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Finanzierung nicht ausreichendDeutschlands größte Jugendsuchtklinik macht dicht

Viele suchtkranke Kinder und Jugendliche müssen künftig in Kliniken für Erwachsene therapiert werden – aus wirtschaftlichen Gründen.

Bundesweit größte Reha-Klinik für suchtkranke Kinder und Jugendliche schließt: Auch Social-Media-Sucht wurde dort behandelt Foto: Elisa Schu/dpa

dpa/taz Das Ringen um den Fortbestand der bundesweit größten Fachklinik für suchtkranke Kinder und Jugendliche ist vorbei. Die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik im niedersächsischen Ahlhorn bei Oldenburg stellt zum 30. Juni den Betrieb ein, weil die Deutsche Rentenversicherung (DRV) keine höheren Tagessätze zahlen will. Träger der Klinik ist das diakonische Leinerstift. Sein Geschäftsführer Wolfgang Vorwerk sprach am Montagabend von „Systemversagen“ und einer „Katastrophe für die betroffenen Kinder und Jugendlichen und die Bundesrepublik Deutschland“.

Der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Hendrik Streeck (CDU), kritisierte am Montagabend die kompromisslose Haltung der Rentenversicherung. Deutschland gebe täglich 1,3 Milliarden Euro im Gesundheitswesen aus. „Und wir scheitern hier an 200 Euro pro Tag pro Kind.“

Bundesweit nur noch 25 Plätze für Minderjährige

Die Klinik ist eine medizinische Nachsorgeeinrichtung. Sie hat bisher Kinder- und Jugendliche aufgenommen, die eine Suchttherapie hinter sich gebracht haben und bei denen verhindert werden sollte, dass sie rückfällig werden. Nach Angaben des Leinerstifts gibt es in ganz Deutschland nur 85 solcher Reha-Plätze für Kinder und Jugendliche. Mit der Bonhoeffer-Klinik fallen 60 davon weg.

„Es bleiben uns 25 Plätze“, sagt Streek. Zwar spreche die DRV von 450 Plätzen in Deutschland, doch weigere sie sich, ihre Zahlen zu erklären und die Kliniken zu benennen.

Am Freitag habe die DRV erneut angeboten, die bisherigen Sätze weiterzuzahlen, wenn die Klinik „ein überarbeitetes, tragfähiges und wirtschaftliches Konzept“ vorlege. Laut Vorwerk ist es aber nicht möglich, den Betrieb bei den bewilligten Sätzen kostendeckend und therapeutisch angemessen weiterzuführen. Die besonderen Bedarfe der Betroffenen erkenne die DRV nicht an.

Fachklinik künftig Jugendhilfeeinrichtung

Aus der Fachklinik solle nun eine Jugendhilfeeinrichtung werden, in der bis zu 22 Jugendliche mit Abhängigkeitserkrankungen betreut werden, sagte Vorwerk. Geplant seien Wohngruppen mit niedergelassenen Therapeutinnen und Therapeuten. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Oldenburg werde die medizinisch fachliche Versorgung übernehmen.

„Aber ich möchte sehr deutlich sagen: Das ist kein adäquater Ersatz für das, was wir bisher hier getan haben“, sagte Vorwerk. Es fehle künftig die vollumfängliche ärztliche und therapeutische Versorgung rund um die Uhr, die eine Rehabilitationsklinik übernehmen könne.

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