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Kontroll-App für Social MediaKapitulation vor der Realität

Anna Klöpper

Kommentar von

Anna Klöpper

Die EU präsentiert eine Alters-App für Social Media. Sie hat wohl die Hoffnung aufgegeben, die Tech-Konzerne direkt in die Verantwortung zu nehmen.

Henna Maria Virkkunen, EU-Kommissarin für technische Souveränität, Sicherheit und Demokratie Foto: Omar Havana/AP/dpa

W enn Probleme kompliziert sind, sollten einfache Lösungen misstrauisch machen. Zum Beispiel die Debatte um den Social-Media-Konsum für Jugendliche: Seitdem Australien eine Altersbeschränkung eingeführt hat, ziehen andere Länder nach. Frankreich plant ein Verbot bis zum Alter von 15 Jahren. Spanien, Italien, Griechenland und weitere Länder treiben ähnliche Gesetzentwürfe voran. In Deutschland will eine von CDU-Bildungsministerin Karin Prien eingesetzte Ex­per­t:in­nen­kom­mis­si­on zum Thema am Montag eine „Bestandsaufnahme“ vorlegen, die bis Ende Juni in konkrete Empfehlungen an die Politik münden soll.

Bestandsaufnahme, das lässt hoffen: nämlich darauf, dass man über vermeintlich einfache Lösungen wie die Altersbeschränkung hinaus nachdenken wird. Für die auf EU-Ebene gerade die entsprechende Technik vorgestellt wurde; die zeitliche Nähe mag Zufall sein oder auch nicht. Mit der App zur Altersverifikation, die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bejubelt, sollen Länder die Verbote, die sie nun so eifrig entwickeln, bald auch technisch umsetzen können. Von der Leyen nennt die App „eine innovative Lösung für ein neues Problem“, und erinnert im selben Atemzug an die Corona-Pandemie: Damals habe man auch ganz schnell eine passende App entwickelt.

Dieser Vergleich sagt sehr viel: Social-Media-Konsum als pandemische Krankheit, für die man nur die richtigen Tools braucht, und dann ist alles wieder gut. Das eine ist, dass man damit offenbar die Hoffnung aufgegeben hat, die Tech-Konzerne direkt in die Verantwortung zu nehmen – die laut dem Digital Services Act der EU bereits dazu verpflichtet sind, das Alter der Nut­ze­r:in­nen zu überprüfen. Sie tun es nur nicht. Das andere ist, dass die Frage, wie wir auf Social Media miteinander leben wollen, sicher eine der großen Fragen unserer Zeit ist. Altersbeschränkungen per Gesetz sind eine Kapitulation vor der Realität auf den Plattformen. Vielleicht finden wir ja noch bessere Antworten.

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Anna Klöpper
Leiterin taz.eins
Seit 2011 bei der taz. Leitet gemeinsam mit Sunny Riedel das Ressort taz.eins. Hier entstehen die ersten fünf Seiten der Tageszeitung, inklusive der Nahaufnahme - der täglichen Reportage-Doppelseite in der taz. Davor Ressortleiterin, CvD und Redakteurin in der Berliner Lokalredaktion. Themenschwerpunkte: Bildungs- und Familienpolitik.
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20 Kommentare

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  • Laut heise online konnte zwei Sicherheitsforscher unabhängig voneinander die vorgestellte App hacken oder umgehen. Es wird keinen anonymen Weg geben im Internet das Alter nachzuweisen.

    • @tehabe:

      Der erste Hack bestand darin herauszufinden, dass die PIN für den Zugang zur App selbst verschlüsselt auf dem Gerät gespeichert wird und so für Angreifer mit root-Zugriff auf das Gerät manipulierbar sind. Das lässt sich durch eine serverseitige Speicherung und zwar nicht verschlüsselt sondern als kryptographischer Salted-Hash recht einfach beheben beheben. Das ist IT-Sicherheit für Anfänger.



      Der zweite "Hack" besteht in dem Einwand, dass die App von Anderen benutzt werden könnte. Der mögliche Verlust oder Diebstahl ist aber ein Grundproblem von jeglichen Passwörtern, Schlüsseln, Token, etc. Um das auszuschließen bräuchte es biometrische Verfahren.



      Beides aber berührt nicht die Anonymität, hier ist eher das Problem, dass die EU-App lediglich auf Pseudonymisierung setzt. Echte Anonymität wäre aber durchaus erreichbar, etwa durch eine an Kerberos angelehnte Architektur die mit anonymen, dienstunabhängigen Tickets arbeitet. Die technischen Grundlagen dafür sind älter als das Internet selber.

  • Es geht wohl auch weniger um Social Media, sondern um, nun ja, -Pornowebseiten.

    Deshalb ja auch die Betonung und Zielsetzung, dass das System keine pers. Daten übermittelt.

    Überall wo eine effektive Altersprüfung solcher diskutiert wurde, wie z.B. in Großbritannien, waren die Bedenken und der Gegenwind, dass eine solche zu zu großen Datenschutzrisiken auch für Erwachsene führen würde nämlich sehr groß, oder teilweise so groß, dass sie sogar zum Verwerfen entsp. Pläne geführt haben.

  • Verlangsamung des Scrollens. Alter unabhängig und für Kinder sehr langsam. Das wäre ein Hebel der am Grundproblem der social Media Apps ansetzt. Sucht nach Dopamin Ausschüttung.

  • Die EU /../ hat wohl die Hoffnung aufgegeben, die Tech-Konzerne direkt in die Verantwortung zu nehmen.







    ..und da hat sie recht die EU. Denn die heutigen Platformen sind nunmal auf Geschäftsinteressen gegründet. Und angesichts der Bedeutung, die diese Platformen mittlerweile (und in Zukunft noch mehr) für die Gesellschaften haben, ist das ein grundsätzliches Problem, was sich auch nicht durch ein bißchen Kontrolle lösen läßt.



    Deshalb ist es gut, daß dieses Komplexe Thema mittlerweile in aller Breite diskutiert wird. Und es ist gut, daß sich die EU auf den Weg macht eigene Platformen zu entwickeln.



    Mit der aufkommenden KI werden noch viele weitere Herausforderungen dazu kommen..und das Thema wird uns noch lange beschäftigen.



    Wobei die Trump Administration ja deutlich aufzeigt, daß sich Europa in vielerlei Hinsicht unabhängig machen muß. Digitale Souveränität ist da eines der besonders wichtigen Felder.



    Vlt wäre es gut auch mal Visionen oder Zielvorstellungen zu entwickeln, was oder wie Digitale Kommunikation in Zukunft beschaffen sein soll. Denn so oder so: sie wird unser Leben in hohem Maße prägen. Sorgen wir also dafür daß es dabei sinnvoll, gerecht und demokratisch zugeht.

  • Es ist immer so schön und leicht gesagt, dass die Plattformen in Verantwortung zu ziehen sind. Was soll das bedeuten? Welche Inhalte sollen den nicht mehr abrufbar sein?

    Dazu findet man meist nur nebulöses. Was stellen sich die TAZ Leser darunter vor?

    • @Hitchhiker:

      Grundsätzlich:



      - Nur Inhalte zeigen, die man abonniert hat oder wirklich folgt



      - Kein endloses Scrollen mehr



      - Empehlungen sollten nur noch auf einer Extraseite und nicht mehr auf der Startseite



      - Keine Algorithmischen Empfehlungen mehr auf Basis von Engagement.



      - Einfaches Melden von Inhalten und bessere Moderation



      - Einfache Möglichkeit eine Seite zu verlassen ohne seine Kontakte zu verlieren



      - Möglichkeit seine Inhalte zu löschen oder zu archivieren oder herunter zu laden

      Gibt bestimmt noch mehr aber keine dieser Maßnahmen erfordert von der Plattform zu wissen, wie alt jemand ist.

      • @tehabe:

        kleine Annekdote: vor einiger Zeit wurden auf Youtube "Shorts" (also kleine Video-Schnipsel wie bei TicToc inkl. Endlos-Scrollen) auf der Startseite eingeführt. Jetzt gibt es Tutorial-Videos, Browser-Extensions und Reddit-Beiträge um das auszublenden. Nur einen "Aus"-Knopf - den gibt es nicht.

        Menschen mit denen ich so geredet habe empfanden das größtenteils als lästig - konnten sich dem aber meist dennoch schwer entziehen.

        Um mich rückzuversichern habe ich nochmal Google gefragt. Und siehe da - nach Jahren gibt es nun mit einem niegelnagelneuen Update folgende Möglichkeit:

        "über die Einstel­lungen zum Menü­punkt "Zeit­manage­ment". Ganz unten im Bereich "Tages­limits" ist dort die Option "Limits für den Shorts-Feed" inte­griert. Zuvor gab es "15 Minuten" als kleinste Begren­zung, nun gibt es ergän­zend "0 Minuten". Diese Option müssen Sie wählen, wenn Sie die Shorts aus Ihrer Start­seite verbannen wollen. Tauchen weiterhin Kurz­videos auf, hilft es, einen Clip aufzu­rufen und wieder zu schließen. Bei uns in der Redak­tion erschienen anschlie­ßend keine Shorts mehr."

        [Artikel von heute auf www.teltarif.de]

        • @drum:

          Unter Abschalten verstehe ich etwas anderes, denn dies funktioniert nur in den Apps für iOS und Android. Im Web und auf Apple TV sind sie immer noch zu sehen und die Zeitvorgabe greift dort nicht. Hat auch nur tw. mit meinen Forderungen etwas zu tun.

  • Alterskontrollen werden nicht funktionieren, auch diese App nicht. Denn wenn jeder eine solche App braucht, um sich auf einer öffentlichen Plattform zu beteiligen, werden es bestimmte Menschen nicht mehr tun können und werden so ausgeschlossen. Und Alterskontrollen durch die Plattformen selbst sind immer eine Datenschutz-Katastrophe. Was passieren muss ist eine Regulierung der Empfehlungsalgorithmen und der Seitengestaltung der Social-Media-Plattformen. Denn das Problem ist, dass die Unternehmen ihre Seiten so gestaltet haben, dass man eben möglichst lange auf der Seite bleibt. Und dies ist unabhängig vom Alter.

    • @tehabe:

      völlig barrierefrei und komplett anonym wird es nicht funktionieren, eine Regel erfordert per Defintion eine Kontrolle. Das da auch Personen schlechtergestellt werden ist leider nicht zu vermeiden, ein Wasch mich, mach mich aber nicht nass funktioniert leider nicht. Es wird keine perfekte Lösung geben, egal was und wie reguliert wird, es muss immer neu verhandelt und nachgebessert werden.



      Das die Plattformen einmal optimal und ohne Hass gestaltet sein werden ist selbst in einer optimalen Vorstellung, wohl leider utopisch. Wenn das im bereich des Möglichen läge, bräuchte es auch keine Gesetze und Kontrollen in der realen Welt

      • @nutzer:

        Nur können wir nicht erst einmal Dinge umsetzen und einfordern, die nicht unsere Privatsphäre kaputt machen und uns zwingen mit unserem Alter durchs Internet zu surfen?

  • Klingt erstmal nach einem hehren Ziel.

    Aber: Am Ende wird die App zusammen mit der Klarnamenpflicht, der digitalen ID und dem digitalen Euro zum komplett transparenten und überall nachverfolgbaren Bürger führen.

  • Die App hilft dabei, die Plattformen zur Verantwortung zu ziehen. Weil sie vorgibt, wie eine rechtlich und technisch einwandfreie Lösung aussehen kann. Die Alterabsfrage wird schließlich jeden Nutzer treffen und würde zum Beispiel ein Tracking erlauben, weshalb Datenschutzrecht zu beachten ist. Und damit gibt es keine Ausreden mehr. Die Durchsetzung erfolgt dann über Artikel 28 Digital Services Act.

  • Es ist gut Antworten zu finden.



    Dass das Internet mittlerweile nicht mehr besonders "sozial" ist, hat sich ja bereits herumgesprochen.



    Mit dem Verbot für Jugendliche tragen die voranschreitenden Länder dieser Tatsache Rechnung.



    Die Erwachsenen müssen sich gerichtlich gegen Anfeindungen durchsetzen und es ist gut, dass die Thematik sexuelle Übergriffe im Netz parallel vom Gesetzgeber bearbeitet wird.



    Mobbing bei Kindern und Jugendlichen einzuschränken ist jedenfalls eine gute Idee.



    Abgesehen davon ist massive Internetnutzung mittlerweile als Abhängigkeitsproblem erkannt worden.



    Der Gesetzgeber hat gute Erfahrungen mit Jugendschutz gemacht, indem Zigaretten und Alkoholkonsum eingeschränkt wurden.



    Dies auch in diesem Bereich zu tun ist zeitgemäß.



    Leider hat sich das soziale Leben im Internet sehr negativ entwickelt. Natürlich wäre es schön, wenn Hass allgemein wieder reduziert würde.



    Es wäre auch schön, wenn die Internet-Giganten mit mehr Steuern auch ein wenig ihre gesellschaftlichen Schäden abmildern würden.



    Mit dem Machbaren zu beginnen ist allerdings wirklichkeitsnah.



    Den Anschluss an diese Politik sollten wir nicht verstreichen lassen.

    • @Philippo1000:

      Ja, es ist gut Antworten zu finden, nur müssen diese Antworten auch gut sein. Alterskontrolle bei Social Media ist eine schlechte Antwort auf die Probleme mit Social Media. Die Probleme bei Social Media sind, dass die Dienste an sich nicht abhǎngig machen aber von den Betreibern bewusst so gestaltet worden sind, dass sie abhängig machen. Dies passiert unabhängig vom Alter. Daher sind Altersverifikation nutzlos.

      • @tehabe:

        Das Erwachsene lernen müssen für sich selbst Verantwortung zu übernehmen ist eins.



        Dass Staat und Gesellschaft eine besondere Aufgabe im Jugendschutz haben, hatte ich bisher als Konsens vorausgesetzt.



        Ihrer Argumentation folgend ist Schutz, der nur für Kinder und Jugendliche gilt, nutzlos.



        Das ist eine Position mit der Sie wahrscheinlich ziemlich alleine stehen .

        • @Philippo1000:

          Das Problem ist, dass solche Regeln halt auch Erwachsene gezwungen sind sich überall auszuweisen, und Dienste nicht mehr annonym verwendet werden können. Auch werden Jugendliche von der öffentliche Teilhabe ausgeschlossen. Und deshalb muss die Jugend endlich besser vor Jugendschützern geschützt werden. Die laufen nämlich bloß jeder moral panic hinterher und machen alles nur noch schlimmer. Die Jugend wird nicht geschützt, eher eingeschränkt und Entwicklung verhindert.

  • Ich finde die Art und Weise wie sich Politiker, aber auch die Allgemeinheit, mit diesem Thema beschäftigen eher erbärmlich.



    Der Kampf ist längst verloren und wenn man meint da noch etwas ändern zu wollen (Verbreitung ekelhafter Videos oder sonst was), kann man ja versuchen individuell festgelegte Zugangskriterien (Internet und Inhalte) sicher zu entwickeln. Ach was rede ich....Auch das wird auf Dauer nicht funktionieren...vom Aufwand mal ganz abgesehen....

  • Die Anerkennung der Realität ist manchmal die Voraussetzung die Realität zu ändern, eigentlich immer sogar.....