Ausstiegsbegleiter über rechte Klienten: „Wir stellen keinen Persilschein aus“
Ausstiegsprogramme sollen Menschen helfen, die aus der rechtsextremistischen Szene aussteigen wollen. Aber woher weiß man, ob jemand es ernst meint?
taz: David A., betreuen Sie Klient:innen auch in laufenden Ermittlungs- und Gerichtsverfahren?
David A.: Nein. Wir nehmen zwar jemanden ins Programm auf, arbeiten aber erst nach Verfahrensabschluss mit ihm. Auf diese Weise vermeiden wir, als Zeugen geladen zu werden.
taz: Warum ist das wichtig?
A.: Als Sozialarbeiter haben wir kein Zeugnisverweigerungsrecht und würden mit einer Aussage vor Gericht unseren Klienten in den Rücken fallen – das zerstört das Vertrauen und damit den Betreuungsprozess. Und wir müssten unseren Klarnamen angeben.
43, heißt eigentlich anders und arbeitet als Sozialarbeiter bei der „AussteigerhilfeRechts“. Das Aussteigerprogramm gehört zum Ambulanten Justizsozialdienst Niedersachsen, eine dem Justizministerium unterstellten Behörde. Es gibt drei weitere Ausstiegsberatungen für Rechtsextremisten in Niedersachsen.
taz: Sie haben einen Tarnnamen und selbst den sollte ich abkürzen.
A.: Aus Sicherheitsgründen. Die rechtsextremistische Szene beobachtet die Ausstiegsprogramme und versucht herauszufinden, wer da arbeitet, um uns mittels Gewalt davon überzeugen zu können, dass wir unsere Arbeit einstellen.
taz: Haben Sie das erlebt?
A.: Bisher nicht, aber wir werden regelmäßig bedroht, mit Anrufen und E-Mails.
taz: Woher wissen Sie, ob ein Klient Sie nicht vielleicht auskundschaftet?
A.: Bauchgefühl und Recherche. Wenn jemand regelmäßig auf Demos geht, ist zweifelhaft, ob der Ausstieg wirklich gewollt ist.
Am Donnerstag wird vor dem Amtsgericht Delmenhorst der Prozess gegen einen 35-Jährigen wegen lebensgefährlicher Körperverletzung fortgesetzt. Er hatte vor einem Jahr einen grünen Wahlhelfer beim Plakatieren angegriffen. Sein Anwalt erklärte am ersten Prozesstag, sein Mandant nehme seit Juli 2025 an einem Ausstiegsprogramm für Rechtsextremisten des Verfassungsschutzes teil.
taz: Die Frage stellt sich auch, wenn jemand im laufenden Verfahren ausstiegswillig wird wie aktuell vor dem Amtsgericht Delmenhorst.
A.: Das ist der andere Grund, warum wir erst nach Verfahrensabschluss mit der Arbeit beginnen. Ein Strafverteidiger setzt alles daran, um das Gericht davon zu überzeugen, dass sich sein Mandant auf dem Weg der Besserung befindet. Aber wir stellen keinen Persilschein aus, damit jemand eine Hafterleichterung oder Bewährungsstrafe bekommt.
taz: Sondern?
A.: Wir wollen eine intrinsische Motivation erkennen können, dass jemand bereit ist, Einstellungen zu überwinden, vergangene Taten zu reflektieren, die Opferperspektive einzunehmen, Ideologien und Biografie zu bearbeiten.
taz: Woran erkennen Sie die?
A.: Wenn es jemandem egal ist, ob er sofort oder erst nach dem Verfahren mit uns arbeiten will, ist das ein gutes Zeichen. Oder wenn ein Bruch in der Biografie erkennbar ist, eine Veränderung im Lebensstil.
taz: Zum Beispiel?
A.: Mindestens 90 Prozent meiner Klienten sind tätowiert mit Motiven aus dem rechtsextremistischen Spektrum. Viele beantworten die Frage, warum sie sich gemeldet haben, damit, dass sie ein Tattoo loswerden wollen. Dann weiß ich, der meint das wahrscheinlich ernst.
taz: Und wenn jemand die Tattoos behalten möchte?
A.: Dann begeht er weiter Straftaten. Wer sich zum Beispiel von den menschenverachtenden Verbrechen der SS nicht distanzieren will und ihre Insignien behält, meint es nicht ernst mit dem Ausstieg.
taz: In dem Delmenhorster Verfahren hat der Anwalt des Angeklagten öffentlich gemacht, dass sich dieser in einem Ausstiegsprogramm des Verfassungsschutzes befindet. Gibt es nicht eine Notwendigkeit, sich vor der Szene zu schützen?
A.: Ja. Deswegen passiert ein Ausstieg mit uns still und leise. Also keine öffentlichen Bekenntnisse oder Auftritte.
taz: Geht das immer?
A.: Schwierig ist es für Leute, die zum Organisationsteam gehört haben. Da fällt das sofort auf, wenn jemand wegbleibt. Dann gibt es Hausbesuche.
taz: Helfen Sie bei Namenswechseln?
A.: Das ist die Ultima Ratio, super langwierig und teuer. Bei den meisten reicht ein Umzug, wenn er notwendig und gewünscht ist.
taz: Und ein neues Leben?
A.: Ja, die rechtsextremistische Szene ist allumfassend und betrifft alle Lebensbereiche: Freunde, Partnerschaften, manchmal Familie, meistens Arbeitgeber. In der Szene kümmert man sich auch um alle Probleme, die jemand haben könnte. Auch deine Freizeit wird mit organisiert. Wenn du das verlässt, stehst du vor einem riesengroßen Loch, das gefüllt werden muss.
taz: Und an der Stelle kommen Sie ins Spiel?
A.: Wir zeigen, wie das alles außerhalb der Szene funktioniert, bis dahin, wo jemand eine neue Partnerin finden kann. Über allem steht: Wie komme ich damit klar, dass ich freitags abends keinen Grund mehr habe, mit meinen Kumpels einschlägige Musik zu hören und mir einen hinter die Binde zu gießen?
taz: Spielt Alkohol eine große Rolle?
A.: Unter anderem. Viele Klienten sind suchtkrank.
taz: Kommen Kaderleute auch zu Ihnen?
A.: Selten. Die führen in der Regel ein gutes Leben, haben Macht, Geld, Anerkennung, Einfluss und selten Repressionen vom Staat zu befürchten, weil sie ihre Leute vorschicken, die für sie Straftaten begehen. So ein Ausstieg ist ein langwieriger, anstrengender Prozess, oft über Jahre – ohne Veränderungsdruck lässt sich da kaum jemand drauf ein. Deshalb ist auch der Widerstand in der Gesellschaft so wichtig.
taz: Wie meinen Sie das?
A.: Wenn wir Haltung zeigen, indem wir menschenfeindlichen und rechtsextremistischen Personen widersprechen, erfahren sie Widerstand, der dazu beiträgt, den Veränderungsdruck auszulösen.
taz: Wie definieren Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?
A.: Wenn jemand mit beiden Füßen auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht. Das gelingt uns oft. Aber natürlich gibt es auch Abbrüche oder Rückfälle, meistens aufgrund der Suchterkrankung.
taz: Woran messen Sie das?
A.: Wenn jemand keine Straftaten mehr begeht, auch nicht mehr Worte, Bilder und Töne mit strafbarem Inhalt konsumiert. Ich werde es aber nicht schaffen, dass jeder seine dunklen Gedanken für immer wegschließt.
taz: Gibt es neben den Suchterkrankungen andere Muster, die Ihnen häufig begegnen?
A.: Wir haben Fälle, bei denen man sich fragt: Wie konnte das passieren? Gutes Elternhaus, Schulabschluss, Berufsausbildung. Aber häufig begegnen uns biografische Brüche, fehlende Vaterfiguren, Enttäuschungen.
taz: Betreuen Sie auch Frauen?
A.: Sehr wenige. Das liegt daran, dass sie in der Szene unterdrückt werden, da kommen wir schwer ran, wir müssen da unsere Konzepte überarbeiten. Allerdings schaffen Frauen den Ausstieg eher alleine als Männer.
taz: Haben Sie manchmal Mitgefühl mit den Klienten?
A.: Nein, diese Menschen entscheiden sich aktiv für die Straftaten. Die kann man mit einer schwierigen Kindheit erklären, aber niemals entschuldigen. Das ist auch wichtig im Kontakt mit dem Klienten: Ihn da nicht aus der Verantwortung zu lassen.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert