Förster über Waldbrände in Spanien: „Als ob wir Benzinfässer aufgestellt hätten.“
In Spanien nehmen extreme Waldbrände zu, auch aufgrund des Klimawandels. Es ist mehr Geld für die Vorsorge nötig, sagt der Förster Xosé Santos.
taz: Im vergangenen Jahr haben in Spanien Wälder gebrannt wie nie zuvor. Wie fällt die Bestandsaufnahme für den Sommer 2025 aus?
Santos: Die Daten des Überwachungssystems Copernicus zeigen Folgendes: Eine Million Hektar brannten vergangenen Sommer in der Europäischen Union. Fast 40 Prozent davon alleine in Spanien und von diesen 380.000 Hektar mehr als ein Drittel in Galicien. Davon wiederum fast 90 Prozent in der Provinz Ourense, wo ich mich befinde. Insgesamt können wir sagen, dass sich der Großteil der betroffenen Flächen im Norden der Iberischen Halbinsel befindet: im Norden Portugals, in Galicien, Asturien, León und Kantabrien.
taz: Welche Folgen für die Natur hatte das?
Santos: Es brannten ganze Ökosysteme im Gebirge. Das waren die wichtigsten Ökosysteme in Galicien und im gesamten Norden. Dies betrifft einen wichtigen ökologischen Korridor entlang der Gebirgszüge am Kantabrischen Meer von der Region Kantabrien bis nach Portugal. Dort breitete sich die Fauna wieder aus. Zum Beispiel wanderte darüber nach über 80 Jahren der Braunbär wieder aus Asturien nach Galicien ein. Dieser Korridor existiert nicht mehr. Bis er sich erholt, können bis zu 50 Jahre vergehen.
taz: Wie lange braucht verbranntes Land, bis es sich regeneriert?
Santos: Für einen durchgehenden Bewuchs 20, 25 Jahre. Bis das Ökosystem sich komplett erholt, um die 40, 50 Jahre. Ein Zentimeter fruchtbarer Boden entsteht in 100 Jahren.
taz: Welche Maßnahmen wurden nach einer Katastrophe von einem solchen Ausmaß getroffen?
Santos: Leider muss ich sagen: so gut wie keine. Ich gehöre dem Waldrat Galiciens an. Das ist eine Einrichtung, in der Vertreter der Forstwirtschaft, der Förster, der Bewohner der bewaldeten Regionen und der Zivilgesellschaft sitzen, um die Verwaltung zu beraten und um von der Verwaltung konsultiert zu werden. Die erste Sitzung nach den Bränden im vergangenen Sommer fand am Freitag vor der Osterwoche statt. Und das, obwohl wir seit September 2025 eine solche Sitzung verlangen, um auszuwerten, was passiert war und wie wir uns künftig vorbereiten können. Die Regionalregierung Galiciens hat keinerlei Untersuchungen durchgeführt, keine Analysen erstellt. Wie sollen wir die Forstpolitik an die neuen Gegebenheiten anpassen, wenn wir uns nicht zusammensetzen, um zu untersuchen, was 2025 geschehen ist? Wie Albert Einstein sagte: Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.
taz: Woran fehlt es: an Finanzierung?
Santos: Tatsächlich nehmen die Haushaltsposten für die Waldbrandbekämpfung zu. Es werden auch dieses Jahr wieder neue Hubschrauber und Löschflugzeuge angeschafft. Aber das genügt nicht. Wir brauchen Vorsorge und Reaktion, um nicht in eine Spirale von mehr Waldbränden, mehr Löschgerät, wieder mehr Waldbränden, noch mehr Löschgerät zu verfallen. Während in den 1960er und 1970er Jahren 60 Prozent für die Löscharbeiten ausgegeben wurden und über 30 Prozent für Vorsorge, sind es mittlerweile über 90 Prozent für Löscharbeiten und unter zehn Prozent für Vorsorge.
taz: Wo fehlt es bei der Vorsorge?
Santos: Der Wald ist ein Lebewesen, um das wir uns ständig kümmern müssen und nicht nur punktuell. Wir müssen uns an die neuen klimatischen Bedingungen anpassen. Dieses Jahr hat es bereits vor Frühlingsbeginn im Kantabrischen Gebirge gebrannt. Auch hier in Galicien fängt es schon wieder an. Das war vor 15, 20 Jahren undenkbar.
taz: Warum jetzt?
Santos: Ein Grund ist die Landflucht. Bis in die 1970er Jahre lebte rund die Hälfte der Bevölkerung Galiciens im ländlichen Raum. Jetzt sind es gerade noch 10 Prozent. Als die ländlichen Regionen bevölkert waren und genutzt wurden, gab es das, was wir hier Mosaiklandschaft nennen. Wälder wurden von Weiden und Gärten und Äckern rund um die Dörfer abgelöst. Die Tiere auf den Weiden hielten das Unterholz kurz. All das unterbrach die Wälder und das Gestrüpp, schuf eine Barriere gegen Brände. Jetzt ist alles verwildert, und das Feuer kann sich überall ausbreiten.
taz: Wegen der riesigen Flächen ohne Unterbrechung geraten die Feuer immer öfter außer Kontrolle?
Santos: Im Winter, im Frühjahr und auch in normalen Sommern können wir die Brände schnell löschen. In trockenen Sommern wie 2025 nicht mehr. Es sind riesige Feuer, die sich ganz schnell ausbreiten und eine Eigendynamik entwickeln, ein eigenes Klima, eigene Winde. Sie können nicht gelöscht werden. Die einzige Möglichkeit – wenn überhaupt – ist es, Hunderte von Hektar zu opfern, um dort Gegenfeuer zu entfachen, um dem Hauptfeuer die Nahrung zu nehmen.
taz: Es brennt zusehends dort, wo es eigentlich feucht ist, wie etwa in Galicien oder mittlerweile selbst in Mittel- und Nordeuropa. Welche Rolle spielt dabei der Klimawandel?
Santos: Der Regenfall hat sich verändert. Es regnet wesentlich mehr im Winter, und die Sommer sind immer trockener. Das führt dazu, dass im Frühjahr die Vegetation sehr schnell und sehr stark wächst, im Sommer trocknet sie aus und bietet dem Feuer mehr Nahrung als bisher. Früher wurde die Vegetation außerdem von den Viehherden kurz gehalten. Heute wachsen die Tiere in riesigen Ställen auf und nicht mehr auf dem Feld. In Galicien beobachten wir außerdem, wie sich der Teil im Landesinneren, der ein eher mediterranes Klima hat, immer mehr ausbreitet und der atlantische Teil trockener und kleiner wird. Kastanien und Eichen leiden unter den hohen Temperaturen und verlieren oft schon im August das Laub.
taz: Wie kann eine brandverhütende Vorsorge aussehen? Wir können ja schlecht Leute einstellen, damit sie Mosaiklandschaften anlegen und pflegen.
Santos: Wir brauchen mehr Geld für Vorsorge und nicht nur für Löscharbeiten. Galicien gibt 200 Millionen Euro im Jahr gegen Waldbrände aus, aber fast ausschließlich für die Löschtrupps. Auch ohne Mosaiklandschaft müssen wir versuchen, die Landschaft zu unterbrechen, den Bewuchs zu unterbrechen, damit sich Feuer nicht so schnell ausbreiten können.
taz: Forstpolitik ist auch Wirtschaftspolitik. Was läuft dabei schief?
Santos: Die Forstpolitik ist tatsächlich eines der Hauptprobleme. Wir haben immer mehr Monokulturen, seien es Kiefern oder Eukalyptusbäume. Sie haben in weiten Teilen den traditionellen Mischwald verdrängt. Kiefern und Eukalyptus brennen viel leichter. Es ist so, als ob wir Benzinfässer überall verteilt aufgestellt hätten. Ich sage nicht, dass wir keine Kiefern für die Holzindustrie anbauen sollen, aber kontrolliert, und das Gleiche gilt für Eukalyptus für die Papierindustrie. Wir brauchen einen entsprechenden Forstplan, eine langfristige Planung der Wälder. Der Forstplan Galiciens von 1992 sieht bis zum Jahr 2030 250.000 Hektar Eukalyptus vor. Es ist bereits heute fast das Doppelte. Wir brauchen eine nachhaltige Forstwirtschaft. All das – die Landflucht, fehlende Nutzung für Landwirtschaft und Viehzucht, die mangelnde Forstwirtschaft und der Klimawandel führt dazu, dass wir Wälder haben, die sehr leicht brennen.
taz: Wird 2026 ein gutes oder ein schlechtes Jahr werden?
Santos: Das liegt leider nur an einem. Ob es im Sommer immer mal wieder regnet oder ob der Sommer so trocken ist wie 2025. An der Politik der Regionalregierung liegt es ganz sicher nicht.
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