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Klimademo in HamburgRaus aus der linksgrünen Bubble

In Hamburg demonstrierten am Samstag 15.000 Menschen für die Energiewende und gegen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wegen ihres fossilen Kurses.

Sehnsucht nach dem Wirtschaftsminister, der Deutschland gut durch die Energiekrise zu Beginn des Kriegs gegen die Ukraine brachte Foto: Georg Wendt/dpa

Rund 15.000 Menschen haben am Samstag am Hamburger Jungfernstieg für die Energiewende protestiert. Gleich zu Beginn weisen die Moderatorinnen auf das breite Bündnis hin, das die Demonstration organisiert hat: „Wir stehen hier nicht nur mit Klimaschützer:innen, sondern auch mit Mie­te­r:in­nen und Menschen aus der Energiebranche.“

Raus aus der linksgrünen Bubble, erneuerbare Energien als Thema für alle: Quantitativ ging die Strategie auf. Beim letzten Klimastreik in Hamburg im November waren es laut Fridays for Future nur etwa 1.000.

Damals war allerdings die weltpolitische Lage eine andere. Seit dem Beginn des Irankriegs erkennen immer mehr Menschen Öl und Gas als „Sicherheitsrisiko“, wie es Constantin Zerger von der Deutschen Umwelthilfe in seiner Rede ausdrückt. „Eine Wärmepumpe muss nicht durch die Straße von Hormus transportiert werden, und für Batteriespeicher und Windräder hat noch nie ein US-Präsident einen Krieg angezettelt“, ruft er der Menge entgegen.

Mehr noch als durch sicherheitspolitische Fragen scheinen die Menschen in Hamburg jedoch durch ein gemeinsames Feindbild zusammenzufinden. Als Zerger die Wirtschaftsministerin erwähnt, hallen erste Buhrufe über den Platz. „Was haltet ihr von Katherina Reiche?“, fragt er und erntet laute Pfiffe und „Reiche muss weg“-Sprechchöre. Aus der Menge ragen Schilder mit Sprüchen wie „Reiche hinter Gitter“, „Die Gashexe muss weg“ oder „Kein Profit für Reiche und Scheiche“.

Zum ersten Mal auf einer Demo

„Ich finde, es ist höchste Zeit, dass so Leute wie Reiche keine Politik mehr machen“, sagt Barbara Klietz. Die 61-jährige Krankenschwester ist aus Hannover angereist. Es ist nicht ihre erste Klimademonstration, doch dieses Mal ist etwas anders. Es seien mehr Menschen aus ihrer Generation dabei, sagt Klietz. Tatsächlich ist das Alter der Demonstrierenden augenscheinlich durchmischter als bei den meisten Fridays-for-Future-Aktionen.

Wirtschaftsministerin kriegt ordentlich was ab: Schild auf der Klimademo in Hamburg Foto: Georg Wendt/dpa

„Das ist meine erste Demo überhaupt“, sagt Werner Hladil, während sich der Demozug in Bewegung setzt. Neben ihm geht Werner Bodora. Die beiden Rentner haben sich eben erst kennengelernt, nun marschieren sie gemeinsam durch die Mönckebergstraße. Bodora war schon einmal demonstrieren. Vor mehr als sechzig Jahren.

Was hat die beiden heute auf die Straße gebracht? „Es ist einfach unerträglich, zuzugucken, wie die Energiekrise mit Füßen getreten wird“, sagt Hladil. Er selbst habe bereits 2004 seine erste Photovoltaikanlage aufs Dach gebaut. Mittlerweile sei er in guten Monaten zu 95 Prozent energieautark.

Geschichten wie seine hört man unter den Demonstrierenden immer wieder. Viele, die heute zum ersten Mal auf der Straße sind, erzählen von guten Erfahrungen mit der eigenen Wärmepumpe, dem E-Auto oder der PV-Anlage auf dem Dach. Im Privaten ist die Energiewende längst angekommen. Zumindest bei denen, die es sich leisten können.

Zu verdanken ist das auch Handwerkern wie Michael Hoppe. 1996 habe er seine Ausbildung im Betrieb seines Großvaters gemacht, erzählt er auf der Demo-Bühne. „Ich habe nicht gewusst, welche Verantwortung auf mich zukommt, wenn ich Heizungsbauer werde.“ Bald habe er jedoch verstanden, dass Öl und Gas endliche Ressourcen sind. „Wir wissen seit dreißig Jahren, dass wir aufs falsche Pferd setzen“, sagt er aufgebracht, „und heute versuchen wir das tote Pferd zu satteln, ihm einen neuen Namen zu geben und wieder in Bewegung zu setzen.“ Noch immer heize der Großteil der Deutschen mit fossilen Energieträgern.

Gegen Ende der Schlusskundgebung verkünden die Moderatorinnen unter dem Jubel der Demonstrierenden, insgesamt seien 80.000 Menschen bei den Demonstrationen in Berlin, Hamburg, Köln und München zusammengekommen.

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