Die Wahrheit: Betagte Weißkittel
Erfahrene Ärzte und Ärztinnen sind eine Wohltat für Patienten, wenn sie nicht gerade während der Behandlung sanft entschlummern.
A n betagten Ärzten und Ärztinnen gibt es absolut nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Dass zum Beispiel meine 81-jährige Gynäkologin mehr Mösen gesehen hat als Rocco Siffredi, fand ich immer beruhigend. Bei dem weißhaarigen Allgemeinmediziner jedoch, der mich letzte Woche mit einem ersterbenden „Der Nächste, bitte“, das im ersten Augenblick wie „Der Letzte, bitte“ klang, in sein Sprechzimmer rief, wollte sich das Sicherheitsgefühl nur schwer einstellen.
Vielleicht lag es an seinem kopfgehalterten Stirnspiegel, den ich aus einem Dokumentarfilm über das Leben von Rudolf Virchow kenne. Oder an seinem in Frakturschrift verfassten Diplom an der Wand, auf dem ich flüchtig die Worte „Kaiserlicher Medizinalrat“ zu erhaschen meinte. Oder daran, dass er sich gar nicht mehr extra nach vorn beugen musste, um in meinen von Schluckbeschwerden geplagten Rachen zu schauen. Oder daran, dass die verschrammte, metallene Diagnostik-Stablampe, mit der er in meinen wehen Hals leuchtete, in seinen gichtigen Fingern so sehr zitterte, dass sie mir fast einen Schneidezahn ausschlug.
Schemel unter Holzschnitt
Immerhin schien er etwas diagnostiziert zu haben, denn er setzte sich sogleich an eine analoge Schreibmaschine und begann, langsam und zerstreut Buchstabe für Buchstabe vor sich hinzutippen. Ich hockte mich auf einen Schemel unter einem recht düsteren Hans-Folz-Holzschnitt mit dem Titel „Pestarzt öffnet eine Beule“, goss mir aus einem Wasserkrug etwas in ein eigenartiges kleines Glas, das keinen geraden, sondern einen gewölbten Boden hatte, und studierte beim Warten die beeindruckende medizinische Fachbibliothek, unter anderem ausgestattet mit Standardwerken über die Viersäftelehre, einem Buch über die „Miasma-Theorie“ und Sigmund Freuds mehrbändigen Publikationen zur weiblichen Hysterie.
Nach einer Weile verstummte das Tippen, und ich stellte fest, dass der Arzt eingeschlafen war. Weil er auf mein Rütteln nicht reagierte, nahm ich ein Hörrohr vom Tisch und brüllte „Hallo?!“ in seine wuchernde Ohrbehaarung. Doch der alte Mann murmelte nur etwas vor sich hin, was wie „Ubi pus, ibi evacua“ klang, und schlummerte weiter. Ich zog das glücklicherweise anscheinend fertiggestellte Rezept aus der Schreibmaschine und begab mich zurück ins Wartezimmer.
Die Sprechstundenhilfe, die sich gerade kunstvoll eine weiß gestärkte Haube festband, fragte hilfsbereit, ob sie mir Adressen für Aderlass-Praxen mitgeben sollte, sie könne mir ein paar vertrauenswürdige Kollegen empfehlen, nur wenige Kutschenminuten entfernt, einer von ihnen, ein gewisser Dr. Eisenbarth, sei auch erfolgreich als Starstecher tätig und habe ihr persönlich in den letzten 70 Jahren schon diverse Male den Katarakt gestochen. Das überzeugte mich. Vielleicht sollte ich dennoch vorher lieber noch ein bisschen zu diesem Dr. Eisenbarth recherchieren. Ich hoffe nur, dass er auf Jameda ist.
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