig würde ich es als Umverteilungsmaßnahme sehen, dass die bisher schwächeren Nationen und Verbände jetzt stärker unterstützt werden, damit sich das vielleicht in Zukunft sportlich mehr angleicht.

taz: Die größere Vielfalt und globale Integration bringt auch politische und gesellschaftliche Kulturen mit sich, die nicht unseren liberal-emanzipatorischen Ansprüchen entsprechen, etwa in puncto Frauen oder Homosexualität.

El-Mafaalani: Eine Fußball-WM sollte im Idealfall ja schon auch die Welt repräsentieren. Das tut sie, wenn die Weltgesellschaft und ihre vielen Millionen Fußballfans durch die verschiedenen Nationen einigermaßen abgebildet sind. Man sollte unbedingt über bestimmte Unterschiede und auch Wertunterschiede sprechen. Aber es ist eben ein interkulturelles, globales Sportfest, bei dem die westlichen Länder nicht mehr dermaßen überrepräsentiert sind, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Es politisch oder im Hinblick auf Werte kritisch zu sehen, dass die Nationen oder die Kontinente einigermaßen abgebildet sind, halte ich für wenig sinnvoll bei einer WM.

taz: Die Frage ist ja im Sinne Ihres Buches „Das Integrationsparadox“, ob die bisher ignorierten Außenseiter jetzt wirklich alle mit am Tisch sitzen und mitmischen oder ob sie nur instrumentalisiert werden von Leuten wie Infantino und Trump?

El-Mafaalani: Vielleicht stimmt ja auch beides, das schließt sich jedenfalls nicht aus. Man muss das weiter kritisch begleiten, wie die Fifa vorgeht und schauen, wie man das verbessern kann. Aber die bisherigen Außenseiter weder mitspielen noch an dem Markt teilhaben zu lassen, noch ihnen eine Stimme in der Fifa zu geben, wäre eine noch schlechtere Alternative. Die Dominanz Europas nimmt sowohl im Sportlichen als auch im Ökonomischen und Politischen ab. Das tut immer ein bisschen weh und gleichzeitig ist es eine nicht so schlaue Lösung, zu sagen, wir wollen es wieder so, wie es im letzten Jahrhundert war. Das ist tatsächlich genauso wie im „Integrationsparadox“ auch.

taz: Bei der letzten WM in Katar gab es nicht nur Empörung über die Arbeitsbedingungen beim Stadionbau und die Menschenrechte, sondern viele fanden es auch daneben, dass im Winter gespielt wurde.

El-Mafaalani: Ich fand das auch nicht so schön, dass die WM im Winter war. Aber es gibt Erdteile, in denen die WM immer schon im Winter stattgefunden hat. Und jetzt war es halt mal andersrum. Die Vorstellung, WM muss in der für uns angenehmen Jahreszeit sein, das ist ein Dominanzverständnis und eine Vorstellung, wie die Welt funktionieren sollte, die auch das letzte Jahrhundert widerspiegelt. Das zeugt noch so ein bisschen von einem kolonialen Denken, dass man selber das Zentrum der Welt ist und der Rest hat sich selbstverständlich anzupassen. Das Gleiche gilt für die Uhrzeit.

taz: Sauerei, Spiel um 4 Uhr nachts.

El-Mafaalani: Ja genau, aber so ist das nun mal. Vielleicht lernen wir nicht nur die Weltgesellschaft, sondern auch unseren Planeten jetzt nochmal neu kennen.

taz: Sie haben gesagt, das Stadion sei einer der wenigen Orte, wo die Unterschiedlichen noch zusammenkommen. Aber damit auch Rassismus oder Homophobie.

Wie die politische Situation im Detail ist in einem Land, das die WM austrägt, sollte fast egal sein

El-Mafaalani: Die politisch Unterschiedlichen mit unterschiedlichen Werteeinstellungen kommen am ehesten im Fußballstadion zusammen. Das ist in der Oper nicht so und auch selten bei Konzerten oder sonstigen Festen, schon gar nicht in vierzehntäglichem Rhythmus. Das halte ich wirklich für eine sinnvolle Eigenschaft des Stadionbesuchs und die soziale Bedeutung von so einem Fußballstadion innerhalb einer Stadt. Das sollte man erstmal positiv zur Kenntnis nehmen und nicht direkt hart kritisieren.

taz: Warum nicht?

El-Mafaalani: Gerade, weil es einer der letzten Orte ist, in dem noch alle sich begegnen, ein grobes, abstraktes gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl erleben und sich in der Regel auch nicht an die Gurgel gehen, sondern es hinbekommen, unterschiedlich zu sein und an der gleichen Sache Freude zu haben.

taz: Die WM 2030 ist – neben Spanien und Portugal – in Marokko, die WM 2034 in Saudi-Arabien. Wir haben neben allem anderen zunehmend eine Übernahme des Fußballs durch autoritäre staatspolitische Interessen.

El-Mafaalani: Nochmal: Wie die politische Situation im Detail ist in einem Land, das die WM austrägt, sollte fast egal sein. Das Land muss einfach ein solches Turnier mit internationalen Gästen umsetzen können, was die Sicherheit angeht, was die Versorgung angeht und so weiter. Sonst müsste man eine Grenze ziehen, die man dauerhaft nicht halten kann, und müsste Kriterien anlegen, die sehr eindimensional aus einer ganz bestimmten Richtung sind. Es ist auch nicht plausibel, warum in der UNO alle dabei sein sollen und warum wir mit fast allen Ländern der Welt Handel betreiben, aber dann sagen, nein, nein, eine WM bei euch, das machen wir nicht. Wenn man ein Kriterium anlegt, dann ist das plausibelste Kriterium hier wieder das sportliche.

taz: Heißt?

El-Mafaalani: Ist das ein Land, wo die Leute sowieso ins Stadion gehen, in dem es eine Fußballkultur gibt? Die muss uns nicht gefallen, aber es gibt sie. Die Stadien sind voll und werden da nicht extra hingebaut wie in Katar. Während des Turniers muss sichergestellt werden, dass es für niemanden Probleme gibt, seien es Frauen, seien es Homosexuelle, dass schwarze Fans kommen dürfen und so weiter und so fort. Aber darüber hinaus sollte eigentlich nur zählen, dass es ein Land ist, in dem Fußball gelebt wird. Und das ist sowohl in Marokko als auch in Saudi-Arabien vollständig erfüllt.

taz: In Saudi-Arabien auch?

Und die Fifa zu kritisieren, macht wahrscheinlich rund um die Uhr Sinn.

El-Mafaalani: Ja. Da gibt es – natürlich durch viel Geld – eine Liga, die fußballerisch wirklich gut ist und eine außergewöhnliche Fußballkultur. Ich gucke mir selber mittlerweile Spiele der saudi-arabischen Liga an. Gute Stimmung, tolle Choreografien Ich finde das spannend, wie das da ist.

taz: Eine beliebte Stereotype der Mediengesellschaft sind die Analogien zwischen Fußball und politisch-gesellschaftlicher Lage. Wenn wir gewinnen, dann läuft es wieder besser in Deutschland. Wenn wir früh ausscheiden, geht vollends alles den Bach runter. Was halten Sie von diesen Analogien?

El-Mafaalani: Also, wenn man Weltmeister wird oder bis ins Halbfinale tollen Fußball spielt, dann gibt es schon so ein bisschen Flow. Dann gibt es wahrscheinlich auch mehr Public Viewing, viele Leute haben eine schöne Zeit und das hat immer ein paar Effekte. Aber das verpufft, glaube ich, auch sehr schnell. Für eine Nation noch schneller als für eine Stadt. Dann sind das nur noch so Erinnerungen, die eher dazu führen, dass die Ansprüche steigen und man dann danach noch mehr meckert.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 130 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • "Es ist auch nicht plausibel, warum in der UNO alle dabei sein sollen und warum wir mit fast allen Ländern der Welt Handel betreiben, aber dann sagen, nein, nein, eine WM bei euch, das machen wir nicht. Wenn man ein Kriterium anlegt, dann ist das plausibelste Kriterium hier wieder das sportliche."



    Das ist der eigentliche Streitpunkt, auch bei Ausschlussverfahren als quasi inversem Pendant des Boykotts.



    Die oft zitierte Kritik auch der bzw in den Qualitätsmedien bezieht sich oft und intensiv auf die Korruption im Sport.



    Diese ist auch in der Wirtschaft ein persistierendes Kardinalproblem.



    www.zeit.de/sport/...fikation-geldgeber

  • Wo bleibt jetzt die Analyse, warum Infantinos FIFA die WM in Wirklichkeit so erweitert hat?



    Ging es da nicht um Stimmenkauf bei einer Vielzahl kleiner bzw. armer Staaten mit Geldern aus den Golfdiktaturen um die FIFA so zu lenken wie es beliebt und nebenbei alle Compliance über Bord zu werfen und in den Staaten dann eher die Korruption zu fördern und alte koloniale Machtverhältnisse, eher bei zu behalten.