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Cosmo-Redakteur*in über Umbau„Ich fühle mich ehrlich gesagt verarscht“

Der WDR möchte den einzigen interkulturellen Radiosender entkernen. Ein*e Re­dak­teu­r*in erzählt anonym, wie es der Redaktion mit dem Umbau geht.

Anastasia Zejneli

Interview von

Anastasia Zejneli

Das Interview wird ohne Klarnamen veröffentlicht, da die Person weiterhin im WDR arbeitet und geschützt über ihre Erfahrung sprechen will. Der Name ist der Redaktion bekannt.

taz: Der Radiosender Cosmo ist der einzige interkulturelle und mehrsprachige Radiosender der ARD. Ein Gemeinschaftsprojekt von WDR, Radio Bremen und RBB, vereint Jour­na­lis­t:in­nen aus über 20 Herkunftsländern. Was gefällt dir an der Arbeit für Cosmo?

Redakteur*in: Was mir besonders an Cosmo gefallen hat, ist der interkulturelle Aspekt. Die Welt wird größer und auch sympathischer, wenn man ihr zuhört. Vor allem im Alltag der Menschen fern der großen Politik. Cosmo ist gestartet als Radiosender Funkhaus Europa und hatte anfangs insbesondere den Anspruch, den europäischen Zusammenhalt abzubilden und zu zeigen, wie verschiedene Kulturen hier in Deutschland zusammenleben. Dann ist der Fokus globaler geworden, auch über Europa hinaus.

Cosmo hat immer einen besseren Blick als andere deutsche Medien darauf gehabt, was gerade in den migrantischen Communitys passiert, und es für sie, aber auch für das deutschsprachige Publikum aufgearbeitet. Das ist auch ein ganz wichtiger Aspekt, den einheimischen Menschen einen Blick über den Tellerrand zu ermöglichen. Dazu kommt, dass Cosmo, was Musik angeht, kein komplett durchformatierter Mainstreamkanal war, der nur schaut, was marktwirtschaftlich funktioniert, sondern sich traut, auch Ungewohntes zu spielen. Uns war es immer ein Anliegen, ein Gegengewicht zum vom anglo-amerikanischen Pop dominierten deutschen Radiomarkt zu bilden und dabei auch lokale Künst­le­r*in­nen zu fördern, mit Migrationsgeschichte und ohne. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass wir früher wesentlich experimentierfreudiger und vielfältiger waren.

taz: 2016 wurde Funkhaus Europa in Cosmo umbenannt. Damit einher gingen auch Sparmaßnahmen. Wie hat das den Sender verändert?

Redakteur*in: Es ging mehr Richtung Dudelfunk. Wir hatten viele Musiksendungen, die alle eingestellt worden sind. Ziel war es, eine größere Durchhörbarkeit zu schaffen. Es ergibt Sinn, Tageszeiten zu haben, wo weniger spezielle Musik läuft, aber die meisten Musiksendungen liefen ohnehin in Randzeiten, am Abend oder am Wochenende. Aber der WDR hat damals schon bewiesen, dass er Musik außerhalb des Mainstreams keine Plattform geben will.

taz: Der WDR-Rundfunkrat wird am Mittwoch über die Zukunft von Cosmo entscheiden, denn der WDR will seine jungen Programme zukünftig unter einer Dachmarke „1Live“ sammeln. Aus Cosmo soll im Zuge dessen „1Live Street“, ein Sender mit HipHop-Fokus werden. Wie groß ist der Unmut in der Redaktion?

Redakteur*in: Das Team ist gespalten, es gibt Personen, die sehr an der Ursprungsidee von Funkhaus Europa, der Mehrsprachigkeit und der musikalischen Vielfalt hängen, andere freuen sich auf etwas Neues. Aber über die schlechte Kommunikation intern und nach außen sind sich fast alle einig.

Die Programmleitung hat im vergangenen Jahr, nachdem es Gespräche über ein mögliches Ende von Cosmo gab, immer behauptet, dass man Cosmo nicht abschalten werde. Wenn nun aber der Name, die Musik, die Mehrsprachigkeit, die Themen, über die wir berichten, und das Personal zu großen Teilen ein anderes ist, dann ist es de facto eine Abschaffung des Senders. Das „Weiterentwicklung“ zu nennen, empfinde ich als ziemlich dreist. Besonders der neue Name, „1Live Street“, wird vor allem von den jungen Mitarbeitenden im Team als rassistisch und klassistisch kritisiert. Warum wird ein interkulturelles, migrantisches Programm auf den Straßenaspekt reduziert? Es gibt doch genug migrantisches Leben außerhalb davon.

taz: Wurde die Redaktion vorher über den Namen informiert?

Redakteur*in: Ein Mitspracherecht des Cosmo-Teams bei der Namensfindung oder anderen grundlegenden Dingen gab es nicht. Wichtige Richtungsentscheidungen werden so kurz vor den Entschlüssen der Gremien bekannt gegeben, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, diese zur Diskussion zu stellen. Das wirkt schon sehr taktisch. Außerdem wird mit dem nur regional etablierten Namen „1Live“ meines Erachtens klargemacht, dass kein Interesse seitens des WDR besteht, weiter überregional mit anderen ARD-Anstalten zusammenzuarbeiten, was ich als sehr schade empfinde.

taz: Ist der Fokus auf HipHop-Musik ein weiterer Schritt, Cosmo massentauglicher werden zu lassen?

Redakteur*in: Das denke ich, ja. HipHop ist an sich ein tolles Genre, es spielt schon lange eine große Rolle bei uns, es ist eine internationale Lingua franca, jedes Land hat seine eigene Version und im besten Sinne ist es eine neue Volksmusik. Aber es geht bei diesem Schritt nicht darum, das Genre zu stärken oder sich ernsthaft damit zu beschäftigen, sondern darum, dass unser Sender mehr Quote erzielt. Der Fokus auf HipHop innerhalb dieser Reform begründet sich im marktwirtschaftlichen Potenzial, es steckt kein kultureller Gedanke dahinter. Es ist auch für mich schon unfreiwillig komisch, wenn der WDR 2026 die „Jugendkultur“ HipHop für sich entdeckt.

taz: Cosmo geht auf die früheren Gastarbeiterprogramme aus den 1960ern zurück. Daher gehören auch heute noch neun muttersprachliche Redaktionen zum Sender. Täglich gibt es Sendungen unter anderem auf Kurdisch, Italienisch, Türkisch oder Polnisch. Nun sollen sie aus dem Radioprogramm verschwinden. Welches Zeichen sendet der WDR damit?

Redakteur*in: Ich empfinde den Umgang mit den fremdsprachigen Redaktionen als respektlos. Wenn man etwas zu Ende bringt, könnte man die jahrelange Arbeit der Redaktionen wenigstens in irgendeiner Form würdigen. Aber ich sehe nicht, dass das irgendwo passiert. Die Programmleitung will die fremdsprachigen Angebote einstellen, weil das öffentliche Interesse zu gering sei. Das liegt meines Erachtens aber vor allem daran, dass der WDR diese Redaktionen seit Jahren sehr stiefmütterlich behandelt und eine positive Entwicklung unmöglich gemacht hat. Wer etwas dermaßen kaputtspart, darf sich nicht wundern, dass es kaum neue Hö­re­r*in­nen gibt. Seit den ersten Sparmaßnahmen 2016 und der Umbenennung in Cosmo hat sich das alles eher angefühlt wie eine Palliativbegleitung, die schlussendlich in einer Abschaltung enden musste und vielleicht auch sollte.

taz: Laut WDR-Pressestelle werden die Angebote auf Kurdisch, Italienisch und Serbisch/Bosnisch/Kroatisch eingestellt. Zu allen weiteren Sprachen gibt es noch einen Austausch mit dem rbb, der diese bisher zulieferte. Dafür soll das türkische digitale Angebot ausgebaut werden. Ist es nicht konsequenter für eine jüngere Zielgruppe, sich vom linearem Programm zu verabschieden?

Redakteur*in: Zunächst einmal sehe ich es sehr kritisch, dass der WDR ein interkulturelles Programm nur noch für eine jüngere Zielgruppe produzieren will. Das entspricht nicht dem Auftrag des Senders nach aktueller Gesetzeslage. Dann geht es ja nicht um die Frage, ob linear oder nicht, sondern ob es diese fremdsprachigen Programme überhaupt noch gibt. Bis auf das türkischsprachige Programm werden ja alle fremdsprachigen Angebote, die vorher Teil von Cosmo waren, komplett gekillt. Viele freie Mitarbeitende, deren Status im öffentlich-rechtlichen System ich, nebenbei bemerkt, arbeitsrechtlich gesehen für höchst fragwürdig halte, verlieren ihre Jobs. Wenn lineares Programm allerdings irgendwo noch zukunftsfähig ist, dann im Radio. Aber es bräuchte eine viel bessere Verknüpfung zwischen linearen und nicht linearen Programminhalten und den Redaktionen, die diese teilweise völlig abgekoppelt voneinander produzieren.

taz: Cosmo erreicht kaum Hörer*innen. Im ersten Quartal 2026 erreichte der Sender 1,3 Prozent der Menschen im Sendegebiet NRW. Dabei hat fast jede vierte Person in Deutschland Migrationsgeschichte. Warum kommt Cosmo nicht an? 

Redakteur*in: Na ja, ich finde schon, dass Cosmo ankommt. 200.000 Menschen täglich allein in NRW sind nicht nichts. Es wäre natürlich schön, wenn mehr zuhören würden. Es fehlt aber an Budget für Werbung und Events. Zu Zeiten von Funkhaus Europa gab es viele Events, die zusammen mit den fremdsprachigen Redaktionen organisiert wurden. Es gab kleine Festivals für italienische, türkische, südosteuropäische Musik, es gab Events zum Zuckerfest. So erreicht man auch eine jüngere Zielgruppe. Aber darum wurde sich seit Jahren nicht mehr gekümmert.

taz: Vor einem Jahr gab es bereits Pläne, Cosmo umzubauen. Damals sammelte die Initiative #savecosmoradio knapp 70.000 Unterschriften für den Erhalt des interkulturellen Senders. Wie fühlt es sich an, ein Jahr später am selben Punkt zu sein?

Redakteur*in: Es tut weh. Die Leitung zeigt sehr deutlich, dass ihr das, was wir gemacht haben in den vergangenen 20 bis 25 Jahren, nichts wert ist. Durch den rhetorischen Kniff, sich nach dem angeblich klaren Bekenntnis zum Sender seitens der Leitungsebene jetzt mit einer „Weiterentwicklung“ herauszureden, fühle ich mich ehrlich gesagt verarscht. Das neue Konzept und der Name sind einfallslos und anbiedernd. Das ist Jugendsprache aus Workshops. Cosmo sei keine Marke, die funktioniert, heißt es. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, bei einem Sender wie diesem Marketinggedanken in den Vordergrund zu stellen. Das Gefühl, das bleibt, ist: Hier wird ein Sender zugemacht, der der quotenfixierten, marktwirtschaftlich orientierten Leitungsebene im WDR schon lange ein Dorn im Auge oder bestenfalls egal war. Natürlich misst sich Relevanz auch in Zahlen. Aber sie dürfen nicht der einzige Maßstab sein.

taz: Wie hätte Cosmo stattdessen weiterentwickelt werden können?

Redakteur*in: Meine Idealversion eines Programms wie Cosmo wäre ein unverkrampftes, unterhaltsames und informatives interkulturell ausgerichtetes Programm, das versucht, Brücken zu bauen. Und das Mut zum Experiment zeigt. Das Fehler erlaubt und verzeiht. Ich hatte lange das Gefühl, mit diesem Programm etwas zu einem lebenswerteren, inklusiveren Deutschland beitragen zu können. Teil von etwas zu sein, das die Gesellschaft tatsächlich verbessern kann. Das ist heute nicht mehr der Fall. Wenn wir die Fahne nur nach dem Quotenwind hängen, können wir den Laden auch zumachen.

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