Ein Bafög-Brief an Dorothee Bär: Von wegen schönste Zeit des Lebens
Wer unprivilegiert studiert, ist auf Bafög angewiesen. Nicht, um sich ein nettes Leben zu machen. Sondern, weil man sonst zerquetscht wird.
Liebe Frau Bär,
geht’s noch? Studierenden pauschal unterstellen, dass sie privilegiert sind? Deswegen die Bafög-Reform abblasen? Sagen, die sollten einfach ein bisschen jobben, die faulen Studis? Ihre Aussage ist realitätsfern. Drei von vier Studierenden jobben sowieso schon, unabhängig davon, ob sie BaföG erhalten oder nicht.
Kennen Sie überhaupt die Rahmenbedingungen von Bafög, Frau Bär? Ihre Aussagen lassen daran zweifeln. Sie sagen, es sein kein Drama, wenn Studis neben dem Lernen jobben. Dabei ist der Nebenjob für viele Studis eine Notwendigkeit, um sich die steigenden Lebenskosten sowie die Miete für ein WG-Zimmer überhaupt leisten zu können. Bricht dann der prekäre Nebenjob weg, schlittert der Student trotz Bafög, sofern er keine unterstützende Familie hat, in eine finanzielle Notlage.
Bafög-Empfänger erhalten eine Wohnungskostenpauschale: Selbst wenn diese, wie geplant, von 380 Euro im Monat auf 440 Euro im Monat angehoben würde, reicht das den meisten nicht – denn im Durchschnitt (!) legen Studierende in Deutschland 2026 512 Euro für ein WG-Zimmer hin – in einigen Städten sogar 700 bis 800 Euro.
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Dann ist die Lebenszeit weg
Beim Bafög-Höchstsatz von 992 Euro bleiben also, wenn man Miete, Kranken- und Pflegeversicherung (137 Euro) abzieht, rund 350 Euro zum Leben – ein bisschen mehr als 10 Euro pro Tag –, und dann hat man noch nicht gegessen, sein Monatsticket bezahlt, die kaputte Waschmaschine ersetzt, den Laptop repariert. Daher ist der 603-Euro-Minijob für viele keine Option, sondern Notwendigkeit – schon jetzt. Selbst die geplante Reform wäre nur eine Krücke – die jedoch einige bedürftige Studierende genug stützen könnte, um von den steigenden Lebenskosten nicht vollkommen zerquetscht zu werden.
Wer auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, der überlegt sich gut, ob er diesem Druck standhält. Denn sollte man zu langsam studieren oder aus anderen Gründen das Bafög gekürzt bekommen, ist die Lebenszeit, das Karriereziel erst mal weg. Dies sind Gedanken, die unprivilegierte Studierende während der Studienzeit plagen.
Und ob jemand neben einem stressigen Jura-, Lehramts- oder Medizinstudium nach einer durch die Pandemie zerfledderten Abizeit die Nerven für einen Nebenjob hat, steht auf einem anderen Blatt – und sollte nicht von oben herab von Ihnen bestimmt werden.
Ein Beleg dafür, dass ein Studium in Deutschland immer noch ein Privileg ist, ist die Quote von Nichtakademikerkindern an der Uni. Klar, nicht alle Arbeiterkinder sind arm, aber die Wahrscheinlichkeit liegt da höher.
Ein Gegenvorschlag
Und die Quoten von Akademiker- und Nichtakademikerkindern, die studieren, machen traurig: Laut Hochschulbildungsreport machen von 100 Nichtakademikerkindern 15 einen Bachelor zu Ende und 7 einen Master – bei Akademikerkindern erreichen 63 einen Bachelor- und 45 einen Masterabschluss. Die „Dunkelziffer“ ist dabei die große Zahl der jungen Menschen, die aufgrund der fehlenden finanziellen Möglichkeiten schon jetzt kein Studium erwägt.
Ich habe einen Gegenvorschlag für Sie, liebe Frau Bär: Schaffen Sie den riesigen Bafög-Apparat mit kleinteiligen Anträgen und unzähligen Bafög-Beamten ab. Investieren Sie die so freigewordenen Ressourcen in eine unbürokratische Grundeinkommenslösung für Studierende, von mir aus auch unbürokratische Studiendarlehen oder einfache, automatisierte Anträge. Es wäre möglich, dies umzusetzen.
Die Schweden machen vor, wie es gehen könnte: CSN, ein Studienkredit, der sich relativ bürokratielos digital beantragen lässt und von dem nur 70 Prozent zurückgezahlt werden müssen – und zu dem man sich dann noch etwas dazuverdienen, sich absichern kann. So etwas sorgt für Fairness, dafür dass Studierende nicht nur überleben, sondern sich während des Studiums auf das konzentrieren können, was eigentlich in ihrem Fokus sein sollte: das Studium, ihre Zukunft.
Damals, als ich als Halbwaise und armutsbetroffenes Arbeiterkind mein Bachelorstudium begann, vergoss ich viele Tränen, aus Angst und Sorge. Angst, irgendwas beim Antrag falsch zu machen. Sorge, bis der Antrag nach Wochen bewilligt war. Sorge, dass ich zu langsam studiere, weil ich nebenbei arbeiten und unbezahlte Praktika machen musste. Und vor und nach diesen Pflichtpraktika für eben unbezahlte Zeit Lohn vorarbeiten musste.
Sie löste immensen Druck in mir aus, diese gern romantisierte „schönste Zeit des Lebens“. Für diejenigen, die unprivilegiert studieren, beginnt die „schönste Zeit“ nämlich oft erst nach dem Studium, mit dem Job – wenn man endlich seine Zeit nicht zwischen Nebenjobs und Studium aufteilen muss und trotz Arbeit nicht mehr die ganze Zeit mittellos ist, sondern man einfach einer Arbeit nachgehen kann, die ausreichend honoriert wird.
Ich wünsche Ihnen, Frau Bär, dass Sie nie die Sorgen und Ängste durchstehen müssen, die all die unprivilegierten Studis durchstehen müssen, die Sie mit Ihren Aussagen diskreditiert haben.
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